Offen werden für Veränderung

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Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 9/2020

Die Diagnose einer ernsten, womöglich fortschreitenden Augenerkrankung kann unser Leben und unsere Zukunftspläne ziemlich über den Haufen werfen. Besonders im höheren Lebensalter wird der Sehverlust oft als sehr bedrohlich erlebt, stellt er doch die bisher gewohnte selbstständige Lebensführung, für selbstverständlich gehaltene Handlungsmöglichkeiten und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage. Vielleicht bald auf Hilfe angewiesen zu sein, macht den meisten Menschen Angst. Sind bereits sonstige gesundheitliche Einschränkungen vorhanden, wird es noch schwieriger. Zahllose Fragen, Gefühle von Ungewissheit und die angstvolle Erwartung zukünftiger Verluste drängen sich auf.

An den Betroffenen wird nun die Forderung herangetragen, „die Behinderung zu akzeptieren“. Gut und schön, aber geht das überhaupt? Und, wenn ja, wie? Werden entsprechende Appelle von wohlmeinenden Menschen geäußert, denen selbst nichts Vergleichbares fehlt, können wir uns unverstanden und unter Druck gesetzt fühlen. Da Akzeptanz gern im Sinne einseitiger Anpassung an die Erwartungen nichtbehinderter Menschen missverstanden wird, finden wir oft wenig Freiraum vor, unseren eigenen Weg zu finden. Bekommen wir dann, etwa in den Medien, Menschen mit Behinderung vorgeführt, die „es geschafft haben“ und unerhörte Leistungen vollbringen, mag das manchen Mut machen, viele fühlen sich hingegen erst recht ungenügend. Kulturell tief verankerte Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung machen es nicht leichter.

Die viel beschworene Inklusion ist bei Weitem nicht überall selbstverständlich gelebte Realität, Barrierefreiheit ist in vielen Bereichen noch Zukunftsmusik. Der seit Jahren in erschreckendem Maß erstarkende Rechtsextremismus könnte sogar bisher Erreichtes erneut bedrohen.

Wissen über Phasen hilft, Reaktionen zu verstehen Für die innere Verarbeitung einer Behinderung gibt es weder Patentrezepte noch endgültige Lösungen. Wir wissen aber, dass sie in mehreren aufeinanderfolgenden, sich überlappenden und wiederkehrenden Phasen verläuft.

Dieses Wissen hilft, die eigenen Reaktionen besser zu verstehen und anzunehmen. Das nimmt Angst und erleichtert auch den Angehörigen, mit dem Betroffenen verständnisvoll und gelassen umzugehen.

Erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, also möglicherweise eine Krankheit vorliegt, werden oft nur unterschwellig wahrgenommen. Diffuse Gefühle von Unsicherheit stellen sich ein. Werden die Symptome unübersehbar, führt der Weg zum Arzt, die Diagnose wird gestellt. Oft beginnt dann die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens und Leugnens. So mag man sich vormachen, weiter Auto fahren zu können, obwohl das Sehvermögen dafür nicht mehr ausreicht. Kann das Unvermeidliche nicht mehr verleugnet werden, sind Aggression und Wut meist die Folge.

Eine weitere Phase ist die der Verhandlung: In dieser Zeit mag man von Arzt zu Arzt laufen in der Hoffnung, doch noch eine Therapie zu finden. Führt das alles zu nichts, kommen wir um Trauer und Schmerz nicht herum. Verzweiflung, Panik, Hoffnungslosigkeit und depressiver Rückzug, sogar Suizidgedanken können auftreten. Diese schwere Zeit der aufbrechenden Emotionen (wenn nötig mit professioneller psychotherapeutischer Hilfe) durchzustehen, bereitet den Boden dafür, nach und nach Frieden mit dem Schicksal zu schließen und offen für Veränderung zu werden.

Mit Gleichgesinnten positive Erfahrungen machen Nun entwickeln wir die Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erwerben (Mobilitätstraining, Umstrukturierung des Alltags, Hilfe annehmen lernen usw.). Im glücklichsten Fall können wir uns schließlich mit Gleichgesinnten zusammentun, gegenseitig unterstützen, uns vielleicht sogar gemeinsam und selbstbewusst für gesellschaftliche Veränderungen und wechselseitiges Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung einsetzen. Manch bereichernde Erfahrung und spannende Entwicklung können nun dem Leben mit Behinderung einen positiven Sinn geben.

Phasenmodelle sind hilfreich und machen Mut, dennoch sind sie in ihrer Aussagekraft begrenzt: Zum einen geben sie wenig Auskunft darüber, welche inneren und sozialen Kräfte dazu befähigen, sich von einer Phase in die nächste hineinzuentwickeln.

Zum anderen fällt auf, dass sie vor allem aktive, bewusste und zielgerichtete Strategien betonen. Selbst das Zulassen unvermeidlich heftiger Gefühle wird als aktive und anstrengende Arbeit aufgefasst, wie wir etwa dem Begriff „Trauer-Arbeit“ entnehmen können.

Rückzug ist auf Dauer keine gute Idee Natürlich ist aktives, selbstverantwortliches Tun wichtig. Ohne eigene Willenskraft wird nicht viel vorwärtsgehen. Die in unserer westlichen Kultur übliche einseitige Betonung aktiver Problemlösestrategien kann aber dazu führen, auf wertvolle innere Ressourcen zu verzichten, sich zu verbiegen und zu überfordern. Der Gegenpol zu Aktivität ist nicht zwangsläufig Passivität, sondern hat auch damit zu tun, geschehen, wachsen und sich entwickeln zu lassen. Daher tun wir gut daran, Freiräume für Ruhe und Entspannung, Achtsamkeit und Meditation, die Entwicklung heilsamer innerer Bilder, Träume und Phantasien zu schaffen. Innere Ressourcen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren, schützt vor einseitiger Anpassung und kann sehr lustvoll sein. Besonders Träume leisten Wesentliches: Bewältigungsphasen werden im Traumgeschehen nicht nur veranschaulicht und gespiegelt, sondern auch vorangetrieben. Sich diesen Prozessen achtsam zu widmen, ist faszinierend und heilsam. Mag es in der Trauerphase zeitweise nötig sein, sich zurückzuziehen, ist dies auf Dauer keine gute Idee und führt zu krankmachender Isolation.

Kommen wir abschließend auf den Begriff „Annahme“ zurück: Weder geht es um einseitiges Anpassen noch um ein „filmreifes Happy End“. in einem vielleicht bescheideneren, aber auch tieferen und umfassenderen Sinne heißt Annahme, nicht nur unsere Behinderung als solche, sondern auch die dazugehörigen Krisen und wiederkehrenden gefühlsmäßigen Reaktionen anzunehmen. Unsere Enttäuschung und unser Schmerz, unsere Wut und Trauer sind, sofern wir nicht in ihnen stecken bleiben, gesunde Reaktionen. Gelingt es, sie liebevoll zuzulassen und uns in jedem Moment mit Achtsamkeit, liebender Güte und Selbstmitgefühl zu begegnen, erfahren wir seelische und spirituelle Heilung der Behinderung. Die mit zunehmender Krisenerfahrung wachsende Gelassenheit schafft den Nährboden, auf dem innere Freiheit und authentische Lebensfreude wachsen können.

Lebensfreude durch Kontakte, Musik und Bewegung Apropos Lebensfreude: Nähren Sie diese auf jede Ihnen mögliche und zu Ihnen passende Weise. Pflegen Sie Sozialkontakte, üben Sie Hobbys aus (dazu gibt es viele Möglichkeiten auch ohne Augenlicht). Körperliche Bewegung, Musik, Singen und Lachen, achtsames Verweilen in der Natur, Genuss guten Essens und vieles mehr bringen Lebensqualität. Da es bei aller Liebe anstrengend ist, mit einer Behinderung zu leben, sorgen Sie für ausreichend Ruhe und Entspannung. Dankbarkeit für jeden guten Augenblick und für alles, was Ihnen auch jetzt noch positiv widerfährt und möglich ist, gibt die Kraft, düstere Momente besser zu ertragen und Erschöpfung entgegenzuwirken.

Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz ist psychologische Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Rosenheim. Zu psychologischen Aspekten des Lebens mit einer Sehbehinderung hat sie viele Texte in Buch- und Artikelform veröffentlicht.

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