Eine Idee, Europa zu schaffen

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Damit die EU eine Demokratie werden kann, müssen ihre BürgerInnen sich als Gemeinschaft verstehen.

Fühlt ihr euch als EuropäerIn? Oder doch mehr als Deutsche, Franzose, Dänin oder Pole? Beide Identitäten werden in der politischen Debatte immer sichtbarer: NationalistInnen prallen auf Menschen, die an eine Gesellschaft jenseits des Nationalstaats glauben.

In Folge 49 stellt Vincent eine Idee vor, die das Gemeinschaftsgefühl in Europa wahrscheinlich mehr steigern wird, als es das Erasmus-Programm je geschafft hat: Europa-Ferien. Das Gemeinschaftsgefühl ist wichtig, denn ohne es kann es keine Demokratie geben.

Die europäische Demokratie braucht eine europäische Gemeinschaft

In den letzten zehn Jahren wurden kaum Fortschritte in der europäischen Demokratie erzielt. Die nationalen Regierungen haben die Euro-Rettung zwischen sich ausgemacht, also intergouvernemental geregelt. Das Europaparlament wurde geschwächt, weil seine SpitzenkandidatInnen im Europawahlkampf 2019 ignoriert wurden. Die EuropäerInnen selbst wurden von nationalistischen Regierungen und Medien gegeneinander ausgespielt mit Erzählungen wie die der “faulen Griechen” oder “herzlosen Deutschen”.

Überraschenderweise ist das Europagefühl in den repräsentativen Eurobarometer-Umfragen im Vergleich zu 2010 trotzdem gestiegen: 2019 identifizierten sich mehr EuropäerInnen als EU-BürgerIn (70 %), mehr fühlten sich als EuropäerIn (66 %) und mehr waren zufrieden mit der EU-Demokratie (55 %).

Das heißt aber auch, dass fast 30 Jahre nach Gründung der Europäischen Union 1992 sich immer noch 30 % nicht als EU-BürgerIn sehen, sich 33 % ausschließlich ihrem Nationalstaat zugehörig fühlen und 45 % nicht mit der Demokratie zufrieden sind. Es bleibt also die Frage: Wie kann man das Zugehörigkeitsgefühl zu und die Begeisterung für die europäische Demokratie steigern?

3 Ideen für den europäischen Gemeinschaftssinn

Free Interrail

Die Idee ist einfach und genial: Alle EuropäerInnen bekommen zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrail-Ticket vom Staat finanziert. 2018 wurde dies bereits testweise umgesetzt nach einer Kampagne des Autorenduos “Herr und Speer”.

Durch eine Europareise mit dem Zug erlebt man die EU hautnah und direkt, was man vorher nur aus Medien oder dem Schulunterricht kannte. Man trifft auf EU-BürgerInnen aus anderen Ländern, mit anderen Sprachen und Kulturen, entdeckt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die Möglichkeit einer kostenlosen Interrail-Reise soll jungen Menschen aus Europa diese gemeinsame Erfahrung ermöglichen und so den europäischen Gemeinschaftssinn stärken.

FreeInterrail hat viele Fans, aber auch ein paar Kritikpunkte: Zum einen kann man nicht vorhersagen, wie das Ticket eingesetzt werden wird. Die Jugendlichen könnten auch einfach in großen Gruppen an den Strand fahren und damit keinen Kontakt zu Einheimischen und anderen EuropäerInnen suchen. Oder sie können nicht losfahren, weil der Urlaub zu teuer ist. Denn auch wenn das Ticket kostenlos wäre, kämen noch Kosten für Verpflegung und Unterkunft dazu.

Damit ist das Risiko groß, dass FreeInterrail nur dem finanziell besser gestellten Teil der Jugendlichen zu Gute kommt. Wie könnte der Austausch in Europa gefördert werden, ohne dabei Ärmere auszuschließen?

Verpflichtender EU-SchülerInnen-Austausch

Wäre ein verpflichtender europäischer Austausch für alle jungen EuropäerInnen nicht die Idee, um die europäische Demokratie zu stärken? Statt zum Bund ginge es nach Europa!

In höheren Klassen machen bereits einige SchülerInnen einen Austausch bei Familien in anderen EU-Länder. Dabei lernen sie nicht nur viel über die europäischen Nachbarländer, sondern auch deren Alltag, die Sprache und Kultur. Diese Angeboten für einige wenige könnten für alle ausgebaut werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Was jedoch dagegen sprechen könnte, ist, dass Familien sehr verschieden sind und auch unterschiedliche Möglichkeiten haben, Jugendliche bei sich aufzunehmen oder ihnen ein gutes Umfeld zu bieten. Aus diesem Grund und wegen Sicherheitsbedenken ist eine andere Idee noch überzeugender.

Europa-Ferien für alle!

Die Idee: Jedes Kind macht in der 9. oder 10. Klasse drei Wochen Europa-Ferien – bezahlt von der Europäischen Union. Damit diese Ferien auch die europäische Demokratie fördern, müssten sie besonders gestaltet sein: Zum Beispiel sollten die Kinder jeweils in einem anderen Land die Ferien absolvieren. Die Kleingruppen sollten nach Nationalitäten gemischt sein und zwischendurch Wissen über die EU vermittelt werden.

Jugendferienlager sind in vielen europäischen Ländern ein bekanntes Konzept und es gibt bereits Anbieter ähnlicher Events, die die Europa-Ferien in ihr Portfolio aufnehmen könnten. Damit wären Europa-Ferien sowohl mit hohen Qualitätsmaßstäben als auch sicher umsetzbar. Der nette Nebeneffekt für die Eltern ist, dass ihre Kinder für drei Wochen während den Sommerferien betreut wären.

Natürlich muss die Idee auch staatlich finanziert werden, damit niemand ausgeschlossen wird. Laut Netmoms.de kostet eine Woche Ferienlager bei ehrenamtlichen Anbietern bis zu 130 Euro/Woche. Für 500 Euro bekäme man also drei Wochen Ferien sowie die Anfahrt finanziert. Damit sind die Europa-Ferien für den Staat so teuer wie ein Interrail-Globalpass, bei dem jedoch Unterkunft und Verpflegung noch oben drauf kommen.

EU-weit belaufen sich die Kosten – sehr grob geschätzt – auf 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist zwar eine sehr große Summe, aber immer noch günstiger als das Erasmus+-Programm mit ca. 3 Milliarden Euro pro Jahr. Und von letzterem profitieren ja vor allem Studierende.

Zugabe: Chance auf kostenlose Free Interrail-Tickets

Über das DiscoverEU-Programm werden seit 2018 jedes Jahr 30.000 kostenlose Free Interrail-Tickets verlost. Auch dieses Jahr soll noch eine Verlosung stattfindet. Wenn ihr also um die 18 Jahre alt seid (oder jemand passenden kennt), dann besucht die Seite – und entdeckt Europa!

Ähnliche Folgen wie die zu den Europa-Ferien

Wenn Dich diese Folge zu den Europa-Ferien interessiert hat, dann höre doch rein in Folge 27. In dieser besprechen wir mit Kommunikationsberater Johannes Hillje, warum eine europäische Öffentlichkeit so wichtig ist – und wie wir sie erreichen.

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