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DK097 - Klimakompensation funktioniert nicht!

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...und wir treffen uns am 27.10.2023 am Bodensee!

DK097 - Klimakompensation funktioniert nicht!

…und wir treffen uns am 27.10.2023 am Bodensee!

"Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

In Folge 97 fragen wir uns, wie das mit der Klimakompensation läuft. Kann man sich von seinen Co2-Emissionen freikaufen? Man kanns probieren, aber so richtig funktionieren tut das nicht. Dazu gibt es aktuelle Forschung und genau darüber und den Rest sprechen wir in dieser Folge. Wir schauen uns REDD+ Projekte zum Schutz der Wälder an und klären, warum sie nicht funktionieren.

Außerdem: Am 27.10.2023 gibt es ein kleines Hörertreffen in Überlingen am Bodensee. Details in den Shownotes.

Wer den Podcast unterstützen will, kann das gerne tun: https://steadyhq.com/de/dasklima/ und https://www.paypal.me/florianfreistetter.

Klimakompensation

Die Frage um die es geht lautet:

Wie kann man "CO2-neutral" werden, wenn man trotzdem noch Treibhausgase emittiert?

Man kompensiert: Man sorgt also dafür, dass die Menge an Treibhausgase, die man selbst nicht einsparen kann, woanders eingespart werden.

Die Idee ist auf den ersten Blick gar nicht mal so dumm. Weil das Klima ist global und es ist egal, wo die Treibhausgase ausgestoßen werden - oder eingespart werden.

Wie macht man das konkret? Gibt unterschiedliche Methoden. Am besten wäre es, wenn man die Menge, die man selbst ausstößt, irgendwie direkt aus der Atmosphäre rausholen könnte. Geht theoretisch, ist in der Praxis aber noch nicht so wirklich durchführbar, zumindest nicht in relevanten Mengen.

Aber es geht indirekt, zum Beispiel durch Aufforstung. Ein Baum holt eine gewisse Menge an CO2 aus der Atmosphäre und speichert die für eine gewisse Zeit. Ich könnte also ausrechnen, wie viele Bäume ich brauche, um das CO2 einzusammeln, dass ich selbst freisetze und dann einfach eine entsprechende Menge pflanzen. Klingt gut, gibt aber ein paar Fallstricke - darüber reden wir dann später noch; das wird das eigentliche Thema dieser Folge sein.

Zuerst schauen wir noch kurz, was es sonst für Kompensationsprojekte gibt. Ich kann zum Beispiel einfach eine Windkraftanlage irgendwo hin bauen. Die spart auch CO2 ein. Oder den Menschen, die jetzt mit sehr ineffizienten Öfen heizen müssen, effiziente Öfen geben. Ich könnte auch einfach einen Schwung Wärmepumpen kaufen und an Leute verschenken, dann wird auch CO2 eingespart. Und so weiter - es gibt noch mehr Projekte, die wir vielleicht am Ende noch anschauen.

Wir müssen aber zuerst noch ein Grundprinzip der Kompensation klären, nämlich die sogenannte "Zusätzlichkeit" der Emissionsminderung. Ich besitze zum Beispiel kein Auto. Das heißt, im Vergleich zu einem Durchschnittsmensch in Österreich spare ich dadurch eine gewisse Menge an CO2 ein. Jetzt kann aber nicht einfach eine Firma herkommen und sagen: Schau, der Florian Freistetter spart da was ein, das heißt wir können eine entsprechende Menge CO2 in die Luft pusten. Das wäre keine Kompensation. Die gäbe es nur, wenn ich sage: Hey, ich kauf mir jetzt ein Auto und fahr damit die ganze Zeit herum. Es sei denn, irgendwer gibt mir Geld, das nicht zu tun! Wenn mir dann jemand Geld gibt und ich tatsächlich nur deswegen nicht mit dem Auto fahre, ist tatsächlich im Sinne dieses Wortes etwas kompensiert worden.

Kompensation kann es auf unterschiedlichen Ebenen geben. Es kann auf staatlicher Ebene passieren, wenn Länder zum Beispiel im Rahmen des Pariser Klimaabkommens ihre CO2-Emissionen verringern müssen. Und es gibt die freiwilligen Märkte, also das, was man kennt, wenn man zum Beispiel mit dem Flugzeug in Urlaub fliegt, ein schlechtes Gewissen hat und die beim Flug entstehenden Emissionen kompensieren will.

Wir werden heute vor allem über den zweiten Fall reden, es geht jetzt also nicht um die per Gesetz festgelegten CO2-Preise und Zertifikate, die Firmen dann kaufen müssen, wenn sie CO2 emittieren oder verkaufen können, wenn sie Emissionen eingespart haben, und so weiter. Wir schauen ganz allgemein auf die Kompensation beziehungsweise speziell auf eine Art der CO2-Einsparung, die unter dem Akronym REDD+ bekannt ist.

Ich rede jetzt noch kurz über dieses Akronym, weil es eh noch später komplex genug wird. Dieses REDD+-Konzept hat ne lange Geschichte, die ist durchaus spannend und man kann daraus einiges über Klimapolitik lernen. Das muss ich aber auslassen, sonst wirds zu viel heute. Das ganze hat 2005 angefangen, damals als RED, mit einem D, ohne +. Das steht für "„Reducing Emissions from Deforestation in Developing Countries“ und war genau das, ein Vorschlag von Costa Rica und Papua Neuguinea wie man die Abholzung irgendwie begrenzen kann. Auf der Klimakonferenz 2007 in Bali hat man dann ein zweites D dazu gegeben und "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation" draus gemacht. Es geht jetzt also nicht mehr nur um Abholzung sondern auch Waldschädigung. Und 2009 hat man dann gesagt, wir inkludieren in das ganze Projekt auch noch den Erhalt der Wälder, die Erhöhung der Kohlenstoffspeicherfähigkeit, die unterschiedlichen Formen der Waldwirtschaft und hat das ganze Ding "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation and the role of conservation, sustainable management of forests and enhancement of forest carbon stocks in developing countries" genannt, aber netterweise kein neues Akronym mehr daraus gebastelt, sondern einfach REDD+ genommen.

Was heißt das jetzt? Die Grundidee ist simpel: Leute holzen Wälder ab, weil das Geld einbringt. Ein gefällter Baum hat einen gewissen Wert, ein Baum, der einfach nur so rumsteht, nicht unbedingt. Vor allem, wenn es ein Baum ist, der einfach nur so im Wald rumsteht und nicht auf einer schönen Plantage irgendwelche Früchte produziert. Aber was, wenn man den Leuten einfach Geld zahlt, damit sie eine Baum NICHT fällen? Dann hat der Wald einen Wert - denn er aus Klimasicht ja sowieso hat, aber dann kann man das irgendwie in das kapitalistische System reinbasteln.

Auch diese Idee ist prinzipiell gut. Aber halt auch schwierig umzusetzen. Weil ich kann ja nicht einfach hingehen und sagen: So, da ist unser Wald, wir hätten gern X Millionen Euro dafür. Bzw. kann man schon und wär vermutlich auch gar nicht so blöd, das so zu machen. Aber wir müssen ja mit diesem Konzept der "Zusätzlichkeit" arbeiten. Es geht bei REDD+ also nur um Zahlungen, die auf gewissen Leistungen basieren und die Leistung ist es, den Wald zu schützen, so dass messbare und überprüfbare Reduktionen bei den Emissionen entstehen.

Man muss also vorher irgendwie ausrechnen, wie viel Emissionen bei "normaler" Abholzung entstehen würden und dann berechnen, wie viel man eingespart hat, weil man irgendwelche Schutzmaßnahmen oder Ähnliches gesetzt hat. Daraus ergibt sich eine gewisse Menge an CO2, das eingespart worden ist, und dafür kann man dann Geld kriegen. Wie genau man Geld kriegt, ist wieder eine ganz andere Sache; da gibt es wieder die bekannten "Finanzierungslücken" und so weiter. Aber wenn wir jetzt mal die staatliche Seite beiseite lassen, dann kann man dafür einfach entsprechende Zertifikate ausgeben und verkaufen. Zertifikate, die man dann auch als Privatperson kaufen kann, wenn man irgendwo was kompensieren will oder als Firma, die gerne CO2-neutral werden will.

Es geht also jetzt nicht um staatliche REDD+-Initiativen, da gibt es noch nichts Verbindliches, sondern quasi private REDD+-Projekte, die dann auch nur kleinere Gegenden umfassen und nicht zum Beispiel den gesamten Waldbestand eines Landes.

Womit wir jetzt bei den Problemen sind. Und davon gibt es jede Menge, bei der Kompensation allgemein und bei REDD+ im Speziellen. Das fängt schon mal damit an, dass ein Wald zwar wichtig als CO2-Speicher ist, aber eben nicht nur. In so einem Wald geht noch viel mehr, da geht es um Artenvielfalt, um Schutzwirkung vor Naturkatastrophen (Murenabgänge, etc). Aus REDD-Sicht spielt das aber keine so große Rolle, da geht es nur um CO2-Speicherung und eine Ölpalmenplantage kann unter Umständen als Klimschutzprojekt durchgehen. Dann ist REDD+ auch ein Instrument, dass Klimaschutz auf die sich entwickelnden Länder abwälzt, die ja eigentlich eh nicht so viel dafür können. Aber Klimaschutz ist die Aufgabe von allen Ländern und ganz besonders von den reichen Industrienationen.

Das eigentliche Problem sind aber die REDD+-Projekte selbst. Das ganze Konzept macht überhaupt nur dann Sinn, wenn damit tatsächlich Emissionen eingespart werden. Und das ist nicht immer so einfach zu überprüfen, wie man möchte bzw. wird nicht so gemacht, wie es gemacht werden sollte. Dazu ist Ende August eine Forschungsarbeit erschienen, in Science. Mit dem durchaus bemerkenswerten Titel "Action needed to make carbon offsets from forest conservation work for climate change mitigation" bzw auch hier frei zugänglich.

"Action needed" liest man nicht so oft im Titel einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Leute dort haben sich 26 REDD-Projekte angesehen, in Südamerika, Afrika und Asien - überall dort, wo tropischer Regenwald ist. Und haben versucht, den Effekt dieser Projekte unabhängig zu bewerten. Es geht, wie gesagt, um private REDD-Projekte, wo Wälder durch diverse Maßnahmen geschützt werden sollen, zum Beispiel durch verstärkte Überwachung, Verbreitung nachhaltiger Maßnahmen der Waldwirtschaft, die lokale Bevölkerung einbeziehen, und so weiter. Diese Projekte werden finanziert durch die Kommerzialisierung der eingesparten CO2-Mengen, aus der Atmosphäre entfernt oder zumindest nicht emittiert werden, wegen der Projekte. Das ist keine geringe Menge an Geld, die da involviert ist, 1,3 Milliarden Dollar sind 2021 über REDD-Projekte gehandelt worden.

Wie berechnet man jetzt die Menge an eingespartem CO2? Vereinfacht gesagt: Man schaut, wie viel Wald in einer bestimmten Gegend da ist und vergleicht das mit dem, was man erwartet hätte, wenn das entsprechende REDD+-Projekt nicht stattgefunden hätte; man bastelt also ein "Baseline Szenario" aus historischen Daten über Abholzung etc.

Das ist aber schon ein bisschen knifflig. Weil wenn sich irgendwo politisch oder wirtschaftlich etwas verändert, dann hat das Einfluss auf die Abholzung. Hat man ja zB in Brasilien gesehen: Der eine Präsident sagt, alles wird abgeholzt, der andere will wieder Wald schützen. Die aus historischen Daten stammenden Basislinien der Abholzung, mit denen man den Effekt der Projekte vergleicht, haben also vielleicht am Ende gar nix mit der Realität zu tun und das macht die Abschätzung des Erfolgs eines Projekts enorm fehleranfällig. Und man kann natürlich auch einfach betrügen: Ich muss nur behaupten, dass da enorm viel abgeholzt worden wäre, dann wächst dadurch automatisch der Erfolg meines Projekts.

Es fehlt also, kurz gesagt, bei vielen dieser REDD-Projekte möglicherweise die "Zusätzlichkeit"; wir wissen nicht, ob die wirklich verantwortlich sind für die Einsparung oder nicht.

In dieser Studie hat man jetzt eine "synthetische Kontrolle" modelliert, also Kontrollregionen gesucht, die eine ähnliche Waldbedeckung haben wie die Projektregionen, die auch sonst ähnlich sind und die einem ähnlichen Abholzungsdruck ausgesetzt sind. Man hat auch geschaut, dass die historische Entwicklung der Abholzung ähnlich war, usw. Das haben sie dann auch getestet und geschaut, ob ihre Modellregionen die Abholzungsrate reproduzieren können, die in den Projektregionen vor Start der REDD-Projekte geherrscht haben. Und sich dann nur die genommen, wo der Test auch funktioniert hat. Das waren dann am Ende die schon erwähnten 26 REDD-Projekte.

Was haben sie gefunden? Acht der 26 Projekte haben Anzeichen von "Zusätzlichkeit" gezeigt, könnten also tatsächlich etwas bewirkt haben, was nicht passiert wäre, wenn es die Projekte nicht gegeben hätte. Das war vor allem bei den Projekten in Peru der Fall, da war das bei der Hälfte so. Bei den afrikanischen Projekten war gar kein Effekt der Projekte zu sehen.

Ist natürlich 1) nicht gut für den Wald und 2) nicht gut für die ganze CO2-Kompensation. Wenn man das entsprechend berechnet, dann sind 68% der Zertifikate dieser Projekte verkauft worden, obwohl die Projekte genau nix an CO2 eingespart haben. Und bei den restlichen 32 Prozent ist zwar was eingespart worden, aber nicht so viel wie behauptet - weil selbst bei den Projekten, die einen Effekt hatten, war der Effekt kleiner als behauptet. Tatsächlich sind insgesamt nur 6 Prozent der CO2-Menge eingespart wurden, die behauptet wurde.

Jetzt sind noch nicht alle dieser Zertifikate verkauft worden, aber wenn man sich die anschaut, die verkauft worden sind, dann sind das dreimal mehr, als durch die Projekte eigentlich eingespart worden sind.

Warum haben die Projekte nicht funktioniert? Zum einen, weil die Baselines falsch waren; weil man von höherer Abholzung ausgegangen ist, als dann tatsächlich stattgefunden hat, als die Projekte gestartet worden sind. Man hat den Effekt also deutlich überschätzt. Man hat sich die falschen Regionen ausgesucht, also Gegenden, wo eh schon wenig abgeholzt wird. Und natürlich wird man auch hier und dort einfach behauptet haben, viel einsparen zu können, damit man besser Zertifikate verkaufen kann.

Und dann kann das Projekt auch einfach so nicht funktionieren. Es ist ja leicht zu sagen: Hier holzen wir nix ab. Aber wenn dann doch wer kommt und Bäume fällt und man keinen Plan hat, wie man das verhindert, dann bringts auch nix. Projekte können schlecht gemanagt sein, können zu wenig finanziert sein.

Was kann man dagegen tun? Mehr Transparenz. Die Bewertung der Projekte muss extern und unabhängig erfolgen, nicht durch die Betreiber selbst. Strengere Regeln und vor allem: Sich das genau anschauen, was tatsächlich funktioniert hat, zum Beispiel die Projekte in Peru.

Oder - jetzt kommt wieder meine Meinung und nicht die Forschungsarbeit - sich überlegen, ob das mit dieser Kompensation wirklich so ein super Plan ist. REDD+ an sich ist ja ne gute Idee. Wälder gehören geschützt, es gehört sinnvoll aufgeforstet, und so weiter und dafür muss es im Rahmen der internationalen Klimapolitik auch Geld geben und entsprechende Finanzierungsmechanismen. Aber ich halte es zumindest für fraglich, ob man da einen privatwirtschaftlichen Handel mit Zertifikaten braucht.

Womit wir jetzt wieder bei der Kompensation allgemein sind, und nicht nur bei REDD+. Das scheint ja nicht so zu funktionieren, wie es gedacht war. Aber so wie es gedacht war, ist es auch nicht unbedingt optimal. Weil man - auch aus der Forschung - durchaus weiß, dass das Kompensieren nicht zwingend dazu führt, dass was reduziert wird. Man hat zeigen können, dass Menschen, die ihre Emissionen kompensieren, das quasi als Ausrede nutzen (meistens unbewusst) um mehr klimaschädliche Sachen zu machen, vermutlich weil die Kompensation das unbewusste Schuldgefühl reduziert.

Wenn das nur private Projekte sind, kann sich das Problem auch nur verlagern. Ich mache ein REDD+-Projekt und schütze in der einen Gegend einen Haufen Wald. Und die globale Holzfirma sagt dann, ok, dann schneiden wir die Bäume eben in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent um.

Und dann gibt es auch noch physikalische Probleme. Wir wollen das CO2 dauerhaft nicht in der Atmosphäre. Wenn ich jetzt aber einen Wald pflanze als Kompensation und der brennt dann aber beim nächsten Waldbrand ab: Dann hab ich genau nix kompensiert.

Psychologisch ist es auch ein Problem: Eine Firma kann sich einen Haufen Zertifikate kaufen und dann sagen: Wir sind klimaneutral. Unsere Produkte sind klimaneutral. Könnt ihr ohne Probleme kaufen, ohne schlechtes Gewissen. Nur sind das dann halt vielleicht Zertifikate, die genau nix gebracht haben. "Greenwashing" ist mittlerweile weit verbreitet und die vielen Anbieter von Zertifikaten, mit diversen unterschiedlichen Standards, mangelnder Transparenz usw machen es schwer, zu klären, was da wirklich abgeht.

Politische Probleme gibt es auch: Wenn jetzt zum Beispiel in Peru Wald geschützt wird, kann Peru sagen: Hey, wir haben hier X Tonnen CO2 durch Waldschutz eingespart und kann das zum Beispiel für die NDCs im Pariser Klimaabkommen anrechnen. Wenn in Deutschland eine Firma einen Haufen ihrer Emissionen kompensiert und zwar mit Zertifikaten aus dem Projekt in Peru, dann kann sie auch sagen: Wir haben X Tonnen eingespart und Deutschland kann das dann aus seinem Budget für Paris für den Industriesektor abziehen. Jetzt hat man das aber natürlich doppelt gezählt und für dieses Problem gibt es noch keine wirklich international verbindliche Lösung.

Dann kommen noch moralische Probleme dazu, wenn zum Beispiel einer Firma erlaubt wird, irgendwo Wald aufzuforsten, wo aber eigentlich schon lange Leute leben, die da jetzt spontan keinen Wald haben wollen, dann kann man die wunderbar vertreiben und ihnen ihr Land wegnehmen (ist in Uganda zB passiert). Ist gut fürs Klima, aber nicht das, was wir eigentlich wollen.

Am Ende ist die Kompensationssache halt vor allem deswegen ein Problem, weil wir unsere Emissionen nicht kompensieren müssen, sondern einstellen! Wir müssen so viel reduzieren wie nur irgendwie geht und nur bei dem, was tatsächlich gar nicht mehr geht, können und müssen wir uns überlegen, wie wir das irgendwie sinnvoll kompensieren können. Aber die Kompensation, so wie sie jetzt existiert, lädt einen ein, das zu vergessen. Hab ich kompensiert, muss ich mich nicht mehr kümmern. Oder: Wir kompensieren eh; wir brauchen dafür kein Tempolimit, können weiter Billigflieger betreiben, können weiter Öl fördern, etc.

Es gibt alternative Konzepte für so etwas wie die Kompensation; das läuft dann unter dem Stichwort "Klimaverantwortung", da kann man auch Emissionen einen Preis zuweisen, usw. Aber das heben wir uns vielleicht mal für eine andere Folge auf.

Hörertreffen am 27.10.2023 in Überlingen am Bodensee

Florian wird am 26.10.2023 einen Vortrag in Überlingen am Bodensee halten. Der Eintritt ist kostenlos und mehr Infos gibt es hier - die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Weil Florian am 28.10.2023 nebenan in der Schweiz noch einen Vortrag hält (Infos hier), nutzen wir die Gelegenheit, um am 27.10.2023 in Überlingen nicht nur die Folge 100 aufzunehmen, sondern uns auch mit Hörerinnen und Hörern zu treffen.

Wir treffen uns in Überlingen, beim Denkmal des Bodenseereiters. Da gibt es nicht nur nen Kiosk und ein öffentliches WC, sondern nebenan auch eine Pizzeria - da sollte eigentlich für alles gesorgt sein. Wer kommen will, kommt also am besten um 17 Uhr dorthin, oder später nach. Wir haben uns die Zeit von 17 bis 21 Uhr für das Treffen reserviert. Ihr könnt uns auch gerne noch eine Mail schreiben, wenn ihr kommen wollt: podcast@dasklima.fm

Hinweis zur Werbung und Unterstützung

Ein kleiner Hinweis: In “Das Klima” gibt es keine Werbung. Wenn ihr Werbung hört, dann liegt das nicht an uns; dann hat jemand unerlaubt und ohne unser Wissen den Podcast-Feed kopiert und Werbung eingefügt. Wir machen keine Werbung - aber man kann uns gerne was spenden, geht auch bei PayPal.

Kontakt und weitere Projekte

Wenn ihr Fragen oder Feedback habt, dann schickt uns einfach eine Email an podcast@dasklima.fm. Alle Folgen und alle Shownotes findet ihr unter https://dasklima.fm.

Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” regelmäßig über Wissenschaft.

Ansonsten findet ihr uns in den üblichen sozialen Medien:

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In Folge 97 fragen wir uns, wie das mit der Klimakompensation läuft. Kann man sich von seinen Co2-Emissionen freikaufen? Man kanns probieren, aber so richtig funktionieren tut das nicht. Dazu gibt es aktuelle Forschung und genau darüber und den Rest sprechen wir in dieser Folge. Wir schauen uns REDD+ Projekte zum Schutz der Wälder an und klären, warum sie nicht funktionieren.

Außerdem: Am 27.10.2023 gibt es ein kleines Hörertreffen in Überlingen am Bodensee. Details in den Shownotes.

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Klimakompensation

Die Frage um die es geht lautet:

Wie kann man "CO2-neutral" werden, wenn man trotzdem noch Treibhausgase emittiert?

Man kompensiert: Man sorgt also dafür, dass die Menge an Treibhausgase, die man selbst nicht einsparen kann, woanders eingespart werden.

Die Idee ist auf den ersten Blick gar nicht mal so dumm. Weil das Klima ist global und es ist egal, wo die Treibhausgase ausgestoßen werden - oder eingespart werden.

Wie macht man das konkret? Gibt unterschiedliche Methoden. Am besten wäre es, wenn man die Menge, die man selbst ausstößt, irgendwie direkt aus der Atmosphäre rausholen könnte. Geht theoretisch, ist in der Praxis aber noch nicht so wirklich durchführbar, zumindest nicht in relevanten Mengen.

Aber es geht indirekt, zum Beispiel durch Aufforstung. Ein Baum holt eine gewisse Menge an CO2 aus der Atmosphäre und speichert die für eine gewisse Zeit. Ich könnte also ausrechnen, wie viele Bäume ich brauche, um das CO2 einzusammeln, dass ich selbst freisetze und dann einfach eine entsprechende Menge pflanzen. Klingt gut, gibt aber ein paar Fallstricke - darüber reden wir dann später noch; das wird das eigentliche Thema dieser Folge sein.

Zuerst schauen wir noch kurz, was es sonst für Kompensationsprojekte gibt. Ich kann zum Beispiel einfach eine Windkraftanlage irgendwo hin bauen. Die spart auch CO2 ein. Oder den Menschen, die jetzt mit sehr ineffizienten Öfen heizen müssen, effiziente Öfen geben. Ich könnte auch einfach einen Schwung Wärmepumpen kaufen und an Leute verschenken, dann wird auch CO2 eingespart. Und so weiter - es gibt noch mehr Projekte, die wir vielleicht am Ende noch anschauen.

Wir müssen aber zuerst noch ein Grundprinzip der Kompensation klären, nämlich die sogenannte "Zusätzlichkeit" der Emissionsminderung. Ich besitze zum Beispiel kein Auto. Das heißt, im Vergleich zu einem Durchschnittsmensch in Österreich spare ich dadurch eine gewisse Menge an CO2 ein. Jetzt kann aber nicht einfach eine Firma herkommen und sagen: Schau, der Florian Freistetter spart da was ein, das heißt wir können eine entsprechende Menge CO2 in die Luft pusten. Das wäre keine Kompensation. Die gäbe es nur, wenn ich sage: Hey, ich kauf mir jetzt ein Auto und fahr damit die ganze Zeit herum. Es sei denn, irgendwer gibt mir Geld, das nicht zu tun! Wenn mir dann jemand Geld gibt und ich tatsächlich nur deswegen nicht mit dem Auto fahre, ist tatsächlich im Sinne dieses Wortes etwas kompensiert worden.

Kompensation kann es auf unterschiedlichen Ebenen geben. Es kann auf staatlicher Ebene passieren, wenn Länder zum Beispiel im Rahmen des Pariser Klimaabkommens ihre CO2-Emissionen verringern müssen. Und es gibt die freiwilligen Märkte, also das, was man kennt, wenn man zum Beispiel mit dem Flugzeug in Urlaub fliegt, ein schlechtes Gewissen hat und die beim Flug entstehenden Emissionen kompensieren will.

Wir werden heute vor allem über den zweiten Fall reden, es geht jetzt also nicht um die per Gesetz festgelegten CO2-Preise und Zertifikate, die Firmen dann kaufen müssen, wenn sie CO2 emittieren oder verkaufen können, wenn sie Emissionen eingespart haben, und so weiter. Wir schauen ganz allgemein auf die Kompensation beziehungsweise speziell auf eine Art der CO2-Einsparung, die unter dem Akronym REDD+ bekannt ist.

Ich rede jetzt noch kurz über dieses Akronym, weil es eh noch später komplex genug wird. Dieses REDD+-Konzept hat ne lange Geschichte, die ist durchaus spannend und man kann daraus einiges über Klimapolitik lernen. Das muss ich aber auslassen, sonst wirds zu viel heute. Das ganze hat 2005 angefangen, damals als RED, mit einem D, ohne +. Das steht für "„Reducing Emissions from Deforestation in Developing Countries“ und war genau das, ein Vorschlag von Costa Rica und Papua Neuguinea wie man die Abholzung irgendwie begrenzen kann. Auf der Klimakonferenz 2007 in Bali hat man dann ein zweites D dazu gegeben und "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation" draus gemacht. Es geht jetzt also nicht mehr nur um Abholzung sondern auch Waldschädigung. Und 2009 hat man dann gesagt, wir inkludieren in das ganze Projekt auch noch den Erhalt der Wälder, die Erhöhung der Kohlenstoffspeicherfähigkeit, die unterschiedlichen Formen der Waldwirtschaft und hat das ganze Ding "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation and the role of conservation, sustainable management of forests and enhancement of forest carbon stocks in developing countries" genannt, aber netterweise kein neues Akronym mehr daraus gebastelt, sondern einfach REDD+ genommen.

Was heißt das jetzt? Die Grundidee ist simpel: Leute holzen Wälder ab, weil das Geld einbringt. Ein gefällter Baum hat einen gewissen Wert, ein Baum, der einfach nur so rumsteht, nicht unbedingt. Vor allem, wenn es ein Baum ist, der einfach nur so im Wald rumsteht und nicht auf einer schönen Plantage irgendwelche Früchte produziert. Aber was, wenn man den Leuten einfach Geld zahlt, damit sie eine Baum NICHT fällen? Dann hat der Wald einen Wert - denn er aus Klimasicht ja sowieso hat, aber dann kann man das irgendwie in das kapitalistische System reinbasteln.

Auch diese Idee ist prinzipiell gut. Aber halt auch schwierig umzusetzen. Weil ich kann ja nicht einfach hingehen und sagen: So, da ist unser Wald, wir hätten gern X Millionen Euro dafür. Bzw. kann man schon und wär vermutlich auch gar nicht so blöd, das so zu machen. Aber wir müssen ja mit diesem Konzept der "Zusätzlichkeit" arbeiten. Es geht bei REDD+ also nur um Zahlungen, die auf gewissen Leistungen basieren und die Leistung ist es, den Wald zu schützen, so dass messbare und überprüfbare Reduktionen bei den Emissionen entstehen.

Man muss also vorher irgendwie ausrechnen, wie viel Emissionen bei "normaler" Abholzung entstehen würden und dann berechnen, wie viel man eingespart hat, weil man irgendwelche Schutzmaßnahmen oder Ähnliches gesetzt hat. Daraus ergibt sich eine gewisse Menge an CO2, das eingespart worden ist, und dafür kann man dann Geld kriegen. Wie genau man Geld kriegt, ist wieder eine ganz andere Sache; da gibt es wieder die bekannten "Finanzierungslücken" und so weiter. Aber wenn wir jetzt mal die staatliche Seite beiseite lassen, dann kann man dafür einfach entsprechende Zertifikate ausgeben und verkaufen. Zertifikate, die man dann auch als Privatperson kaufen kann, wenn man irgendwo was kompensieren will oder als Firma, die gerne CO2-neutral werden will.

Es geht also jetzt nicht um staatliche REDD+-Initiativen, da gibt es noch nichts Verbindliches, sondern quasi private REDD+-Projekte, die dann auch nur kleinere Gegenden umfassen und nicht zum Beispiel den gesamten Waldbestand eines Landes.

Womit wir jetzt bei den Problemen sind. Und davon gibt es jede Menge, bei der Kompensation allgemein und bei REDD+ im Speziellen. Das fängt schon mal damit an, dass ein Wald zwar wichtig als CO2-Speicher ist, aber eben nicht nur. In so einem Wald geht noch viel mehr, da geht es um Artenvielfalt, um Schutzwirkung vor Naturkatastrophen (Murenabgänge, etc). Aus REDD-Sicht spielt das aber keine so große Rolle, da geht es nur um CO2-Speicherung und eine Ölpalmenplantage kann unter Umständen als Klimschutzprojekt durchgehen. Dann ist REDD+ auch ein Instrument, dass Klimaschutz auf die sich entwickelnden Länder abwälzt, die ja eigentlich eh nicht so viel dafür können. Aber Klimaschutz ist die Aufgabe von allen Ländern und ganz besonders von den reichen Industrienationen.

Das eigentliche Problem sind aber die REDD+-Projekte selbst. Das ganze Konzept macht überhaupt nur dann Sinn, wenn damit tatsächlich Emissionen eingespart werden. Und das ist nicht immer so einfach zu überprüfen, wie man möchte bzw. wird nicht so gemacht, wie es gemacht werden sollte. Dazu ist Ende August eine Forschungsarbeit erschienen, in Science. Mit dem durchaus bemerkenswerten Titel "Action needed to make carbon offsets from forest conservation work for climate change mitigation" bzw auch hier frei zugänglich.

"Action needed" liest man nicht so oft im Titel einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Leute dort haben sich 26 REDD-Projekte angesehen, in Südamerika, Afrika und Asien - überall dort, wo tropischer Regenwald ist. Und haben versucht, den Effekt dieser Projekte unabhängig zu bewerten. Es geht, wie gesagt, um private REDD-Projekte, wo Wälder durch diverse Maßnahmen geschützt werden sollen, zum Beispiel durch verstärkte Überwachung, Verbreitung nachhaltiger Maßnahmen der Waldwirtschaft, die lokale Bevölkerung einbeziehen, und so weiter. Diese Projekte werden finanziert durch die Kommerzialisierung der eingesparten CO2-Mengen, aus der Atmosphäre entfernt oder zumindest nicht emittiert werden, wegen der Projekte. Das ist keine geringe Menge an Geld, die da involviert ist, 1,3 Milliarden Dollar sind 2021 über REDD-Projekte gehandelt worden.

Wie berechnet man jetzt die Menge an eingespartem CO2? Vereinfacht gesagt: Man schaut, wie viel Wald in einer bestimmten Gegend da ist und vergleicht das mit dem, was man erwartet hätte, wenn das entsprechende REDD+-Projekt nicht stattgefunden hätte; man bastelt also ein "Baseline Szenario" aus historischen Daten über Abholzung etc.

Das ist aber schon ein bisschen knifflig. Weil wenn sich irgendwo politisch oder wirtschaftlich etwas verändert, dann hat das Einfluss auf die Abholzung. Hat man ja zB in Brasilien gesehen: Der eine Präsident sagt, alles wird abgeholzt, der andere will wieder Wald schützen. Die aus historischen Daten stammenden Basislinien der Abholzung, mit denen man den Effekt der Projekte vergleicht, haben also vielleicht am Ende gar nix mit der Realität zu tun und das macht die Abschätzung des Erfolgs eines Projekts enorm fehleranfällig. Und man kann natürlich auch einfach betrügen: Ich muss nur behaupten, dass da enorm viel abgeholzt worden wäre, dann wächst dadurch automatisch der Erfolg meines Projekts.

Es fehlt also, kurz gesagt, bei vielen dieser REDD-Projekte möglicherweise die "Zusätzlichkeit"; wir wissen nicht, ob die wirklich verantwortlich sind für die Einsparung oder nicht.

In dieser Studie hat man jetzt eine "synthetische Kontrolle" modelliert, also Kontrollregionen gesucht, die eine ähnliche Waldbedeckung haben wie die Projektregionen, die auch sonst ähnlich sind und die einem ähnlichen Abholzungsdruck ausgesetzt sind. Man hat auch geschaut, dass die historische Entwicklung der Abholzung ähnlich war, usw. Das haben sie dann auch getestet und geschaut, ob ihre Modellregionen die Abholzungsrate reproduzieren können, die in den Projektregionen vor Start der REDD-Projekte geherrscht haben. Und sich dann nur die genommen, wo der Test auch funktioniert hat. Das waren dann am Ende die schon erwähnten 26 REDD-Projekte.

Was haben sie gefunden? Acht der 26 Projekte haben Anzeichen von "Zusätzlichkeit" gezeigt, könnten also tatsächlich etwas bewirkt haben, was nicht passiert wäre, wenn es die Projekte nicht gegeben hätte. Das war vor allem bei den Projekten in Peru der Fall, da war das bei der Hälfte so. Bei den afrikanischen Projekten war gar kein Effekt der Projekte zu sehen.

Ist natürlich 1) nicht gut für den Wald und 2) nicht gut für die ganze CO2-Kompensation. Wenn man das entsprechend berechnet, dann sind 68% der Zertifikate dieser Projekte verkauft worden, obwohl die Projekte genau nix an CO2 eingespart haben. Und bei den restlichen 32 Prozent ist zwar was eingespart worden, aber nicht so viel wie behauptet - weil selbst bei den Projekten, die einen Effekt hatten, war der Effekt kleiner als behauptet. Tatsächlich sind insgesamt nur 6 Prozent der CO2-Menge eingespart wurden, die behauptet wurde.

Jetzt sind noch nicht alle dieser Zertifikate verkauft worden, aber wenn man sich die anschaut, die verkauft worden sind, dann sind das dreimal mehr, als durch die Projekte eigentlich eingespart worden sind.

Warum haben die Projekte nicht funktioniert? Zum einen, weil die Baselines falsch waren; weil man von höherer Abholzung ausgegangen ist, als dann tatsächlich stattgefunden hat, als die Projekte gestartet worden sind. Man hat den Effekt also deutlich überschätzt. Man hat sich die falschen Regionen ausgesucht, also Gegenden, wo eh schon wenig abgeholzt wird. Und natürlich wird man auch hier und dort einfach behauptet haben, viel einsparen zu können, damit man besser Zertifikate verkaufen kann.

Und dann kann das Projekt auch einfach so nicht funktionieren. Es ist ja leicht zu sagen: Hier holzen wir nix ab. Aber wenn dann doch wer kommt und Bäume fällt und man keinen Plan hat, wie man das verhindert, dann bringts auch nix. Projekte können schlecht gemanagt sein, können zu wenig finanziert sein.

Was kann man dagegen tun? Mehr Transparenz. Die Bewertung der Projekte muss extern und unabhängig erfolgen, nicht durch die Betreiber selbst. Strengere Regeln und vor allem: Sich das genau anschauen, was tatsächlich funktioniert hat, zum Beispiel die Projekte in Peru.

Oder - jetzt kommt wieder meine Meinung und nicht die Forschungsarbeit - sich überlegen, ob das mit dieser Kompensation wirklich so ein super Plan ist. REDD+ an sich ist ja ne gute Idee. Wälder gehören geschützt, es gehört sinnvoll aufgeforstet, und so weiter und dafür muss es im Rahmen der internationalen Klimapolitik auch Geld geben und entsprechende Finanzierungsmechanismen. Aber ich halte es zumindest für fraglich, ob man da einen privatwirtschaftlichen Handel mit Zertifikaten braucht.

Womit wir jetzt wieder bei der Kompensation allgemein sind, und nicht nur bei REDD+. Das scheint ja nicht so zu funktionieren, wie es gedacht war. Aber so wie es gedacht war, ist es auch nicht unbedingt optimal. Weil man - auch aus der Forschung - durchaus weiß, dass das Kompensieren nicht zwingend dazu führt, dass was reduziert wird. Man hat zeigen können, dass Menschen, die ihre Emissionen kompensieren, das quasi als Ausrede nutzen (meistens unbewusst) um mehr klimaschädliche Sachen zu machen, vermutlich weil die Kompensation das unbewusste Schuldgefühl reduziert.

Wenn das nur private Projekte sind, kann sich das Problem auch nur verlagern. Ich mache ein REDD+-Projekt und schütze in der einen Gegend einen Haufen Wald. Und die globale Holzfirma sagt dann, ok, dann schneiden wir die Bäume eben in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent um.

Und dann gibt es auch noch physikalische Probleme. Wir wollen das CO2 dauerhaft nicht in der Atmosphäre. Wenn ich jetzt aber einen Wald pflanze als Kompensation und der brennt dann aber beim nächsten Waldbrand ab: Dann hab ich genau nix kompensiert.

Psychologisch ist es auch ein Problem: Eine Firma kann sich einen Haufen Zertifikate kaufen und dann sagen: Wir sind klimaneutral. Unsere Produkte sind klimaneutral. Könnt ihr ohne Probleme kaufen, ohne schlechtes Gewissen. Nur sind das dann halt vielleicht Zertifikate, die genau nix gebracht haben. "Greenwashing" ist mittlerweile weit verbreitet und die vielen Anbieter von Zertifikaten, mit diversen unterschiedlichen Standards, mangelnder Transparenz usw machen es schwer, zu klären, was da wirklich abgeht.

Politische Probleme gibt es auch: Wenn jetzt zum Beispiel in Peru Wald geschützt wird, kann Peru sagen: Hey, wir haben hier X Tonnen CO2 durch Waldschutz eingespart und kann das zum Beispiel für die NDCs im Pariser Klimaabkommen anrechnen. Wenn in Deutschland eine Firma einen Haufen ihrer Emissionen kompensiert und zwar mit Zertifikaten aus dem Projekt in Peru, dann kann sie auch sagen: Wir haben X Tonnen eingespart und Deutschland kann das dann aus seinem Budget für Paris für den Industriesektor abziehen. Jetzt hat man das aber natürlich doppelt gezählt und für dieses Problem gibt es noch keine wirklich international verbindliche Lösung.

Dann kommen noch moralische Probleme dazu, wenn zum Beispiel einer Firma erlaubt wird, irgendwo Wald aufzuforsten, wo aber eigentlich schon lange Leute leben, die da jetzt spontan keinen Wald haben wollen, dann kann man die wunderbar vertreiben und ihnen ihr Land wegnehmen (ist in Uganda zB passiert). Ist gut fürs Klima, aber nicht das, was wir eigentlich wollen.

Am Ende ist die Kompensationssache halt vor allem deswegen ein Problem, weil wir unsere Emissionen nicht kompensieren müssen, sondern einstellen! Wir müssen so viel reduzieren wie nur irgendwie geht und nur bei dem, was tatsächlich gar nicht mehr geht, können und müssen wir uns überlegen, wie wir das irgendwie sinnvoll kompensieren können. Aber die Kompensation, so wie sie jetzt existiert, lädt einen ein, das zu vergessen. Hab ich kompensiert, muss ich mich nicht mehr kümmern. Oder: Wir kompensieren eh; wir brauchen dafür kein Tempolimit, können weiter Billigflieger betreiben, können weiter Öl fördern, etc.

Es gibt alternative Konzepte für so etwas wie die Kompensation; das läuft dann unter dem Stichwort "Klimaverantwortung", da kann man auch Emissionen einen Preis zuweisen, usw. Aber das heben wir uns vielleicht mal für eine andere Folge auf.

Hörertreffen am 27.10.2023 in Überlingen am Bodensee

Florian wird am 26.10.2023 einen Vortrag in Überlingen am Bodensee halten. Der Eintritt ist kostenlos und mehr Infos gibt es hier - die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Weil Florian am 28.10.2023 nebenan in der Schweiz noch einen Vortrag hält (Infos hier), nutzen wir die Gelegenheit, um am 27.10.2023 in Überlingen nicht nur die Folge 100 aufzunehmen, sondern uns auch mit Hörerinnen und Hörern zu treffen.

Wir treffen uns in Überlingen, beim Denkmal des Bodenseereiters. Da gibt es nicht nur nen Kiosk und ein öffentliches WC, sondern nebenan auch eine Pizzeria - da sollte eigentlich für alles gesorgt sein. Wer kommen will, kommt also am besten um 17 Uhr dorthin, oder später nach. Wir haben uns die Zeit von 17 bis 21 Uhr für das Treffen reserviert. Ihr könnt uns auch gerne noch eine Mail schreiben, wenn ihr kommen wollt: podcast@dasklima.fm

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Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” regelmäßig über Wissenschaft.

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