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GEFÄHRLICHE NACHBARN - Die Teilungen Polens

21:41
 
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Manage episode 408262540 series 2902670
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Eine unglaubliche Geschichte: Da liegt im Herzen Europas ein Riesenreich, einer der größten Staaten Europas, eine Adelsrepublik mit jahrhundertealten Traditionen. Und dieser Staat verschwindet dann innerhalb zweier Jahrzehnte von der Landkarte. So geschehen mit Polen, das im späten 18. Jahrhundert Beute seiner angrenzenden Nachbarländer wurde. Preußen, Österreich und Russland nahmen sich in drei Schritten für sie passende "Arrondierungsflächen", als wäre Polen ein großer Kuchen. Von Julia Devlin (BR 2012)

Credits
Autorin: Julia Mahnke-Devlin
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Friedrich Schloffer, Wolfgang Pregler, Margrit Carls, Andreas Neumann
Technik: Wilfried Hauer, Adele Kurdziel
Redaktion: Brigitte Reimer, Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Eckhart Hellmuth, Dr. Richard Butterwick, Dr. Małgorzata Zemła

Linktipps:
Planet Wissen: Geschichte Polens
Polen ist eine selbstbewusste Nation mit einer bewegten Geschichte. Oft zerrissen zwischen den geopolitischen Kräften des Westens und des Ostens, entwickelte sich Polen zum Meister der Überlebenskunst. Zum Beitrag geht es HIER.
Deutschlandfunk Kultur (2018): Politisierte Erinnerung
1918 kehrte Polen als Staat auf die Landkarte zurück, nach 123 Jahren Unfreiheit unter fremder Herrschaft. Die Erinnerung an damals hat großen Einfluss auf die aktuelle politische Diskussion und die Frage: Welches Land soll Polen heute sein? JETZT ANHÖREN
Planet Wissen (2020): Polen – Land der Kontraste
Polen ist pure Vielfalt. Auf der einen Seite wilde, ursprüngliche Natur, auf der anderen Seite quirlige, moderne Städte. Polens Geschichte ist geprägt von einer mächtigen Kirche und einem langen Freiheitskampf, der schließlich in der Öffnung nach Westen mündete. Seitdem wächst die Kluft zwischen Jung und Alt, zwischen Gewinnern und Verlierern, denn längst nicht alle profitieren vom Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. Nährboden für Jarosław Kaczyński und seine nationalkonservative PiS-Partei, die seit 2015 die Regierung stellt und alles versucht, ihre Macht nachhaltig zu festigen. JETZT ANSEHEN

Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:

Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | Alles Geschichte
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 01:00 – Fortschritt als Schwäche?
TC 02:32 – Der König, die Zarin und die Kaiserin
TC 07:30 – Erste Verfassung Europas
TC 10:04 – Existenzangst
TC 12:22 – Die dramatische Lage der Juden
TC 13:46 – Polnisches Trauma
TC 20:28 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

TC 00:15 - Intro

Musik / Polnische Nationalhymne, Chorversion (ev. C136376)

ERZÄHLER
Die polnische Nationalhymne. Noch ist Polen nicht verloren, so lautet die erste Zeile. Dass sie heute noch gesungen wird, in einem freien Polen, grenzt an ein Wunder. Denn Polen war als Staat über 120 Jahre lang von der Landkarte verschwunden.

ERZÄHLERIN
Einer der größten und ältesten europäischen Staaten wurde im 18. Jahrhundert wie ein Kuchen zwischen den drei Nachbarn aufgeteilt.

ERZÄHLER
1772

ZUSPIELUNG Paukenschlag.

ERZÄHLER
Erste Teilung Polens

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag.

ERZÄHLERIN
Polen verliert dreißig Prozent seines Territoriums.

ERZÄHLER
1793

ZUSPIELUNG Paukenschlag.
ERZÄHLER
Zweite Teilung Polens.

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag

ERZÄHLERIN
Polen verliert weitere vierzig Prozent seines Territoriums.

ERZÄHLER
1795

ZUSPIELUNG Paukenschlag

ERZÄHLER
Dritte Teilung Polens

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag

ERZÄHLERIN
Polen existiert nicht mehr.

Musik / Barock

ERZÄHLER
Polen-Litauen im 18. Jahrhundert: Ein Großreich, das sich seit Jahrhunderten zwischen der Ostsee und den Karpaten, zwischen Preußen und Russland erstreckt. Seine Fläche ist gut doppelt so groß wie die der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Doch der Gigant ist anfällig für Konflikte von innen und von außen.
TC 01:00 – Fortschritt als Schwäche?

ERZÄHLERIN
Polen ist eine Adelsrepublik. Das heißt, der Adel, die sogenannte Szlachta, hat das Sagen. Regiert wird das Land vom Sejm, dem Parlament. Einen König gibt es zwar, aber anders als andere Könige erbt er seine Würde nicht, sondern wird vom Sejm gewählt. Viel zu sagen hat er nicht. Das mag fortschrittlich scheinen, verursacht aber Streit und Intrigen und schwächt den Staat.

ERZÄHLER
Ein weiteres fortschrittliches Gesetz und Ursache vieler Zerwürfnisse ist das sogenannte liberum veto. Dieses Gesetz fordert, dass Entscheidungen im Parlament einstimmig fallen müssen. Ein einziger Adliger kann mit seinem Einspruch alles blockieren.

ZITATOR 2 (herrisch)
„Nie pozwalam!“

ERZÄHLERIN
„Ich gestatte nicht!“ Durch diesen Ruf werden sämtliche Beschlüsse einer Sitzung null und nichtig.

ERZÄHLER
Im 18. Jahrhundert nehmen die Probleme überhand. Konflikte um die Thronfolge brechen aus, mehrmals herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, und das Parlament ist durch das liberum veto praktisch handlungsunfähig. Zudem haben zahlreiche Kriege das Land verwüstet. Polen wird zur leichten Beute für die Nachbarstaaten. Das sind: im Norden und Westen Preußen, im Süden das Habsburger Reich, im Osten Russland.

ERZÄHLERIN
Russland beeinflusst die polnische Politik schon lange, man könnte Polen fast als russisches Protektorat bezeichnen. Doch den Anstoß zu den Teilungen gibt eine andere Großmacht: Preußen. Eckhart Hellmuth, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Ludwig Maximilians Universität in München:
TC 02:32 – Der König, die Zarin und die Kaiserin

1. ZUSPIELUNG (Hellmuth - O1)
„Friedrich ist die treibende Kraft hinter dieser ersten polnischen Teilung. „

ERZÄHLER
Der Preußenkönig verbirgt seine Absichten nicht:

ZITATOR 1
„Polen muss man verspeisen, Blatt für Blatte, wie eine Artischocke“

ERZÄHLERIN
Friedrich der Große hat Appetit auf ein ganz bestimmtes Stück Nordpolens. Ein großer Teil seines Königreiches – Ostpreußen - ist eine Exklave. Hoch im Norden und weit im Osten gelegen hat Ostpreußen keine Landverbindung zum Kernland. Denn dazwischen liegt das Land des polnischen Königs.

ERZÄHLER
Mit der Annexion dieser nordpolnischen Gebiete will Friedrich eine Landbrücke zwischen Pommern und Ostpreußen schaffen. Schon 1752 schreibt er:

ZITATOR 1
„Polnisch Preußen trennt Pommern von Ostpreußen und hindert, dieses zu behaupten. Ich halte es nicht für angebracht, diese Provinz mit Waffengewalt zu gewinnen...Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.“

2. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O2)
„Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das
Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrondieren.“

ERZÄHLERIN
„Erwerbungen mit der Feder“ bedeutet, Diplomaten statt Soldaten einzusetzen, mit gleichgesinnten Partnern die Beute von verschiedenen Seiten einzukreisen. Alleine ist ein Vorstoß zu riskant – die anderen Großmächte reagieren sehr empfindlich, wenn das Gleichgewicht der Kräfte gestört wird. Friedrich muss die Nachbarstaaten Polens einbeziehen: das Zarenreich und das Habsburger Reich. Zunächst lässt er seine Diplomaten am Zarenhof sondieren. Die Herrscherin dort: Katharina die Große. Dr. Richard Butterwick, Professor für polnische Geschichte am University College London:

3. ZUSPIELUNG (Butterwick - O1)
“Frederick the Great had long had his eyes on this bit of territory connecting Brandenburg with East Prussia...

ZITATOR 2 / overvoice
„Friedrich der Große hatte schon lange ein Auge auf dieses Territorium im Norden geworfen, das Brandenburg mit Ostpreußen verbindet, aber auch am Zarenhof gab es Interesse an dem Territorium nördlich und östlich von Dvina und Dnjepr.“

ERZÄHLERIN
Schnell ist man sich handelseinig: Wenn Friedrich Westpreußen bekommt, darf sich die Zarin in Polens Osten bedienen. Im Vertrag vom 17. Februar 1772 werden die künftigen Grenzen festgelegt. Mit diesem Vertrag in der Tasche ziehen die Diplomaten weiter, an den Kaiserhof nach Wien. Auch hier ist eine Frau auf dem Thron: Maria Theresia.

4. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O3)
Habsburg kommt ja relativ spät an Bord, wobei es da gewisse Differenzen zwischen Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II. gibt. Maria Theresia ist ja extrem vorsichtig, hat auch moralische Bedenken gegenüber dieser ersten Teilung Polens.“

ERZÄHLER
Doch der Teilungsvertrag zwischen Russland und Preußen ist beschlossene Sache, Maria Theresia steht vor vollendeten Tatsachen.

5. ZUSPIELUNG (Butterwick – O2)
“So when they are faced with the bargain between Russia and Prussia they’ve effectively no choice...”

ZITATOR 2 / overvoice
„Konfrontiert mit dem Handel zwischen Russland und Preußen hat Wien effektiv keine Wahl. Statt einen Krieg mit beiden anzufangen, macht es lieber mit.“

ERZÄHLERIN
Friedrich kommentiert zynisch:

ZITATOR 1
„Die Kaiserin Katharina und ich sind einfache Diebe. Ich wüsste nur gerne, wie die Kaiserin Maria Theresa ihren Beichtvater beruhigt hat? Sie weinte, als Sie nahm; je mehr Sie weinte, desto mehr nahm Sie.“

ERZÄHLER
Die Entscheidung lastete Maria Theresia zeitlebens schwer auf der Seele. Ihrem Sohn Ferdinand schreibt sie:

Musik / Barock, ev. Spinett, traurig.
ZITATORIN
„Diese unglückliche Teilung Polens kostet mich zehn Jahre meines Lebens... durch wie lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt! Nur die Wahrscheinlichkeit, allein einen Krieg gegen Russland und Preußen führen zu müssen, Elend, Hungersnot und verderbliche Krankheiten in meinen Ländern zwangen mich, auf diese unseligen Vorschläge einzugehen, die einen Schatten werfen auf meine ganze Regierung. Gott wolle, dass ich dafür nicht noch in der anderen Welt zur Verantwortung gezogen werde.“

ERZÄHLERIN
So tritt Österreich im August 1772 dem Teilungsvertrag bei und sichert sich große Territorien im Norden seines Reiches.

ERZÄHLER
Der Vertrag wird dem polnischen Reichstag vorgelegt. Bestochen, durch Drohungen gefügig gemacht und im Bewusstsein der eigenen Schwäche unterzeichnet der Sejm die so genannten „Abtretungsverträge“.

6. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O4)
„Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrondieren. ...Es kommt ja nicht bei der ersten polnischen Teilung zu irgendeinem militärischen Konflikt.“

ERZÄHLERIN
Friedrichs Traum hat sich erfüllt:

Musik / Militärmarsch

ZITATOR 1
„Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.“

ERZÄHLER
Eine zeitgenössische französische Karikatur zeigt die vier beteiligten Monarchen, wie sie um eine Landkarte Polens sitzen: drei zeigen auf die gewünschten Gebiete, während der polnische König verzweifelt seine Krone festhält, die ihm vom Kopf fliegt. Sein Königreich hat ein Drittel seiner Bevölkerung und mehr als ein Viertel seines Territoriums verloren und ist nur noch so groß wie Frankreich.
TC 07:30 – Erste Verfassung Europas

ERZÄHLERIN
Der Schock der Verluste rüttelt die polnische Führungsschicht auf. König und Sejm raufen sich zusammen und entwickeln eine Verfassung - die erste moderne Verfassung Europas. Sie ist stark von der französischen Aufklärung beeinflusst. Die Macht des Königs wird eingeschränkt, die des Parlaments gestärkt. Das liberum veto wird abgeschafft, stattdessen ein Mehrheitsprinzip eingeführt. Die Bürger erhalten ein Mitspracherecht. Weil die Verfassung am 3. Mai 1791 verabschiedet wird, ist der 3. Mai heute in Polen Nationalfeiertag.

Musik / Jeszcze Polska nie zginela...
(polnische Nationalhymne, Instrumentalversion)

ERZÄHLER
Mit dieser Verfassung könnte Polen wieder zu einem handlungsfähigen Staat werden - wären da nicht die Nachbarn. Die empfinden das Dokument als Affront. Denn zur selben Zeit gehen in Frankreich ungeheuerliche Dinge vor:

Musik / Marseillaise (dem Folgenden unterlegen)

ERZÄHLERIN
Das Volk erhebt sich gegen den Monarchen, gibt sich eine Verfassung.

ERZÄHLER
Parallelen zu den revolutionären Vorgängen in Frankreich drängen sich auf.
Polen und Frankreich – Brüder im Geiste, welch schreckliche Vorstellung! Zu viele revolutionäre Feuer will man nicht brennen sehen, zumal nicht in der eigenen Nachbarschaft. Der Funke könnte überspringen.

ERZÄHLERIN
Katharina die Große empört sich über die polnische Verfassung.

ZITATORIN
„Dieses Schriftstück ist ein Machwerk, schlimmer, als es sich die französische Nationalversammlung ausdenken könnte! Die Pest der französischen Lehren ist hier am Werke!“

7. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O5)
„Also ein polnischer Staat, der sich eine vergleichsweise offene, vom Geist der französischen Revolution inspirierte Verfassung gibt, der darüber hinaus versucht, die internen Strukturen effizienter zu gestalten, so dass die Einflussmöglichkeiten dieser drei europäischen Mächte auf die innenpolitischen Verhältnisse Polens reduziert werden, provoziert die Intervention 93.“

ERZÄHLER
1793

ZUSPIELUNG Paukenschlag

ERZÄHLER
Zweite Teilung Polens

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag

ERZÄHLERIN
Polen verliert weitere vierzig Prozent seines Territoriums.

ERZÄHLER
Preußen sichert sich mit Danzig und Thorn zwei wichtige Handelsstädte, außerdem Großpolen mit der Hauptstadt Posen. Russland nimmt sich Weißrussland und große Gebiete Litauens und der Ukraine. Österreich wird auf Wunsch der Zarin ausmanövriert, ist also nicht beteiligt. Mit Kanonen und mit hohen Bestechungsgeldern bringt man den Sejm dazu, diesen weiteren Abtretungsvertrag 1793 zu ratifizieren. Außerdem wird die polnische Verfassung außer Kraft gesetzt.
TC 10:04 – Existenzauflösung

ERZÄHLERIN
Doch diesmal lassen sich die Polen den erneuten Raubzug nicht einfach gefallen. Durch alle Schichten der Bevölkerung flammt Widerstand auf. Er gipfelt 1794 im Kościuszko-Aufstand.

ATMO / Kriegerisches oder Marsch

ERZÄHLER
Mehr als ein halbes Jahr lang kämpfen polnische Adelige, Bürger und Bauern gegen die Besatzer - vergeblich. Vor den Armeen Russlands und Preußens müssen die Aufständischen schließlich kapitulieren. Damit sind die Weichen gestellt für die endgültige Auflösung Polens.

8. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O6)
„Und es gibt einen großen Unterschied zwischen der zweiten und der ersten Teilung: Bei der ersten polnischen Teilung sind alle drei Teilungsmächte von der Vorstellung einer fortdauernden Existenz Polens ausgegangen, eines Polens, das zwar geschwächt ist, das unter dem Einfluss dieser drei europäischen Mächte stehen soll, das aber als Staat erhalten bleiben soll. 93 ist dies nicht mehr der Fall. 93 ist man sich bewusst, dass man in einem weiteren Schritt auch Restpolen an diese drei europäischen Mächte fallen soll. Da gibt es eine logische Verbindung zwischen der Situation 93 und 95, und durch die Aufstandsbewegung in dieser Zwischenzeit in Polen gibt es natürlich einen Vorwand, um hier auch noch erstens zu intervenieren und dann Restpolen aufzuteilen.

ERZÄHLER
1795

ZUSPIELUNG Paukenschlag

ERZÄHLER
Dritte Teilung Polens

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag

ERZÄHLERIN
Polen existiert nicht mehr.

Musik / Chopin: Marche funèbre
(3. Satz aus Klaviersonate Nr. 2 b-moll op. 35), dem Folgenden unterlegen.

ERZÄHLER
Im Jahre 1795 unterzeichnen der Preußenkönig Friedrich Wilhelm der Zweite, der Habsburger Kaiser Franz II. und die Zarin Katharina einen dritten Vertrag. Sie teilen den verbliebenen Rest unter sich auf. Der König dankt ab. 1797 erklären die Teilungsmächte das Königreich Polen für erloschen.

ERZÄHLERIN
Danach versuchen die jeweiligen Besatzungsmächte die „neu erworbenen“ Gebiete, so die offizielle Bezeichnung, in ihre Länder einzugliedern. Das ist mit einem gewissen Maß an Unterdrückung verbunden. Wobei es den Polen unter den Habsburgern am besten, unter den Zaren am schlechtesten geht.
TC 12:22 – Die dramatische Lage der Juden

ERZÄHLER
Vor allem die Lage der Juden verschlechtert sich. In Polen leben viele Juden, da es ihnen seit dem Mittelalter Zuflucht und Schutz gewährt hat. Über die Jahrhunderte haben sich blühende Gemeinden entwickelt. Doch unter den neuen Herrschern ist es mit der Toleranz vorbei.

ERZÄHLERIN
Und zwar schon nach der ersten Teilung: Friedrich der Große duldet Juden nur dort, wo sie der Wirtschaft förderlich sind. Doch nun leben in Preußen mit einem Mal Landjuden, nicht vermögend, von daher auch nicht einträglich.

ZITATOR 1
„Die Bettel-Juden vom platten Lande müssen jedoch successive und ohne Ungestüm weggeschaffet werden.“

9. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O7)
„...die erben plötzlich ein paar Tausend Juden, Landjuden, die höchstwahrscheinlich als Vagabundierer rumgezogen sind und was macht der Friedrich – er jagt die tatsächlich über die Grenze und schmeißt die raus. Paar Tausend, einfach so über die Grenze zu jagen, das ist auch für das 18. Jahrhundert eigentlich ein ziemlich kapitaler Bock.“

ERZÄHLERIN
Über 6.000 Juden werden über die Grenze in das da noch bestehende Restpolen deportiert.

Musik / Klezmer (traurig)

ERZÄHLER
In Russland ist man bis zu den Teilungen nie mit Juden in Berührung gekommen, denn Juden durften sich im Zarenreich nicht niederlassen.
Nun hat die Zarin auf einen Schlag Hunderttausende jüdischer Untertanen.

ERZÄHLERIN
Was tun mit diesen nicht-orthodoxen Untertanen? Die Zarin entscheidet, dass sie bleiben dürfen, doch grenzt sie ihren Lebensraum strikt ein. Sie dürfen nur in einem Reservat, dem sogenannten „Ansiedlungsrayon“ im äußersten Westen Russlands leben, wo sie aufgrund von Überbevölkerung und vielen Restriktionen schnell verarmen.
TC 13:46 – Polnisches Trauma

ERZÄHLER
Und wie reagiert die europäische Öffentlichkeit auf die Teilungen? Richard Butterwick:

10. ZUSPIELUNG (Butterwick – O3)
“When the Polish-Lithuanian Commonwealth was partitioned for the first time in 1772 it did strike much of European public opinion as something exceptional.”

ZITATOR 2 / overvoice
„Als Polen-Litauen 1772 zum ersten Mal geteilt wurde, empfand das die europäische Öffentlichkeit als abnorm. Das zeigt sich zum Beispiel in der berühmten Karikatur, auf der drei gierige Monarchen ein Land zerstückeln, das sich nicht mehr verteidigen kann. Viele sahen es als einen brutalen Angriff auf die weithin akzeptierten Umgangsformen der Staaten miteinander.“

ERZÄHLERIN
Die Teilungen - ein eklatanter Verstoß gegen zwischenstaatliche Umgangsformen, ein gravierendes Unrecht - eine für britische Historiker typische Einschätzung. In der deutschen Geschichtsschreibung hingegen wurden die Teilungen lange marginalisiert. Professor Hellmuth:

11. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O8)
„Ein Teil der angelsächsischen Historiographie liest dieses Ereignis als wirklich eine der ganz großen Aktionen des 18. Jahrhunderts, dieses Verschwinden von Polen. In negativer Weise. Einer der größten europäischen Staaten verschwindet innerhalb von gut zwei Dekaden von der europäischen Landkarte, das ist eigentlich ein unvorstellbarer Akt! Es gibt nichts Vergleichbares! Und dieser Staat ist dann über 120 Jahre nicht existent und man kann natürlich im Nachhinein auch verstehen, dass dies für die polnische Nation eigentlich bis in unsere Gegenwart hinein ein traumatisches Ereignis ist und wenn wir uns also etwas irritiert über bestimmte Reaktionen heute in Polen zeigen, dann hängt das ganz entscheidend damit zusammen, dass dieser Staat auf dramatische Weise von der europäischen Landkarte im 18. Jahrhundert getilgt worden ist.“

ERZÄHLER
Ein traumatisches Ereignis, das bis heute nachwirkt. Dr. Małgorzata Zemła,, Dozentin für polnische Sprache an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

12. ZUSPIELUNG (Zemła – O1)
„Ja, ich glaube, es ist sehr tief im Bewusstsein oder auch im Unterbewusstsein verankert. Es war ein nationales Trauma, das weiß jeder und es ergibt sich die Frage, wenn das ein nationales Trauma ist, wie wird man mit diesem Trauma fertig. Denn nicht nur einzelne Personen haben es sehr schwer mit der Bewältigung eines Traumas, auch Kollektive. Also wenn man die Gegenwart nur unter diesem Gesichtspunkt sieht, dass es Teilungen gegeben hat, dass die Nachbarn sich daran beteiligt haben, wenn man diese Nachbarn weiterhin so sieht, das kann auch sehr gefährlich sein.“

ERZÄHLERIN
Doch nicht nur das Trauma wirkt weiter.
Eine Fremdherrschaft über vier Generationen hinweg hinterlässt auch andere Spuren.

13. ZUSPIELUNG (Zemła – O2)
„Also diese Besatzer, diese Mächte haben die Mentalität der Polen in diesen Teilen ziemlich stark beeinflusst. Sie spüren das selber. Also wenn man zum Beispiel Eltern hat, und ein Elternteil stammt eben aus dem ehemals preußischen Teil, und ein anderer aus Krakau, oder aus Warschau, es gibt eine gewisse Diskussion in der Familie, was das bedeutet. Und auf jeden Fall gibt es diese Unterschiede noch.“

ERZÄHLER
Die Herrschaft der Habsburger über ihr Teilungsgebiet im Süden war vergleichsweise liberal, und so wird ihr Einfluss auch positiv gesehen.

14. ZUSPIELUNG (Zemła – O3)
„Natürlich der Einfluss der deutschen Sprache im Süden oder im Westen ist ganz groß. Das österreichische Teil hatte viele Freiheiten, und da ist es ganz natürlich, dass man auch noch Deutsch kann, und dass manches aus dieser Kultur in die polnische Kultur aufgenommen wurde. Die Österreicher haben sich sehr oft polonisiert, haben Polinnen geheiratet, aber das weiß man bis heute noch, in Krakau, das sind die Krakauer, die haben etwas mit Österreich zu tun, sie haben Namen, die darauf hinweisen, dass ihre Familie aus Wien stammt, und das wird sehr anerkannt. Das ist eine Art von positiver Kennzeichnung, ganz normal.“

ERZÄHLERIN
Dazu kommt, dass Österreich auch katholisch ist. Im konfessionellen Bereich gibt es keine Unterschiede. Anders im protestantischen Preußen und im orthodoxen Russland. Hier wird immer wieder versucht, die Bevölkerung zum Glaubenswechsel zu bewegen, katholische Kirchen werden geschlossen.
Doch der Druck bewirkt nur eine noch stärkere Hinwendung der Polen zum Katholizismus.

15. ZUSPIELUNG (Zemła – O4)
„Im russischen Teil war es ganz schwierig, weil einerseits die Kulturen sind gewissermaßen ähnlich, die Sprache ist ähnlich, aber die Restriktionen waren da zeitweise sehr groß, auch auf der Schule musste man Russisch sprechen, und natürlich hatte man dort auch die meiste Angst, dass das Polnische verlorengeht. Alle Straßenschilder waren zeitweise nur auf Russisch, also da bemüht man sich vielleicht am meisten, um sich von der Kultur irgendwie mindestens in diesem privaten Bereich abzugrenzen.“

ERZÄHLER
Wenig erstaunlich, dass in diesem Teil der Widerstand am heftigsten ist. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch bleiben die Polen ein Stachel im Fleisch des Zarenreiches, leisten Widerstand gegen die Besatzer, erheben sich in Aufständen, die grausam niedergeschlagen werden.

ERZÄHLERIN
Als Staat ist Polen nicht mehr vorhanden, doch in den Herzen und Köpfen der Menschen lebt es weiter. Sprache, Kultur und Religion bilden die Brücke zwischen der großen Vergangenheit der Adelsrepublik und einer ungewissen Zukunft. Als hätten die Polen den Rat des Philosophen Jean-Jacques Rousseau befolgt:

ZITATOR 2
„Wenn ihr nicht verhindern könnt, dass eure Feinde euch schlucken, so verhindert zumindest, dass sie euch verdauen.“

Musik / Jeszcze Polska nie zginęła...(CD 32477 take 24)

ERZÄHLER
Verdauen lassen sie sich nicht, die Polen. 1918 ersteht das Land, das 123 Jahre von der Landkarte verschwunden war, neu - mit Hilfe der Siegermächte des 1. Weltkrieges. Doch das ist schon wieder eine neue Geschichte.

TC 20:28 - Outro

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Polen ist pure Vielfalt. Auf der einen Seite wilde, ursprüngliche Natur, auf der anderen Seite quirlige, moderne Städte. Polens Geschichte ist geprägt von einer mächtigen Kirche und einem langen Freiheitskampf, der schließlich in der Öffnung nach Westen mündete. Seitdem wächst die Kluft zwischen Jung und Alt, zwischen Gewinnern und Verlierern, denn längst nicht alle profitieren vom Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. Nährboden für Jarosław Kaczyński und seine nationalkonservative PiS-Partei, die seit 2015 die Regierung stellt und alles versucht, ihre Macht nachhaltig zu festigen. JETZT ANSEHEN

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Die polnische Nationalhymne. Noch ist Polen nicht verloren, so lautet die erste Zeile. Dass sie heute noch gesungen wird, in einem freien Polen, grenzt an ein Wunder. Denn Polen war als Staat über 120 Jahre lang von der Landkarte verschwunden.

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Einer der größten und ältesten europäischen Staaten wurde im 18. Jahrhundert wie ein Kuchen zwischen den drei Nachbarn aufgeteilt.

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1772

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Polen verliert dreißig Prozent seines Territoriums.

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Polen ist eine Adelsrepublik. Das heißt, der Adel, die sogenannte Szlachta, hat das Sagen. Regiert wird das Land vom Sejm, dem Parlament. Einen König gibt es zwar, aber anders als andere Könige erbt er seine Würde nicht, sondern wird vom Sejm gewählt. Viel zu sagen hat er nicht. Das mag fortschrittlich scheinen, verursacht aber Streit und Intrigen und schwächt den Staat.

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Ein weiteres fortschrittliches Gesetz und Ursache vieler Zerwürfnisse ist das sogenannte liberum veto. Dieses Gesetz fordert, dass Entscheidungen im Parlament einstimmig fallen müssen. Ein einziger Adliger kann mit seinem Einspruch alles blockieren.

ZITATOR 2 (herrisch)
„Nie pozwalam!“

ERZÄHLERIN
„Ich gestatte nicht!“ Durch diesen Ruf werden sämtliche Beschlüsse einer Sitzung null und nichtig.

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Im 18. Jahrhundert nehmen die Probleme überhand. Konflikte um die Thronfolge brechen aus, mehrmals herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, und das Parlament ist durch das liberum veto praktisch handlungsunfähig. Zudem haben zahlreiche Kriege das Land verwüstet. Polen wird zur leichten Beute für die Nachbarstaaten. Das sind: im Norden und Westen Preußen, im Süden das Habsburger Reich, im Osten Russland.

ERZÄHLERIN
Russland beeinflusst die polnische Politik schon lange, man könnte Polen fast als russisches Protektorat bezeichnen. Doch den Anstoß zu den Teilungen gibt eine andere Großmacht: Preußen. Eckhart Hellmuth, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Ludwig Maximilians Universität in München:
TC 02:32 – Der König, die Zarin und die Kaiserin

1. ZUSPIELUNG (Hellmuth - O1)
„Friedrich ist die treibende Kraft hinter dieser ersten polnischen Teilung. „

ERZÄHLER
Der Preußenkönig verbirgt seine Absichten nicht:

ZITATOR 1
„Polen muss man verspeisen, Blatt für Blatte, wie eine Artischocke“

ERZÄHLERIN
Friedrich der Große hat Appetit auf ein ganz bestimmtes Stück Nordpolens. Ein großer Teil seines Königreiches – Ostpreußen - ist eine Exklave. Hoch im Norden und weit im Osten gelegen hat Ostpreußen keine Landverbindung zum Kernland. Denn dazwischen liegt das Land des polnischen Königs.

ERZÄHLER
Mit der Annexion dieser nordpolnischen Gebiete will Friedrich eine Landbrücke zwischen Pommern und Ostpreußen schaffen. Schon 1752 schreibt er:

ZITATOR 1
„Polnisch Preußen trennt Pommern von Ostpreußen und hindert, dieses zu behaupten. Ich halte es nicht für angebracht, diese Provinz mit Waffengewalt zu gewinnen...Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.“

2. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O2)
„Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das
Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrondieren.“

ERZÄHLERIN
„Erwerbungen mit der Feder“ bedeutet, Diplomaten statt Soldaten einzusetzen, mit gleichgesinnten Partnern die Beute von verschiedenen Seiten einzukreisen. Alleine ist ein Vorstoß zu riskant – die anderen Großmächte reagieren sehr empfindlich, wenn das Gleichgewicht der Kräfte gestört wird. Friedrich muss die Nachbarstaaten Polens einbeziehen: das Zarenreich und das Habsburger Reich. Zunächst lässt er seine Diplomaten am Zarenhof sondieren. Die Herrscherin dort: Katharina die Große. Dr. Richard Butterwick, Professor für polnische Geschichte am University College London:

3. ZUSPIELUNG (Butterwick - O1)
“Frederick the Great had long had his eyes on this bit of territory connecting Brandenburg with East Prussia...

ZITATOR 2 / overvoice
„Friedrich der Große hatte schon lange ein Auge auf dieses Territorium im Norden geworfen, das Brandenburg mit Ostpreußen verbindet, aber auch am Zarenhof gab es Interesse an dem Territorium nördlich und östlich von Dvina und Dnjepr.“

ERZÄHLERIN
Schnell ist man sich handelseinig: Wenn Friedrich Westpreußen bekommt, darf sich die Zarin in Polens Osten bedienen. Im Vertrag vom 17. Februar 1772 werden die künftigen Grenzen festgelegt. Mit diesem Vertrag in der Tasche ziehen die Diplomaten weiter, an den Kaiserhof nach Wien. Auch hier ist eine Frau auf dem Thron: Maria Theresia.

4. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O3)
Habsburg kommt ja relativ spät an Bord, wobei es da gewisse Differenzen zwischen Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II. gibt. Maria Theresia ist ja extrem vorsichtig, hat auch moralische Bedenken gegenüber dieser ersten Teilung Polens.“

ERZÄHLER
Doch der Teilungsvertrag zwischen Russland und Preußen ist beschlossene Sache, Maria Theresia steht vor vollendeten Tatsachen.

5. ZUSPIELUNG (Butterwick – O2)
“So when they are faced with the bargain between Russia and Prussia they’ve effectively no choice...”

ZITATOR 2 / overvoice
„Konfrontiert mit dem Handel zwischen Russland und Preußen hat Wien effektiv keine Wahl. Statt einen Krieg mit beiden anzufangen, macht es lieber mit.“

ERZÄHLERIN
Friedrich kommentiert zynisch:

ZITATOR 1
„Die Kaiserin Katharina und ich sind einfache Diebe. Ich wüsste nur gerne, wie die Kaiserin Maria Theresa ihren Beichtvater beruhigt hat? Sie weinte, als Sie nahm; je mehr Sie weinte, desto mehr nahm Sie.“

ERZÄHLER
Die Entscheidung lastete Maria Theresia zeitlebens schwer auf der Seele. Ihrem Sohn Ferdinand schreibt sie:

Musik / Barock, ev. Spinett, traurig.
ZITATORIN
„Diese unglückliche Teilung Polens kostet mich zehn Jahre meines Lebens... durch wie lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt! Nur die Wahrscheinlichkeit, allein einen Krieg gegen Russland und Preußen führen zu müssen, Elend, Hungersnot und verderbliche Krankheiten in meinen Ländern zwangen mich, auf diese unseligen Vorschläge einzugehen, die einen Schatten werfen auf meine ganze Regierung. Gott wolle, dass ich dafür nicht noch in der anderen Welt zur Verantwortung gezogen werde.“

ERZÄHLERIN
So tritt Österreich im August 1772 dem Teilungsvertrag bei und sichert sich große Territorien im Norden seines Reiches.

ERZÄHLER
Der Vertrag wird dem polnischen Reichstag vorgelegt. Bestochen, durch Drohungen gefügig gemacht und im Bewusstsein der eigenen Schwäche unterzeichnet der Sejm die so genannten „Abtretungsverträge“.

6. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O4)
„Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrondieren. ...Es kommt ja nicht bei der ersten polnischen Teilung zu irgendeinem militärischen Konflikt.“

ERZÄHLERIN
Friedrichs Traum hat sich erfüllt:

Musik / Militärmarsch

ZITATOR 1
„Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.“

ERZÄHLER
Eine zeitgenössische französische Karikatur zeigt die vier beteiligten Monarchen, wie sie um eine Landkarte Polens sitzen: drei zeigen auf die gewünschten Gebiete, während der polnische König verzweifelt seine Krone festhält, die ihm vom Kopf fliegt. Sein Königreich hat ein Drittel seiner Bevölkerung und mehr als ein Viertel seines Territoriums verloren und ist nur noch so groß wie Frankreich.
TC 07:30 – Erste Verfassung Europas

ERZÄHLERIN
Der Schock der Verluste rüttelt die polnische Führungsschicht auf. König und Sejm raufen sich zusammen und entwickeln eine Verfassung - die erste moderne Verfassung Europas. Sie ist stark von der französischen Aufklärung beeinflusst. Die Macht des Königs wird eingeschränkt, die des Parlaments gestärkt. Das liberum veto wird abgeschafft, stattdessen ein Mehrheitsprinzip eingeführt. Die Bürger erhalten ein Mitspracherecht. Weil die Verfassung am 3. Mai 1791 verabschiedet wird, ist der 3. Mai heute in Polen Nationalfeiertag.

Musik / Jeszcze Polska nie zginela...
(polnische Nationalhymne, Instrumentalversion)

ERZÄHLER
Mit dieser Verfassung könnte Polen wieder zu einem handlungsfähigen Staat werden - wären da nicht die Nachbarn. Die empfinden das Dokument als Affront. Denn zur selben Zeit gehen in Frankreich ungeheuerliche Dinge vor:

Musik / Marseillaise (dem Folgenden unterlegen)

ERZÄHLERIN
Das Volk erhebt sich gegen den Monarchen, gibt sich eine Verfassung.

ERZÄHLER
Parallelen zu den revolutionären Vorgängen in Frankreich drängen sich auf.
Polen und Frankreich – Brüder im Geiste, welch schreckliche Vorstellung! Zu viele revolutionäre Feuer will man nicht brennen sehen, zumal nicht in der eigenen Nachbarschaft. Der Funke könnte überspringen.

ERZÄHLERIN
Katharina die Große empört sich über die polnische Verfassung.

ZITATORIN
„Dieses Schriftstück ist ein Machwerk, schlimmer, als es sich die französische Nationalversammlung ausdenken könnte! Die Pest der französischen Lehren ist hier am Werke!“

7. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O5)
„Also ein polnischer Staat, der sich eine vergleichsweise offene, vom Geist der französischen Revolution inspirierte Verfassung gibt, der darüber hinaus versucht, die internen Strukturen effizienter zu gestalten, so dass die Einflussmöglichkeiten dieser drei europäischen Mächte auf die innenpolitischen Verhältnisse Polens reduziert werden, provoziert die Intervention 93.“

ERZÄHLER
1793

ZUSPIELUNG Paukenschlag

ERZÄHLER
Zweite Teilung Polens

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag

ERZÄHLERIN
Polen verliert weitere vierzig Prozent seines Territoriums.

ERZÄHLER
Preußen sichert sich mit Danzig und Thorn zwei wichtige Handelsstädte, außerdem Großpolen mit der Hauptstadt Posen. Russland nimmt sich Weißrussland und große Gebiete Litauens und der Ukraine. Österreich wird auf Wunsch der Zarin ausmanövriert, ist also nicht beteiligt. Mit Kanonen und mit hohen Bestechungsgeldern bringt man den Sejm dazu, diesen weiteren Abtretungsvertrag 1793 zu ratifizieren. Außerdem wird die polnische Verfassung außer Kraft gesetzt.
TC 10:04 – Existenzauflösung

ERZÄHLERIN
Doch diesmal lassen sich die Polen den erneuten Raubzug nicht einfach gefallen. Durch alle Schichten der Bevölkerung flammt Widerstand auf. Er gipfelt 1794 im Kościuszko-Aufstand.

ATMO / Kriegerisches oder Marsch

ERZÄHLER
Mehr als ein halbes Jahr lang kämpfen polnische Adelige, Bürger und Bauern gegen die Besatzer - vergeblich. Vor den Armeen Russlands und Preußens müssen die Aufständischen schließlich kapitulieren. Damit sind die Weichen gestellt für die endgültige Auflösung Polens.

8. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O6)
„Und es gibt einen großen Unterschied zwischen der zweiten und der ersten Teilung: Bei der ersten polnischen Teilung sind alle drei Teilungsmächte von der Vorstellung einer fortdauernden Existenz Polens ausgegangen, eines Polens, das zwar geschwächt ist, das unter dem Einfluss dieser drei europäischen Mächte stehen soll, das aber als Staat erhalten bleiben soll. 93 ist dies nicht mehr der Fall. 93 ist man sich bewusst, dass man in einem weiteren Schritt auch Restpolen an diese drei europäischen Mächte fallen soll. Da gibt es eine logische Verbindung zwischen der Situation 93 und 95, und durch die Aufstandsbewegung in dieser Zwischenzeit in Polen gibt es natürlich einen Vorwand, um hier auch noch erstens zu intervenieren und dann Restpolen aufzuteilen.

ERZÄHLER
1795

ZUSPIELUNG Paukenschlag

ERZÄHLER
Dritte Teilung Polens

ZUSPIELUNG Trommelwirbel, Paukenschlag

ERZÄHLERIN
Polen existiert nicht mehr.

Musik / Chopin: Marche funèbre
(3. Satz aus Klaviersonate Nr. 2 b-moll op. 35), dem Folgenden unterlegen.

ERZÄHLER
Im Jahre 1795 unterzeichnen der Preußenkönig Friedrich Wilhelm der Zweite, der Habsburger Kaiser Franz II. und die Zarin Katharina einen dritten Vertrag. Sie teilen den verbliebenen Rest unter sich auf. Der König dankt ab. 1797 erklären die Teilungsmächte das Königreich Polen für erloschen.

ERZÄHLERIN
Danach versuchen die jeweiligen Besatzungsmächte die „neu erworbenen“ Gebiete, so die offizielle Bezeichnung, in ihre Länder einzugliedern. Das ist mit einem gewissen Maß an Unterdrückung verbunden. Wobei es den Polen unter den Habsburgern am besten, unter den Zaren am schlechtesten geht.
TC 12:22 – Die dramatische Lage der Juden

ERZÄHLER
Vor allem die Lage der Juden verschlechtert sich. In Polen leben viele Juden, da es ihnen seit dem Mittelalter Zuflucht und Schutz gewährt hat. Über die Jahrhunderte haben sich blühende Gemeinden entwickelt. Doch unter den neuen Herrschern ist es mit der Toleranz vorbei.

ERZÄHLERIN
Und zwar schon nach der ersten Teilung: Friedrich der Große duldet Juden nur dort, wo sie der Wirtschaft förderlich sind. Doch nun leben in Preußen mit einem Mal Landjuden, nicht vermögend, von daher auch nicht einträglich.

ZITATOR 1
„Die Bettel-Juden vom platten Lande müssen jedoch successive und ohne Ungestüm weggeschaffet werden.“

9. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O7)
„...die erben plötzlich ein paar Tausend Juden, Landjuden, die höchstwahrscheinlich als Vagabundierer rumgezogen sind und was macht der Friedrich – er jagt die tatsächlich über die Grenze und schmeißt die raus. Paar Tausend, einfach so über die Grenze zu jagen, das ist auch für das 18. Jahrhundert eigentlich ein ziemlich kapitaler Bock.“

ERZÄHLERIN
Über 6.000 Juden werden über die Grenze in das da noch bestehende Restpolen deportiert.

Musik / Klezmer (traurig)

ERZÄHLER
In Russland ist man bis zu den Teilungen nie mit Juden in Berührung gekommen, denn Juden durften sich im Zarenreich nicht niederlassen.
Nun hat die Zarin auf einen Schlag Hunderttausende jüdischer Untertanen.

ERZÄHLERIN
Was tun mit diesen nicht-orthodoxen Untertanen? Die Zarin entscheidet, dass sie bleiben dürfen, doch grenzt sie ihren Lebensraum strikt ein. Sie dürfen nur in einem Reservat, dem sogenannten „Ansiedlungsrayon“ im äußersten Westen Russlands leben, wo sie aufgrund von Überbevölkerung und vielen Restriktionen schnell verarmen.
TC 13:46 – Polnisches Trauma

ERZÄHLER
Und wie reagiert die europäische Öffentlichkeit auf die Teilungen? Richard Butterwick:

10. ZUSPIELUNG (Butterwick – O3)
“When the Polish-Lithuanian Commonwealth was partitioned for the first time in 1772 it did strike much of European public opinion as something exceptional.”

ZITATOR 2 / overvoice
„Als Polen-Litauen 1772 zum ersten Mal geteilt wurde, empfand das die europäische Öffentlichkeit als abnorm. Das zeigt sich zum Beispiel in der berühmten Karikatur, auf der drei gierige Monarchen ein Land zerstückeln, das sich nicht mehr verteidigen kann. Viele sahen es als einen brutalen Angriff auf die weithin akzeptierten Umgangsformen der Staaten miteinander.“

ERZÄHLERIN
Die Teilungen - ein eklatanter Verstoß gegen zwischenstaatliche Umgangsformen, ein gravierendes Unrecht - eine für britische Historiker typische Einschätzung. In der deutschen Geschichtsschreibung hingegen wurden die Teilungen lange marginalisiert. Professor Hellmuth:

11. ZUSPIELUNG (Hellmuth – O8)
„Ein Teil der angelsächsischen Historiographie liest dieses Ereignis als wirklich eine der ganz großen Aktionen des 18. Jahrhunderts, dieses Verschwinden von Polen. In negativer Weise. Einer der größten europäischen Staaten verschwindet innerhalb von gut zwei Dekaden von der europäischen Landkarte, das ist eigentlich ein unvorstellbarer Akt! Es gibt nichts Vergleichbares! Und dieser Staat ist dann über 120 Jahre nicht existent und man kann natürlich im Nachhinein auch verstehen, dass dies für die polnische Nation eigentlich bis in unsere Gegenwart hinein ein traumatisches Ereignis ist und wenn wir uns also etwas irritiert über bestimmte Reaktionen heute in Polen zeigen, dann hängt das ganz entscheidend damit zusammen, dass dieser Staat auf dramatische Weise von der europäischen Landkarte im 18. Jahrhundert getilgt worden ist.“

ERZÄHLER
Ein traumatisches Ereignis, das bis heute nachwirkt. Dr. Małgorzata Zemła,, Dozentin für polnische Sprache an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

12. ZUSPIELUNG (Zemła – O1)
„Ja, ich glaube, es ist sehr tief im Bewusstsein oder auch im Unterbewusstsein verankert. Es war ein nationales Trauma, das weiß jeder und es ergibt sich die Frage, wenn das ein nationales Trauma ist, wie wird man mit diesem Trauma fertig. Denn nicht nur einzelne Personen haben es sehr schwer mit der Bewältigung eines Traumas, auch Kollektive. Also wenn man die Gegenwart nur unter diesem Gesichtspunkt sieht, dass es Teilungen gegeben hat, dass die Nachbarn sich daran beteiligt haben, wenn man diese Nachbarn weiterhin so sieht, das kann auch sehr gefährlich sein.“

ERZÄHLERIN
Doch nicht nur das Trauma wirkt weiter.
Eine Fremdherrschaft über vier Generationen hinweg hinterlässt auch andere Spuren.

13. ZUSPIELUNG (Zemła – O2)
„Also diese Besatzer, diese Mächte haben die Mentalität der Polen in diesen Teilen ziemlich stark beeinflusst. Sie spüren das selber. Also wenn man zum Beispiel Eltern hat, und ein Elternteil stammt eben aus dem ehemals preußischen Teil, und ein anderer aus Krakau, oder aus Warschau, es gibt eine gewisse Diskussion in der Familie, was das bedeutet. Und auf jeden Fall gibt es diese Unterschiede noch.“

ERZÄHLER
Die Herrschaft der Habsburger über ihr Teilungsgebiet im Süden war vergleichsweise liberal, und so wird ihr Einfluss auch positiv gesehen.

14. ZUSPIELUNG (Zemła – O3)
„Natürlich der Einfluss der deutschen Sprache im Süden oder im Westen ist ganz groß. Das österreichische Teil hatte viele Freiheiten, und da ist es ganz natürlich, dass man auch noch Deutsch kann, und dass manches aus dieser Kultur in die polnische Kultur aufgenommen wurde. Die Österreicher haben sich sehr oft polonisiert, haben Polinnen geheiratet, aber das weiß man bis heute noch, in Krakau, das sind die Krakauer, die haben etwas mit Österreich zu tun, sie haben Namen, die darauf hinweisen, dass ihre Familie aus Wien stammt, und das wird sehr anerkannt. Das ist eine Art von positiver Kennzeichnung, ganz normal.“

ERZÄHLERIN
Dazu kommt, dass Österreich auch katholisch ist. Im konfessionellen Bereich gibt es keine Unterschiede. Anders im protestantischen Preußen und im orthodoxen Russland. Hier wird immer wieder versucht, die Bevölkerung zum Glaubenswechsel zu bewegen, katholische Kirchen werden geschlossen.
Doch der Druck bewirkt nur eine noch stärkere Hinwendung der Polen zum Katholizismus.

15. ZUSPIELUNG (Zemła – O4)
„Im russischen Teil war es ganz schwierig, weil einerseits die Kulturen sind gewissermaßen ähnlich, die Sprache ist ähnlich, aber die Restriktionen waren da zeitweise sehr groß, auch auf der Schule musste man Russisch sprechen, und natürlich hatte man dort auch die meiste Angst, dass das Polnische verlorengeht. Alle Straßenschilder waren zeitweise nur auf Russisch, also da bemüht man sich vielleicht am meisten, um sich von der Kultur irgendwie mindestens in diesem privaten Bereich abzugrenzen.“

ERZÄHLER
Wenig erstaunlich, dass in diesem Teil der Widerstand am heftigsten ist. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch bleiben die Polen ein Stachel im Fleisch des Zarenreiches, leisten Widerstand gegen die Besatzer, erheben sich in Aufständen, die grausam niedergeschlagen werden.

ERZÄHLERIN
Als Staat ist Polen nicht mehr vorhanden, doch in den Herzen und Köpfen der Menschen lebt es weiter. Sprache, Kultur und Religion bilden die Brücke zwischen der großen Vergangenheit der Adelsrepublik und einer ungewissen Zukunft. Als hätten die Polen den Rat des Philosophen Jean-Jacques Rousseau befolgt:

ZITATOR 2
„Wenn ihr nicht verhindern könnt, dass eure Feinde euch schlucken, so verhindert zumindest, dass sie euch verdauen.“

Musik / Jeszcze Polska nie zginęła...(CD 32477 take 24)

ERZÄHLER
Verdauen lassen sie sich nicht, die Polen. 1918 ersteht das Land, das 123 Jahre von der Landkarte verschwunden war, neu - mit Hilfe der Siegermächte des 1. Weltkrieges. Doch das ist schon wieder eine neue Geschichte.

TC 20:28 - Outro

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