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ALTES ARABIEN - Die Nabatäer und die Felsenstadt Petra

21:46
 
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Es war eine Sensation, als Archäologen vor rund 100 Jahren "Petra" ausgegraben haben: eine in Fels gehauene Stadt, die den Nabatäern als Handelsmetropole diente. Ihre Blütezeit hatten die Nabatäer zur Zeit Jesu. Sie beherrschten die Weihrauchstraße und organisierten den Handel zwischen Arabien und dem Mittelmeerraum. Bis heute stoßen Archäologen immer noch auf neue Erkenntnisse. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2016)

Credits
Autor: Bernd-Uwe Gutknecht
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Silke von Walkhoff
Technik: Gerhard Wicho
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Stephan Schmid, Jane Taylor

Linktipps:
Das Kalenderblatt (2013): J.L. Burckhardt entdeckt Petra (22.08.1812)
Die Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien war bis ins 3.Jahrhundert n. Chr. als blühende Handelsstadt der Nabatäer bekannt. Am 22. August 1812 entdeckte der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt die sagenhaften Ruinen. JETZT ANHÖREN

ZDFinfo (2020): Petra – Felsentempel in der Wüste
Beeindruckende Felsformationen und mächtige Fassaden – mitten in der jordanischen Wüste fasziniert die antike Felsenstadt Petra Archäologen, Historiker und Touristen. JETZT ANSEHEN

Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro
TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo
TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage
TC 05:18 – Der Nomadenstamm
TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren
TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste
TC 15:06 – Im arabischen Olymp
TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht
TC 21:06 – Outro

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro

MUSIK

ATMO 1 Aufstieg

Erzähler:
Der Aufstieg ist beschwerlich. Von Petra, der faszinierenden Felsenstadt unten im Canyon, hinauf zum 1.200 Meter hohen Gipfelplateau des Umm al-Bijara (sprich: Umm all Bichara), übersetzt der „Mutter der Zisternen“. Hunderte von Stufen wurden in den vergangenen zwei Jahrtausenden in den Kalk - und Sandstein geschlagen, um auf den höchsten Berg der Gegend zu gelangen.

Erzählerin:
Immer wieder wurde der Weg von Sandstürmen verweht, von Geröll verschüttet, von Erdbeben zerstört und ein ums andere Mal wiederhergestellt. In den vergangenen beiden Jahrhunderten von Archäologen, zuvor von Beduinen, zur Zeitenwende vom geheimnisumwitterten Volk der Nabatäer!

ATMO 2 Archäologengespräch

Erzähler:
Seit den neunziger Jahren graben und forschen Archäologen der Berliner Humboldt-Universität rund um Petra. Zahlreiche Gebäudekomplexe - Tempel, Gräber, Villen aus den ersten Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende - haben sie bereits freigelegt und dokumentiert. Auf dem Umm al-Bijara sind sie auf eine erstaunliche Anlage gestoßen.

ATMO 3 kratzen

TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo

Erzählerin:
Eine luxuriöse Wellness-Oase auf einem Berg mitten in der Wüste: mit Marmor-Badewannen, kunstvollen Mosaiken, Steinfiguren von badenden Jünglingen. Prof. Dr. Stephan Schmid ist der Ausgrabungsleiter:

O-Ton 1 Schmid Luxusbad:
„Man darf sich da durchaus den damals üblichen Luxus vorstellen, der dadurch fast pervers wirkt, dass er an einem sehr unwirtlichen Ort praktiziert wird. Wir haben eine Badeanlage gefunden, die mit 20 auf 30 Metern ein ganz anständige Dimension erreicht. Da gab`s beheizbare Räume mit Boden - und Wandheizung, es gab für den Endnutzer fließendes Wasser, das kommt zwar aus den Zisternen, wird aber in Zwischentanks erst mal eingefüllt und der Endnutzer kann richtig seine Badewanne mit fließend Wasser füllen lassen und das ist natürlich für ehemalige Nomaden schon eine Leistung.“

MUSIK
Erzähler:
Feinkeramik - und Glasscherben lassen vermuten, dass es sich die Badenden auf dem Berg gut gehen ließen. Die größte Badewanne, die mehreren Personen Platz bot, also eine Art antiker Whirlpool, ist direkt an der Felskante installiert, hinter der es Hunderte von Metern in die Tiefe geht – antike Wellness mit Nervenkitzel und einem fantastischen Panorama: Vom Plateau reicht der Blick über ganz Petra und auf der anderen Seite bis ins Jordantal, ins heutige Israel. Lage und Luxusausstattung des Berg-Bades waren vermutlich so etwas wie ein Architekturwettstreit mit Herodes dem Großen, der nebenan in Judäa pompöse Paläste bauen ließ. Ziel war es, Macht und Reichtum zur Schau zu stellen.

MUSIK AUS

TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage

O-Ton 2 Schmid Herodes:
„Die Nabatäer waren ja die direkten Nachbarn und auch direkt verschwägert mit Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern, da gab`s einen regen Austausch von Heiratspolitik, man hat sich auch hin und wieder bekriegt, man kannte sich jedenfalls sehr gut. Und im Königsreich von Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern kennen wir zahlreiche Höhenresidenzen, und unser Schlagwort ist, dass Um-el-Bijara, dieser Berg hier, die nabatäische Antwort auf Masada, die große Palastanlage von Herodes dem Großen am Toten Meer darstellen könnte.“

Erzählerin:
Die exponierte Position dieser Anlage, die nicht nur aus Badewannen, sondern auch aus Wohn – und Wachgebäuden bestand, hatte auch einen strategischen Grund.

O-Ton 3 Schmid Königsberg:
„Unsere Arbeits-Hypothese ist die, dass sich hier oben eine Königsresidenz befunden haben könnte aus folgenden Gründen: Der Berg ist der Stadtberg von Petra, der überblickt das Stadtgebiet mit 300 Metern Höhendifferenz, Umm-al-Bijara, Mutter der Zisternen, also da wurde auch Wasser in Zisternen gesammelt. Offenbar wollte man hier oben größere Menschenmengen oder Menschen mit hohem Wasserbedarf bewirtschaften können. Der andere Punkt: Der Berg ist extrem wichtig für die Kontrolle des ganzen Gebietes. Petra selbst liegt ja in einem tiefen Talkessel, da hat man keine Sicht, keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Und das ist ab dem Zeitpunkt, wo man aus der nomadischen in die sesshafte Lebensweise wechselt, denkbar ungünstig. Und dazu dient dieser hohe Berg, man hat hier eine perfekte Fernsicht und kann kommunizieren mit einer ganzen Reihe von Wachtürmen die sich rund ums Siedlungsgebiet von Petra und befunden haben und diese Informationen eben mit dem Stadtgebiet eben austauschen und kommunizieren.“

TC 05:18 – Der Nomadenstamm

MUSIK & ATMO 5 Kelle

Erzähler:
Wer waren diese Nabatäer, die in solch einem unwirtlichen, labyrinthartigen Schluchtensystem ihre Hauptstadt errichteten?

ATMO 6 Schaufel

Erzählerin:
Neben den Tonscherben, Münzen oder Steinreliefs, die Archäologen wie Stephan Schmid zutage fördern, haben die Forscher nur einige schriftliche antike Quellen zur Verfügung: von den Geschichtsschreibern Strabon, Flavius Josephus oder Diodorus. Von den Nabatäern selbst wurden bisher nur wenige schriftliche Zeugnisse gefunden.

Erzähler:
In der Bibel tauchen die Nabatäer bei Paulus auf. Und zwar in Person von König Arétas, der als König von Damaskus bezeichnet wurde. Zu Jesu Zeiten reichte das Herrschaftsgebiet der Nabatäer bis ins heutige Syrien.

Erzählerin:
Zum ersten Mal wird der semitische Nomadenstamm vom griechischen Historiker Diodorus erwähnt: Im Jahr 312 v. Chr. kämpfte demnach ein griechisch-makedonisches Heer von fast 5.000 Mann gegen die Nabatäer, eroberte vorübergehend Petra und erbeutete große Mengen an Weihrauch und Myrrhe sowie 500 Talente Silber, was 70 Tonnen entspricht!

MUSIK AUS

O-Ton 4 Schmid Könige:
„Die frühesten Belege stammen aus der hellenistischen Zeit, wo ein König der Araber genannt wird, der eigentlich nur Nabatäer sein kann und dann ab dem späten zweiten Jahrhundert werden sie dann auch richtig König der Nabatäer genannt. Auch auf ihren eigenen Münzen treten sie als solche auf. Zumindest nach außen muss das als monarchische Form wahrgenommen worden sein. Man kann sich gut vorstellen, dass es eine Art Scheichtum war, es gab eben einen Oberscheich und weil er der Oberscheich war, galt er für die Griechen und Römer als König.“

MUSIK

Erzähler:
Aus ihrer Nomadenzeit hatten die Nabatäer die Stammesstrukturen bewahrt, auch als sie rund um Petra sesshaft wurden. Wie früher, als sie durch die Wüstengegenden im heutigen Syrien, Jordanien, Irak, Palästina und Saudi Arabien zogen, lebten sie in Großfamilien und Clans. Davon zeugen große Versammlungsräume, die in die Felswände von Petra gebaut wurden. In diesen Bankettsälen finden sich sogenannte Triklinien, abgetrennte Räume, die an drei Seiten Sitzbänke hatten. In diesen Räumen wurde rituell gekocht, es wurden Tieropfer dargebracht und es wurde beratschlagt und zu Gericht gesessen.

Erzählerin:
Als Nomaden hatten die Nabatäer keine eigene Schriftsprache. Sie bedienten sich des Aramäischen, also der Sprache Jesu, vor allem, wenn es um Handelsverträge, Bauinschriften etc. ging. Mythische, rituelle oder alltägliche Dinge wurden mündlich überliefert.

MUSIK AUS

O-Ton Schmid 5 aramäisch:
„Da muss man offenbar unterscheiden zwischen dem, was sie gesprochen haben, das scheint wirklich Arabisch gewesen zu sein, ein Früh-Arabisch, und dem, was sie geschrieben haben. Geschrieben haben sie tatsächlich Aramäisch, das war damals die lingua franca, die in diesem Teil der antiken Welt durch das persische Achämenidenreich flächendeckend als Verwaltungssprache eingeführt wurde. In dieser Sprache schreiben die Nabatäer, das ist eigentlich schriftmäßig die Ursprungssprache des modernen Arabisch und des Hebräisch. Aramäisch ist die Sprache von Jesus und auch die Bibel ist in Aramäisch abgefasst in weiten Strecken.“

Erzähler:
Aus diesem frühen Aramäisch hat sich dann die Arabische Schrift entwickelt, wie wir sie kennen.
TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren

Erzählerin:
Und wie sie die Nachfahren der Nabatäer benutzen, die heute in den Hügeln rund um Petra leben: ohne Strom und fließendes Wasser, in Zelten aus Tierleder, einem für die Männer, einem für die Frauen.

ATMO 7 Mörser Kardamom

O-Ton 6 Schäferin Name over weiblich:
„Mein Name ist Haje (sprich: Ha-je), ich bin 50 Jahre alt und ich habe sechs Kinder.“

Erzähler:
Die Frau sitzt auf einer staubigen Wolldecke vor dem Zelt, im Mörser zerkleinert sie Kardamom-Körner. Ihr schwarzer Umhang verhüllt den ganzen Körper, bis auf die Augen.

O-Ton 7 Schäferin Tag over weiblich:
„Unser Tag sieht so aus: Erst mache ich das Frühstück, meine Söhne gehen zum Wasser holen, die Töchter bringen die Ziegen zum Grasen. Wir essen Joghurt, Zwiebeln, Brot, trinken Tee. Sonst gibt`s kaum etwas. Fleisch nur, wenn Gäste kommen, dann schlachten wir eine Ziege “

ATMO 8 Brotbacken

Erzählerin:
Jetzt knetet die Frau Brotteig, den sie zu Fladen formt. Statt in einen Ofen steckt sie diese Fladen einfach in den heißen Wüstensand.
Eine Viertelstunde später ist das Brot fertig gebacken und wird mit etwas Ziegenkäse und Wildkräutern gegessen.

Erzähler:
Das karge Leben der Beduinen dürfte sich kaum vom Lebensstil früherer Nomaden unterscheiden. Mit Geld kommen sie selten in Berührung, vielmehr tauschen sie Lebensmittel, Tiere oder Stoffe mit anderen Beduinen.

MUSIK

Erzählerin:
Auch die Nabatäer haben in ihrer Nomadenzeit wohl so gelebt. Durch ihre steigenden Handelsaktivitäten und den aufkommenden Wohlstand änderte sich aber die Gesellschaftsform.

MUSIK AUS

Die Nabatäer suchten ein Zuhause, ein Zentrum, und fanden es in Petra.

ATMO 11 Markt

Erzähler:
Den Marktplatz von Petra muss man sich wie einen großen Souk vorstellen, wie man ihn heute noch in Jordaniens Hauptstadt Amman findet.

MUSIK

An den Ständen bieten die Händler Gewürze, Gemüse, Fleisch, Fisch, Kaffee und Tee sowie Gebrauchsgegenstände aller Art feil.

Erzählerin:
Die Hauptstraße von Petra ist noch deutlich zu erkennen: die Pflastersteine sind gut erhalten und weisen keine Spuren von Rädern auf – der Boulevard war also eine frühe Fußgängerzone! Gesäumt von Brunnen, Badehäusern, Theater, Mausoleen. Zu Zeiten der Nabatäer war diese Prachtstraße noch beeindruckender als heute. Denn die meisten Gebäude waren mit kunstvollem Stuck verziert und farbenfroh gestrichen, während die Überbleibsel sandfarben sind.

ATMO 12 Marktschreier

Erzähler:
Petras Marktschreier brachten die wertvollsten Produkte der damaligen Zeit unter die Leute: Luxusgüter wie Alabaster, Elfenbein, Perlen, Purpur oder Pfeffer. Auch Aromata wie Weihrauch, Myrrhe, Balsam oder Zedernduft. Vor allem die Einkäufer aus Rom rissen sich um die Zutaten für Salben, Cremes oder Badewasser, da die römische Kanalisation zum Himmel stank und mit Düften übertüncht werden musste.
TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste

Erzähler:
In der Hochzeit reichte der nabatäische Karawanenstaat von Damaskus im Nordosten bis nach Medina im Süden, im Westen bis zum Sinai. Auf der arabischen Halbinsel kontrollierten sie die so genannte Weihrauchstraße, die von Jemen und Oman bis zum Mittelmeer führte und auf der neben Gewürzen aus Indien auch chinesische Seide transportiert wurde.

Erzählerin:
In der Oase Hegra im heutigen Saudi-Arabien übernahmen die nabatäischen Kaufleute die Ware von südarabischen Händlern, brachten sie in 30 bis 40 Tagesmärschen in Kamel- und Dromedarkolonnen nach Petra oder nach Gaza, dem wichtigsten Umschlagplatz am Mittelmeer. Von dort führte die Handelsroute nach Rom oder Athen. Die wichtigsten Karawanen-Strecken waren mit bewachten Brunnen, Warendepots und Versorgungsstationen versehen.

MUSIK AUS

ATMO 13 Petra Sprachen

Erzählerin:
Kaufleute aus vielen Regionen tummelten sich in Petra, das eine Art Wallstreet der Wüste war. Statt des Touristen-Mix‘ aus Englisch, Deutsch oder Japanisch war vor 2.000 Jahren ein Sprachengemisch aus Aramäisch, Persisch und Latein zu hören. Historiker schätzen, dass zur Hochzeit etwa 30.000 Menschen in Petra lebten, darunter zahlreiche Ausländer, die auch ihre Vorlieben mitbrachten. Der Archäologe Stephan Schmid stößt bei Grabungen immer wieder auf Keramik, Glas und Marmor aus Italien oder Griechenland.

ATMO 14 Wasserplätschern

Erzähler:
Ein paar Kilometer von Petra entfernt sprudelt Quellwasser aus den Felsen. Laut Bibel soll Moses hier mit einem Stock auf einen Felsblock geschlagen und so die Quelle geöffnet haben. Diese Wasserstelle garantiert seit Tausenden von Jahren die Trinkwasserversorgung.

MUSIK

Erzählerin:
Die Nabatäer entwickelten ein ausgeklügeltes Kanalsystem, das Wissenschaftler heute als „Wasserbaukunst“ bezeichnen: starke Regenfälle im Winter können die Schluchten rund um Petra komplett unter Wasser setzen, im Sommer fällt nahezu kein Regen. Diese Herausforderung meisterten die Ingenieure der Nabatäer, indem sie Dutzende von Barrieren bauten, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers im Winter zu verringern. In Dämmen und unterirdischen Zisternen wurden enorme Wassermengen gesammelt, über ein weitverzweigtes Kanalsystem verbreitet.

Erzähler:
Rechnungen ergaben, dass rund ums Jahr etwa 45 Millionen Liter zur Verfügung standen. Eine immense Menge an Wasser, zumal mitten in der Wüste! Damit konnten die sesshaft gewordenen Nomaden auf bewässerten Terrassen Landwirtschaft betreiben, was den Fund zahlreicher Getreidemühlen, Wein – und Ölpressen erklärt. Luftaufnahmen deuten auch auf großzügig angelegte Gartenanlagen in Petra hin. Die Nabatäer hatten sich an einem der unwirtlichsten Plätze der Region ein Paradies geschaffen.

ATMO 15 Petra Kinder
MUSIK AUS
TC 15:06 – Im arabischen Olymp

Erzählerin:
Die Frage ist: Warum taten sie das in diesem staubigen Schluchten-Labyrinth?

Erzähler:
Eine Möglichkeit, die von Historikern und Archäologen diskutiert wird: Eventuell hatten die Nabatäer einen mystischen Bezug zu diesem Ort.

MUSIK

Jedenfalls fanden die Forscher zahlreiche Stein-Stelen, die Götter symbolisieren. Inschriften auf Reliefs lassen den Schluss zu, dass Petra nicht nur ein Handelszentrum, sondern auch eine Pilgerstätte war. Vielleicht vermuteten die Nabatäer, dass die von ihnen angebeteten Gottheiten hier zuhause sind. Petra wäre demnach eine Art arabischer Olymp gewesen.

O-Ton 12 Schmid Duschara:
„Die Nabatäer hatten ein relativ detailliertes Pantheon, da gibt es eine ganze Reihe von Göttern, allerdings scheint es sich ein bisschen auf einen Hauptgott zu fokussieren, also eine stark trichterförmige Verengung oder Konzentration auf einen Hauptgott. Hier in Petra ist das eindeutig Duschara, d.h. der von den Schara-Bergen. Und die Schara-Berge, das ist diese Gebirgskette, die den Übergang von der innerarabischen Hochebene in den arabisch-afrikanischen Grabenbruch, in dem auch der Jordan, das Rote und Tote Meer liegen, darstellt. Dieser Duschara war ganz wichtig, denn von den Schara-Bergen kommt das segens-und kulturbringende Wasser, von daher kommt aber auch das alles zerstörende Wasser, wenn man eben nicht aufpasst und das ein bisschen domestiziert. Lustigerweise oder interessanterweise, wenn es um die bildliche Darstellung von Duschara in Griechisch-Römischen Bildchiffren geht, dann taucht er als Dionysos oder Bacchus auf. Das gibt uns eine gewisse Vergleichbarkeit.“

Erzählerin:
Hauptgott Duschara wurde auch mit Vollbart, als Verkörperung des griechischen Zeus, dargestellt! So anpassungsfähig die Nabatäer in ihren Handelsstrategien waren, so flexibel waren sie mit ihrer Religion: Sie passten sich den Umständen an, lernten Gottheiten der Nachbarvölker kennen und adaptierten sie.
Je nach Region beteten sie die lokalen Götter an, das konnten auch Flüsse, Quellen, Berge oder Bäume sein. In der Beschreibung der nabatäischen Gottheiten finden sich Merkmale arabischer, persischer und vor allem hellenistischer Götter wieder. So hatte jede Siedlung einen eigenen Hauptgott, zum Teil glaubten einzelne Familien an eigene Wesen.

MUSIK AUS

O-Ton 13 Jane gods OV weiblich:
“Außerdem wissen wir von drei Haupt-Göttinnen in Petra, deren wichtigste Al-Huzza war. Ihr Name kann mit „Die Große“ übersetzt werden.
TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht

Erzählerin:
Die britische Schriftstellerin und Fotografin Jane Taylor lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Jordanien, hat mehrere Dokumentationen über die Nabatäer veröffentlicht. Neben der sehr variablen Religion beeindruckt sie auch die relativ gleichberechtigte Rolle der nabatäischen Frauen:

O-Ton 14 Jane women OV weiblich:
„Es gibt Hinweise, dass die Nabatäer ihre Frauen wesentlich höher ansahen als etwa die Römer oder die Juden der Epoche. Ein Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass auf den Münzen der Nabatäer nicht nur Könige, sondern auch Königinnen abgebildet waren. Das gab`s weder bei Römern noch bei den Juden. Es ist leider sehr wenig über das Alltagsleben der Ehefrauen, Mütter, Töchter überliefert, aber wir kennen relativ viele Namen von Königinnen und auch von Königstöchtern. Und diese wurden offenbar nicht viel anders behandelt als die Königssöhne.“

Erzähler:
Die wenigen historischen Quellen vermitteln den Eindruck, dass die Nabatäer ein sehr verantwortungsvolles, gut organisiertes und um Frieden bemühtes Volk bildeten. Laut Geschichtsschreibern versuchten sie, mögliche Feinde eher mit Strategie und Diplomatie zu bezwingen als mit militärischer Gewalt. So führten sie ein römisches Heer fehl, damit dieses an keiner Oase vorbeikam und schließlich geschwächt ohne jeden Kampf aufgeben musste.

MUSIK

Als die Römer alternative Handelsrouten auf dem Seewege etablierten, verloren die Nabatäer ihr Handelsmonopol und wurden als Unterhändler quasi überflüssig. Relativ unspektakulär wurde ihr Reich von Rom geschluckt und ging in der Provinz Arabia auf. Aus Händlern wurden sesshafte Bauern.

Erzählerin:
Das Handelszentrum Petra geriet in Vergessenheit, stattdessen zogen die Karawanen nach Palmyra oder Aleppo.

MUSIK AUS

O-Ton 16 Schmid Ende:
„Das nominelle Ende des nabatäischen Königreiches kommt 106 nach Christus, als die Römer hier einmarschieren und das Nabatäer-Reich in die Provinz Arabien umwandeln. Es ist immer noch nicht ganz klar, warum zu diesem Zeitpunkt, wenige Jahre später unternimmt der gleiche Römische Kaiser Trajan einen groß angelegten Feldzug in den damaligen Osten, das Partherreich wird bekriegt und teilweise erobert. Und möglicherweise war es für die Römische Verwaltung und Planung wichtig, in dieser Ecke der antiken Welt, wo wichtige Zufahrtsstraßen auch auf die künftigen Kriegsschauplätze hin durchführen, für Ruhe zu sorgen, prophylaktisch sozusagen.“

Erzähler:
In der Folge vernachlässigten die Römer Petra. Viele Bewohner zogen weg, nur einige Christen nutzten die Höhlenverstecke auf ihrer Flucht vor den Römern. Die Stadt verfiel.

Erzählerin:
Und erlitt im Jahr 363 nach Christus sozusagen den Todesstoß. Ein schweres Erdbeben machte den Resten eines einst blühenden Handelsreichs ein Ende. Als der Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim 1812 Petra erreichte, existierte die Stadt schon lange nicht mehr. Wüstensand überdeckte die ehemalige Metropole wie ein Mantel des Schweigens.
TC 21:06 – Outro

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Es war eine Sensation, als Archäologen vor rund 100 Jahren "Petra" ausgegraben haben: eine in Fels gehauene Stadt, die den Nabatäern als Handelsmetropole diente. Ihre Blütezeit hatten die Nabatäer zur Zeit Jesu. Sie beherrschten die Weihrauchstraße und organisierten den Handel zwischen Arabien und dem Mittelmeerraum. Bis heute stoßen Archäologen immer noch auf neue Erkenntnisse. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2016)

Credits
Autor: Bernd-Uwe Gutknecht
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Silke von Walkhoff
Technik: Gerhard Wicho
Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Stephan Schmid, Jane Taylor

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Das Kalenderblatt (2013): J.L. Burckhardt entdeckt Petra (22.08.1812)
Die Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien war bis ins 3.Jahrhundert n. Chr. als blühende Handelsstadt der Nabatäer bekannt. Am 22. August 1812 entdeckte der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt die sagenhaften Ruinen. JETZT ANHÖREN

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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
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TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo
TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage
TC 05:18 – Der Nomadenstamm
TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren
TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste
TC 15:06 – Im arabischen Olymp
TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht
TC 21:06 – Outro

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro

MUSIK

ATMO 1 Aufstieg

Erzähler:
Der Aufstieg ist beschwerlich. Von Petra, der faszinierenden Felsenstadt unten im Canyon, hinauf zum 1.200 Meter hohen Gipfelplateau des Umm al-Bijara (sprich: Umm all Bichara), übersetzt der „Mutter der Zisternen“. Hunderte von Stufen wurden in den vergangenen zwei Jahrtausenden in den Kalk - und Sandstein geschlagen, um auf den höchsten Berg der Gegend zu gelangen.

Erzählerin:
Immer wieder wurde der Weg von Sandstürmen verweht, von Geröll verschüttet, von Erdbeben zerstört und ein ums andere Mal wiederhergestellt. In den vergangenen beiden Jahrhunderten von Archäologen, zuvor von Beduinen, zur Zeitenwende vom geheimnisumwitterten Volk der Nabatäer!

ATMO 2 Archäologengespräch

Erzähler:
Seit den neunziger Jahren graben und forschen Archäologen der Berliner Humboldt-Universität rund um Petra. Zahlreiche Gebäudekomplexe - Tempel, Gräber, Villen aus den ersten Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende - haben sie bereits freigelegt und dokumentiert. Auf dem Umm al-Bijara sind sie auf eine erstaunliche Anlage gestoßen.

ATMO 3 kratzen

TC 01:37 – Luxus mitten im Nirgendwo

Erzählerin:
Eine luxuriöse Wellness-Oase auf einem Berg mitten in der Wüste: mit Marmor-Badewannen, kunstvollen Mosaiken, Steinfiguren von badenden Jünglingen. Prof. Dr. Stephan Schmid ist der Ausgrabungsleiter:

O-Ton 1 Schmid Luxusbad:
„Man darf sich da durchaus den damals üblichen Luxus vorstellen, der dadurch fast pervers wirkt, dass er an einem sehr unwirtlichen Ort praktiziert wird. Wir haben eine Badeanlage gefunden, die mit 20 auf 30 Metern ein ganz anständige Dimension erreicht. Da gab`s beheizbare Räume mit Boden - und Wandheizung, es gab für den Endnutzer fließendes Wasser, das kommt zwar aus den Zisternen, wird aber in Zwischentanks erst mal eingefüllt und der Endnutzer kann richtig seine Badewanne mit fließend Wasser füllen lassen und das ist natürlich für ehemalige Nomaden schon eine Leistung.“

MUSIK
Erzähler:
Feinkeramik - und Glasscherben lassen vermuten, dass es sich die Badenden auf dem Berg gut gehen ließen. Die größte Badewanne, die mehreren Personen Platz bot, also eine Art antiker Whirlpool, ist direkt an der Felskante installiert, hinter der es Hunderte von Metern in die Tiefe geht – antike Wellness mit Nervenkitzel und einem fantastischen Panorama: Vom Plateau reicht der Blick über ganz Petra und auf der anderen Seite bis ins Jordantal, ins heutige Israel. Lage und Luxusausstattung des Berg-Bades waren vermutlich so etwas wie ein Architekturwettstreit mit Herodes dem Großen, der nebenan in Judäa pompöse Paläste bauen ließ. Ziel war es, Macht und Reichtum zur Schau zu stellen.

MUSIK AUS

TC 03:36 – Eine schlecht zu verteidigende Lage

O-Ton 2 Schmid Herodes:
„Die Nabatäer waren ja die direkten Nachbarn und auch direkt verschwägert mit Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern, da gab`s einen regen Austausch von Heiratspolitik, man hat sich auch hin und wieder bekriegt, man kannte sich jedenfalls sehr gut. Und im Königsreich von Herodes dem Großen und seinen Nachfolgern kennen wir zahlreiche Höhenresidenzen, und unser Schlagwort ist, dass Um-el-Bijara, dieser Berg hier, die nabatäische Antwort auf Masada, die große Palastanlage von Herodes dem Großen am Toten Meer darstellen könnte.“

Erzählerin:
Die exponierte Position dieser Anlage, die nicht nur aus Badewannen, sondern auch aus Wohn – und Wachgebäuden bestand, hatte auch einen strategischen Grund.

O-Ton 3 Schmid Königsberg:
„Unsere Arbeits-Hypothese ist die, dass sich hier oben eine Königsresidenz befunden haben könnte aus folgenden Gründen: Der Berg ist der Stadtberg von Petra, der überblickt das Stadtgebiet mit 300 Metern Höhendifferenz, Umm-al-Bijara, Mutter der Zisternen, also da wurde auch Wasser in Zisternen gesammelt. Offenbar wollte man hier oben größere Menschenmengen oder Menschen mit hohem Wasserbedarf bewirtschaften können. Der andere Punkt: Der Berg ist extrem wichtig für die Kontrolle des ganzen Gebietes. Petra selbst liegt ja in einem tiefen Talkessel, da hat man keine Sicht, keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Und das ist ab dem Zeitpunkt, wo man aus der nomadischen in die sesshafte Lebensweise wechselt, denkbar ungünstig. Und dazu dient dieser hohe Berg, man hat hier eine perfekte Fernsicht und kann kommunizieren mit einer ganzen Reihe von Wachtürmen die sich rund ums Siedlungsgebiet von Petra und befunden haben und diese Informationen eben mit dem Stadtgebiet eben austauschen und kommunizieren.“

TC 05:18 – Der Nomadenstamm

MUSIK & ATMO 5 Kelle

Erzähler:
Wer waren diese Nabatäer, die in solch einem unwirtlichen, labyrinthartigen Schluchtensystem ihre Hauptstadt errichteten?

ATMO 6 Schaufel

Erzählerin:
Neben den Tonscherben, Münzen oder Steinreliefs, die Archäologen wie Stephan Schmid zutage fördern, haben die Forscher nur einige schriftliche antike Quellen zur Verfügung: von den Geschichtsschreibern Strabon, Flavius Josephus oder Diodorus. Von den Nabatäern selbst wurden bisher nur wenige schriftliche Zeugnisse gefunden.

Erzähler:
In der Bibel tauchen die Nabatäer bei Paulus auf. Und zwar in Person von König Arétas, der als König von Damaskus bezeichnet wurde. Zu Jesu Zeiten reichte das Herrschaftsgebiet der Nabatäer bis ins heutige Syrien.

Erzählerin:
Zum ersten Mal wird der semitische Nomadenstamm vom griechischen Historiker Diodorus erwähnt: Im Jahr 312 v. Chr. kämpfte demnach ein griechisch-makedonisches Heer von fast 5.000 Mann gegen die Nabatäer, eroberte vorübergehend Petra und erbeutete große Mengen an Weihrauch und Myrrhe sowie 500 Talente Silber, was 70 Tonnen entspricht!

MUSIK AUS

O-Ton 4 Schmid Könige:
„Die frühesten Belege stammen aus der hellenistischen Zeit, wo ein König der Araber genannt wird, der eigentlich nur Nabatäer sein kann und dann ab dem späten zweiten Jahrhundert werden sie dann auch richtig König der Nabatäer genannt. Auch auf ihren eigenen Münzen treten sie als solche auf. Zumindest nach außen muss das als monarchische Form wahrgenommen worden sein. Man kann sich gut vorstellen, dass es eine Art Scheichtum war, es gab eben einen Oberscheich und weil er der Oberscheich war, galt er für die Griechen und Römer als König.“

MUSIK

Erzähler:
Aus ihrer Nomadenzeit hatten die Nabatäer die Stammesstrukturen bewahrt, auch als sie rund um Petra sesshaft wurden. Wie früher, als sie durch die Wüstengegenden im heutigen Syrien, Jordanien, Irak, Palästina und Saudi Arabien zogen, lebten sie in Großfamilien und Clans. Davon zeugen große Versammlungsräume, die in die Felswände von Petra gebaut wurden. In diesen Bankettsälen finden sich sogenannte Triklinien, abgetrennte Räume, die an drei Seiten Sitzbänke hatten. In diesen Räumen wurde rituell gekocht, es wurden Tieropfer dargebracht und es wurde beratschlagt und zu Gericht gesessen.

Erzählerin:
Als Nomaden hatten die Nabatäer keine eigene Schriftsprache. Sie bedienten sich des Aramäischen, also der Sprache Jesu, vor allem, wenn es um Handelsverträge, Bauinschriften etc. ging. Mythische, rituelle oder alltägliche Dinge wurden mündlich überliefert.

MUSIK AUS

O-Ton Schmid 5 aramäisch:
„Da muss man offenbar unterscheiden zwischen dem, was sie gesprochen haben, das scheint wirklich Arabisch gewesen zu sein, ein Früh-Arabisch, und dem, was sie geschrieben haben. Geschrieben haben sie tatsächlich Aramäisch, das war damals die lingua franca, die in diesem Teil der antiken Welt durch das persische Achämenidenreich flächendeckend als Verwaltungssprache eingeführt wurde. In dieser Sprache schreiben die Nabatäer, das ist eigentlich schriftmäßig die Ursprungssprache des modernen Arabisch und des Hebräisch. Aramäisch ist die Sprache von Jesus und auch die Bibel ist in Aramäisch abgefasst in weiten Strecken.“

Erzähler:
Aus diesem frühen Aramäisch hat sich dann die Arabische Schrift entwickelt, wie wir sie kennen.
TC 08:44 - Ein Leben wie ihre Vorfahren

Erzählerin:
Und wie sie die Nachfahren der Nabatäer benutzen, die heute in den Hügeln rund um Petra leben: ohne Strom und fließendes Wasser, in Zelten aus Tierleder, einem für die Männer, einem für die Frauen.

ATMO 7 Mörser Kardamom

O-Ton 6 Schäferin Name over weiblich:
„Mein Name ist Haje (sprich: Ha-je), ich bin 50 Jahre alt und ich habe sechs Kinder.“

Erzähler:
Die Frau sitzt auf einer staubigen Wolldecke vor dem Zelt, im Mörser zerkleinert sie Kardamom-Körner. Ihr schwarzer Umhang verhüllt den ganzen Körper, bis auf die Augen.

O-Ton 7 Schäferin Tag over weiblich:
„Unser Tag sieht so aus: Erst mache ich das Frühstück, meine Söhne gehen zum Wasser holen, die Töchter bringen die Ziegen zum Grasen. Wir essen Joghurt, Zwiebeln, Brot, trinken Tee. Sonst gibt`s kaum etwas. Fleisch nur, wenn Gäste kommen, dann schlachten wir eine Ziege “

ATMO 8 Brotbacken

Erzählerin:
Jetzt knetet die Frau Brotteig, den sie zu Fladen formt. Statt in einen Ofen steckt sie diese Fladen einfach in den heißen Wüstensand.
Eine Viertelstunde später ist das Brot fertig gebacken und wird mit etwas Ziegenkäse und Wildkräutern gegessen.

Erzähler:
Das karge Leben der Beduinen dürfte sich kaum vom Lebensstil früherer Nomaden unterscheiden. Mit Geld kommen sie selten in Berührung, vielmehr tauschen sie Lebensmittel, Tiere oder Stoffe mit anderen Beduinen.

MUSIK

Erzählerin:
Auch die Nabatäer haben in ihrer Nomadenzeit wohl so gelebt. Durch ihre steigenden Handelsaktivitäten und den aufkommenden Wohlstand änderte sich aber die Gesellschaftsform.

MUSIK AUS

Die Nabatäer suchten ein Zuhause, ein Zentrum, und fanden es in Petra.

ATMO 11 Markt

Erzähler:
Den Marktplatz von Petra muss man sich wie einen großen Souk vorstellen, wie man ihn heute noch in Jordaniens Hauptstadt Amman findet.

MUSIK

An den Ständen bieten die Händler Gewürze, Gemüse, Fleisch, Fisch, Kaffee und Tee sowie Gebrauchsgegenstände aller Art feil.

Erzählerin:
Die Hauptstraße von Petra ist noch deutlich zu erkennen: die Pflastersteine sind gut erhalten und weisen keine Spuren von Rädern auf – der Boulevard war also eine frühe Fußgängerzone! Gesäumt von Brunnen, Badehäusern, Theater, Mausoleen. Zu Zeiten der Nabatäer war diese Prachtstraße noch beeindruckender als heute. Denn die meisten Gebäude waren mit kunstvollem Stuck verziert und farbenfroh gestrichen, während die Überbleibsel sandfarben sind.

ATMO 12 Marktschreier

Erzähler:
Petras Marktschreier brachten die wertvollsten Produkte der damaligen Zeit unter die Leute: Luxusgüter wie Alabaster, Elfenbein, Perlen, Purpur oder Pfeffer. Auch Aromata wie Weihrauch, Myrrhe, Balsam oder Zedernduft. Vor allem die Einkäufer aus Rom rissen sich um die Zutaten für Salben, Cremes oder Badewasser, da die römische Kanalisation zum Himmel stank und mit Düften übertüncht werden musste.
TC 12:00 – Die Wallstreet der Wüste

Erzähler:
In der Hochzeit reichte der nabatäische Karawanenstaat von Damaskus im Nordosten bis nach Medina im Süden, im Westen bis zum Sinai. Auf der arabischen Halbinsel kontrollierten sie die so genannte Weihrauchstraße, die von Jemen und Oman bis zum Mittelmeer führte und auf der neben Gewürzen aus Indien auch chinesische Seide transportiert wurde.

Erzählerin:
In der Oase Hegra im heutigen Saudi-Arabien übernahmen die nabatäischen Kaufleute die Ware von südarabischen Händlern, brachten sie in 30 bis 40 Tagesmärschen in Kamel- und Dromedarkolonnen nach Petra oder nach Gaza, dem wichtigsten Umschlagplatz am Mittelmeer. Von dort führte die Handelsroute nach Rom oder Athen. Die wichtigsten Karawanen-Strecken waren mit bewachten Brunnen, Warendepots und Versorgungsstationen versehen.

MUSIK AUS

ATMO 13 Petra Sprachen

Erzählerin:
Kaufleute aus vielen Regionen tummelten sich in Petra, das eine Art Wallstreet der Wüste war. Statt des Touristen-Mix‘ aus Englisch, Deutsch oder Japanisch war vor 2.000 Jahren ein Sprachengemisch aus Aramäisch, Persisch und Latein zu hören. Historiker schätzen, dass zur Hochzeit etwa 30.000 Menschen in Petra lebten, darunter zahlreiche Ausländer, die auch ihre Vorlieben mitbrachten. Der Archäologe Stephan Schmid stößt bei Grabungen immer wieder auf Keramik, Glas und Marmor aus Italien oder Griechenland.

ATMO 14 Wasserplätschern

Erzähler:
Ein paar Kilometer von Petra entfernt sprudelt Quellwasser aus den Felsen. Laut Bibel soll Moses hier mit einem Stock auf einen Felsblock geschlagen und so die Quelle geöffnet haben. Diese Wasserstelle garantiert seit Tausenden von Jahren die Trinkwasserversorgung.

MUSIK

Erzählerin:
Die Nabatäer entwickelten ein ausgeklügeltes Kanalsystem, das Wissenschaftler heute als „Wasserbaukunst“ bezeichnen: starke Regenfälle im Winter können die Schluchten rund um Petra komplett unter Wasser setzen, im Sommer fällt nahezu kein Regen. Diese Herausforderung meisterten die Ingenieure der Nabatäer, indem sie Dutzende von Barrieren bauten, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers im Winter zu verringern. In Dämmen und unterirdischen Zisternen wurden enorme Wassermengen gesammelt, über ein weitverzweigtes Kanalsystem verbreitet.

Erzähler:
Rechnungen ergaben, dass rund ums Jahr etwa 45 Millionen Liter zur Verfügung standen. Eine immense Menge an Wasser, zumal mitten in der Wüste! Damit konnten die sesshaft gewordenen Nomaden auf bewässerten Terrassen Landwirtschaft betreiben, was den Fund zahlreicher Getreidemühlen, Wein – und Ölpressen erklärt. Luftaufnahmen deuten auch auf großzügig angelegte Gartenanlagen in Petra hin. Die Nabatäer hatten sich an einem der unwirtlichsten Plätze der Region ein Paradies geschaffen.

ATMO 15 Petra Kinder
MUSIK AUS
TC 15:06 – Im arabischen Olymp

Erzählerin:
Die Frage ist: Warum taten sie das in diesem staubigen Schluchten-Labyrinth?

Erzähler:
Eine Möglichkeit, die von Historikern und Archäologen diskutiert wird: Eventuell hatten die Nabatäer einen mystischen Bezug zu diesem Ort.

MUSIK

Jedenfalls fanden die Forscher zahlreiche Stein-Stelen, die Götter symbolisieren. Inschriften auf Reliefs lassen den Schluss zu, dass Petra nicht nur ein Handelszentrum, sondern auch eine Pilgerstätte war. Vielleicht vermuteten die Nabatäer, dass die von ihnen angebeteten Gottheiten hier zuhause sind. Petra wäre demnach eine Art arabischer Olymp gewesen.

O-Ton 12 Schmid Duschara:
„Die Nabatäer hatten ein relativ detailliertes Pantheon, da gibt es eine ganze Reihe von Göttern, allerdings scheint es sich ein bisschen auf einen Hauptgott zu fokussieren, also eine stark trichterförmige Verengung oder Konzentration auf einen Hauptgott. Hier in Petra ist das eindeutig Duschara, d.h. der von den Schara-Bergen. Und die Schara-Berge, das ist diese Gebirgskette, die den Übergang von der innerarabischen Hochebene in den arabisch-afrikanischen Grabenbruch, in dem auch der Jordan, das Rote und Tote Meer liegen, darstellt. Dieser Duschara war ganz wichtig, denn von den Schara-Bergen kommt das segens-und kulturbringende Wasser, von daher kommt aber auch das alles zerstörende Wasser, wenn man eben nicht aufpasst und das ein bisschen domestiziert. Lustigerweise oder interessanterweise, wenn es um die bildliche Darstellung von Duschara in Griechisch-Römischen Bildchiffren geht, dann taucht er als Dionysos oder Bacchus auf. Das gibt uns eine gewisse Vergleichbarkeit.“

Erzählerin:
Hauptgott Duschara wurde auch mit Vollbart, als Verkörperung des griechischen Zeus, dargestellt! So anpassungsfähig die Nabatäer in ihren Handelsstrategien waren, so flexibel waren sie mit ihrer Religion: Sie passten sich den Umständen an, lernten Gottheiten der Nachbarvölker kennen und adaptierten sie.
Je nach Region beteten sie die lokalen Götter an, das konnten auch Flüsse, Quellen, Berge oder Bäume sein. In der Beschreibung der nabatäischen Gottheiten finden sich Merkmale arabischer, persischer und vor allem hellenistischer Götter wieder. So hatte jede Siedlung einen eigenen Hauptgott, zum Teil glaubten einzelne Familien an eigene Wesen.

MUSIK AUS

O-Ton 13 Jane gods OV weiblich:
“Außerdem wissen wir von drei Haupt-Göttinnen in Petra, deren wichtigste Al-Huzza war. Ihr Name kann mit „Die Große“ übersetzt werden.
TC 17:46 – Verantwortungsvoll, gut organisiert und stets bemüht

Erzählerin:
Die britische Schriftstellerin und Fotografin Jane Taylor lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Jordanien, hat mehrere Dokumentationen über die Nabatäer veröffentlicht. Neben der sehr variablen Religion beeindruckt sie auch die relativ gleichberechtigte Rolle der nabatäischen Frauen:

O-Ton 14 Jane women OV weiblich:
„Es gibt Hinweise, dass die Nabatäer ihre Frauen wesentlich höher ansahen als etwa die Römer oder die Juden der Epoche. Ein Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass auf den Münzen der Nabatäer nicht nur Könige, sondern auch Königinnen abgebildet waren. Das gab`s weder bei Römern noch bei den Juden. Es ist leider sehr wenig über das Alltagsleben der Ehefrauen, Mütter, Töchter überliefert, aber wir kennen relativ viele Namen von Königinnen und auch von Königstöchtern. Und diese wurden offenbar nicht viel anders behandelt als die Königssöhne.“

Erzähler:
Die wenigen historischen Quellen vermitteln den Eindruck, dass die Nabatäer ein sehr verantwortungsvolles, gut organisiertes und um Frieden bemühtes Volk bildeten. Laut Geschichtsschreibern versuchten sie, mögliche Feinde eher mit Strategie und Diplomatie zu bezwingen als mit militärischer Gewalt. So führten sie ein römisches Heer fehl, damit dieses an keiner Oase vorbeikam und schließlich geschwächt ohne jeden Kampf aufgeben musste.

MUSIK

Als die Römer alternative Handelsrouten auf dem Seewege etablierten, verloren die Nabatäer ihr Handelsmonopol und wurden als Unterhändler quasi überflüssig. Relativ unspektakulär wurde ihr Reich von Rom geschluckt und ging in der Provinz Arabia auf. Aus Händlern wurden sesshafte Bauern.

Erzählerin:
Das Handelszentrum Petra geriet in Vergessenheit, stattdessen zogen die Karawanen nach Palmyra oder Aleppo.

MUSIK AUS

O-Ton 16 Schmid Ende:
„Das nominelle Ende des nabatäischen Königreiches kommt 106 nach Christus, als die Römer hier einmarschieren und das Nabatäer-Reich in die Provinz Arabien umwandeln. Es ist immer noch nicht ganz klar, warum zu diesem Zeitpunkt, wenige Jahre später unternimmt der gleiche Römische Kaiser Trajan einen groß angelegten Feldzug in den damaligen Osten, das Partherreich wird bekriegt und teilweise erobert. Und möglicherweise war es für die Römische Verwaltung und Planung wichtig, in dieser Ecke der antiken Welt, wo wichtige Zufahrtsstraßen auch auf die künftigen Kriegsschauplätze hin durchführen, für Ruhe zu sorgen, prophylaktisch sozusagen.“

Erzähler:
In der Folge vernachlässigten die Römer Petra. Viele Bewohner zogen weg, nur einige Christen nutzten die Höhlenverstecke auf ihrer Flucht vor den Römern. Die Stadt verfiel.

Erzählerin:
Und erlitt im Jahr 363 nach Christus sozusagen den Todesstoß. Ein schweres Erdbeben machte den Resten eines einst blühenden Handelsreichs ein Ende. Als der Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim 1812 Petra erreichte, existierte die Stadt schon lange nicht mehr. Wüstensand überdeckte die ehemalige Metropole wie ein Mantel des Schweigens.
TC 21:06 – Outro

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