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Fantasie - Das oft ungenutzte Potenzial

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Wer über eine blühende Fantasie verfügt, ist in der Lage, allein in seiner Vorstellungskraft Bilder oder Szenarien zu erzeugen. Während Kinder im Spiel ständig fantasieren, wird bei Erwachsenen eine zu schillernde Fantasie allzu oft als verrückt abgetan. Dabei liegt in der Fantasie ein ungeheurer Schatz. Die lebendige Vorstellungskraft kann Raum öffnen für neue, ungewöhnliche Ideen öffnen. Autorin: Karin Lamsfuß

Credits
Autor/in dieser Folge: Karin Lamsfuß
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann
Technik: Christine Frey
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Heiko Ernst, Psychologe; Norbert Groeben, Psychologie-Professor Uni Heidelberg;
Main Huong Nguyen, Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin; Gisa Klönne, Schriftstellerin;
Johannes Golchert, Psychologe

Linktipps:

Süchtig nach Alles | Podcast | ARD Audiothek:
Ob Substanzen wie Kokain und Ecstasy, Verhaltenssüchte wie Glücksspiel und Shopping oder die natürlichste Droge der Welt: die Liebe. In "Süchtig nach Alles" begibt sich Reporter Hubertus Koch auf eine Reise durch verschiedene Süchte.
ZUM PODCAST

Dissertation von Johannes Golchert über das gedankliche Abschweifen:
EXTERNER LINK | https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/9395/diss_j.golchert.pdf?sequence=1&isAllowed=y

Kurzzusammenfassung (englisch) zu a „Wandering mind is an unhappy mind“:
EXTERNER LINK | https://greatergood.berkeley.edu/images/uploads/A_Wandering_Mind_Is_an_Unhappy_Mind.pdf

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.
WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST

Literaturtipps:

Heiko Ernst: Innenwelten: Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett Cotta 2011

Luisa Francia Blühende Fantasie: Die eigene Lebensvision gestalten, Knaur 2018

Für Eltern:
Petra Samarah: Fantasie- und Körperreisen mit Kindern: 57 Imaginationen mit Gestaltungsmöglichkeiten Semnos Verlag, 2013

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
ARD Audiothek | RadioWissen
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

Erzählerin:

Ein schmaler, unbefestigter Pfad schlängelt sich immer tiefer in das Dickicht des Waldes hinein. Zugewuchert von Efeu und Farnen führt der Weg in verborgene Ecken, wo Blumen in den buntesten Farben blühen und glitzernde Bäche leise durchs Unterholz mäandern. Es ist die Heimat der Elfen, der Trolle und der Pflanzenwesen. Schon seit Jahrtausenden leben sie, von den Menschen unbemerkt, in dem geheimnisvollen Zauberwald. Nur wer seinen Geist öffnet und die Fantasie fließen lässt, kann sie sehen.

Sprecher:

Eine Reise in das Reich der Fantasie. Wir reisen alle dorthin. Unzählige Male am Tag. Fast 50% der wachen Zeit verbringt der Mensch mit Tagträumen, ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2010.

Früher ging man davon aus: Wenn das Gehirn nicht beschäftigt ist, dann verweilt es im Ruhemodus. Das ist falsch. Heute weiß man: Wenn das Gehirn nicht konzentriert denkt, dann geht es gedanklich auf Reisen.

Musik: Z8033060122 New hope 0‘42

Erzählerin:

Der Tagträumer reist an magische Orte, in heile Welten, an den Traumstrand vom letzten Urlaub. Oder sie spielen in der Fantasie durch, wie das erste Date mit der attraktiven Kollegin oder dem attraktiven Kollegen verlaufen könnte. Aber auch unangenehme Dinge werden in der Fantasie durchdacht: etwa, dass das Finanzamt bald Stress machen könnte. Oder wie schrecklich die nächste Prüfung verlaufen wird.

Die Fantasie hat ein riesiges Spektrum: In ihr reisen wir in entfernte Galaxien. Oder planen - ganz handfest – die nächste große Reise.

O-Ton 1 Main Huong Nguyen (0‘13“):

Es macht uns Menschen ja auch aus, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu antizipieren, Dinge auszumalen, wir können dadurch viele Dinge planen, wir haben eine Fantasie, die uns unterstützen kann – das ist eine ganz große Ressource.

Sprecher:

… sagt die Psychotherapeutin Dr. Main Huong Nguyen. (s. Aussprache-Audio)

Doch was ist Fantasie eigentlich?

Musik: Z8026958138 Her dream 0‘35

Sprecher:

Fantasie – abstammend vom griechischen Wort Phantasia - heißt zunächst nichts anderes als „Vorstellung“ oder „Traumgesicht“. Während die Kreativität meist eine Absicht hat, nämlich etwas zu erschaffen, etwa eine Lösung für ein Problem, wabert die Fantasie meist absichtslos umher.

Fantasie bedeutet gedankliches Abschweifen, Erschaffen von Gegenwelten, Filme im Kopfkino, Tagträumen.

O-Ton 2 Heiko Ernst (0‘14“):

Tagträume sind schon per se tröstlich, beruhigend, angenehm, ein Genuss an sich schon, also man kann auch Tagträume genießen, so wie man einen Film genießt, ich lieg irgendwo am Stand, es ist alles easy, alles in Ordnung …

Sprecher:

Heiko Ernst, Psychologe.

In der Fantasie erklimmen wir die höchsten Gipfel, sind die Party-Königin, gewinnen Millionen im Lotto und bleiben ewig schön und faltenfrei. Doch wofür ist das gut? Das sind doch alles nur Hirngespinste! Nein, sagt der Psychologe Heiko Ernst. Fantasieren und Tagträume haben wichtige Funktionen:

O-Ton 3 Heiko Ernst (0‘08“)

Also man träumt diesen Tagtraum, um auch andere Gedanken abzublocken oder um sich in eine Stimmung zu bringen, in der man ruhiger wird.

Musik: Z8029880107 Premium 0‘32

Sprecher:

Durch positive Fantasien wird das Leben entspannter, bunter und abwechslungsreicher. Fantasievolle Menschen können sich gut in andere hineinversetzen. Sie sind offen, neugierig und flexibel. In der Berufswelt führt Fantasie zu Fortschritt durch bislang ungeahnte Ideen.

Wenn Fantasie so viele positive Effekte hat, stellt sich die Frage: Wie kann man diese Quelle anzapfen?

O-Ton 4 Reportage Gisa Klönne (0‘15“):

Ja, der Hängesessel…. Ich hab ein Dacharbeitszimmer, und dann hab ich mir hier einen Hängesessel gekauft.

Erzählerin:

Gisa Klönne auf der Suche nach der Fantasie. Die Schriftstellerin hat bereits sechs Krimis und drei Romane geschrieben. Gerade sitzt sie an ihrem vierten. Gisa Klönne braucht die Fantasie – wie alle Künstler und Kreativen - wie die Luft zum Atmen. Auch wenn am Anfang immer ein grobes Gerüst steht - und natürlich viel Recherche - folgt dann die Phase der Fantasie. In dieser Phase erweckt sie ihre Romanwelt zum Leben: Sie malt sich Orte aus, entwirft Charaktere und Handlungen und erschafft Stimmungen.

Das klappt leider nicht auf Knopfdruck. Doch sie hat so ihre Techniken, die Fantasie zum Fließen zu bringen. Gerade schwingt sie in ihrem lindgrünen Hängesessel, der an der Decke befestigt ist.

O-Ton 5 Reportage Gisa Klönne (0‘26“):

Das ist ja so wie ein Baby in der Wiege, ich schaukele dann hier, ich hab hier immer neben mir inspirierende Lektüre, Notizbücher liegen, und morgens und auch, wenn ich nicht weiterkommen, mache ich hier ne Pause, schwinge so, gucke auf mein Bücherregal mit den Buchtiteln, gucke in die Wolken aus dem Dachfenster und schreibe vor mich hin. Ich schreibe dann z.B. schwingend im Hängesessel, und dann schreibe ich, was mir einfällt. Mit der Hand. Ganz wichtig!

Erzählerin:

So schwingt sie sanft hin und her, in der Hand einen Notizblock und einen Füller mit grüner Tinte. Das muss sein.

Z8032962103 Aufbruch (reduced 2) 0‘15

Sprecher:

Experten gehen davon aus, dass beim Schreiben mit der Hand die visuell-räumlichen Fähigkeiten gefördert werden, also das, was für die Vorstellungskraft essenziell ist.

O-Ton 6 Gisa Klönne (0‘22“):

Die ersten guten Ideen kommen immer per Hand. Es ist unmittelbarer, näher an mir dran, also mehr an den Quellen, die in die Kreativität gehen, an das Unbewusste, das Anzapfen, d.h. ich schreibe weite Passagen oder auch wenn ich nachts aufschrecke, weil mir irgendeine Idee kommt, mit der Hand, und wenn ich dann an einem Roman bin, dann tippe ich sie ab.

Sprecher:

Der Psychologieprofessor Norbert Groeben nennt diesen Zustand, in dem die Fantasie sich zeigen darf, „defokussierte Konzentration“.

O-Ton 7 Groeben (0‘28“):

Man kann es auch „schwebende Aufmerksamkeit“ nennen. Diese schwebende Aufmerksamkeit, die gilt es zu erreichen, dafür gibt es eine Menge an Möglichkeiten: zum Beispiel manche Leute haben diese schwebende Aufmerksamkeit beim Musikhören. Andere unter der Dusche. Weil da diese körperliche Entspannung da ist, die den Geist auch frei macht, und zugleich aber der Geist immer noch schön arbeiten kann. Vital ist.

Sprecher:

Diese schwebende Aufmerksamkeit kann auch erlebt werden morgens vor dem Aufwachen. Sozusagen auf dem Weg aus den Träumen in die Realität.

O-Ton 8 Gisa Klönne (0‘38“):

Als Autorin geht bei mir immer parallel ein Film, in dem ich Geschichten sehe, Bilder, das kann dann z.B. auch sein, wenn ich morgens aufwache, wenn ich sehr in einem Roman bin und denke als erstes: Wie geht’s jetzt dieser Figur? Was macht die als nächstes? Und die sind für mich so real da wie die Menschen in meinem Umfeld oder mein Mann!

Und der kennt das dann schon, wenn ich dann runterkomme in die Küche, dann sag ich: „Kann nicht! Schweigen!“ weil ich dann einfach diesen Figuren und dieser Geschichte in meinem Kopf erst mal zuhören will! Ich lass die einfach mal wie so ein Kopfkino ablaufen!

Musik: Z8024281109 Joy research (no drums) 0‘53

Sprecher:

Ob Traum, Tagtraum, gedankliches Umherwabern, fantasievolles Abgleiten – das findet im Gehirn im so genannten „Default Mode Network“ statt. Im Ruhe-Zustands-Netzwerk.

Zu diesem Netzwerk gehören mehrere miteinander verbundene Hirnregionen, darunter unter anderem der mediale präfrontale Kortex – zuständig für Zukunftsplanungen - und der Hippocampus, der „Arbeitsspeicher“ des Gehirns. Dieses Netzwerk ist – so Forschungsergebnisse des Dartmouth College in New Hampshire – bei Menschen in kreativen Berufen besonders aktiv. Gerade wenn es darum geht, sich wirklich Fantastisches und Utopisches fern der Realität vorzustellen.

Musik Ende

Sprecher:

Früher dachte man, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Diejenigen, die Kontrolle über ihre Gedanken haben und die, die abschweifen, so der Psychologe Dr. Johannes Golchert, der am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften über Tagträume geforscht hat:

O-Ton 9 Golchert (0‘16“):

Heute weiß man eigentlich, dass man das differenzierter betrachten muss, und dass es neben diesem spontanen Gedankenabschweifen, was man immer wieder erlebt, noch ne weitere Form gibt: Das ist eher das bewusstere Abschweifen, ein willkürlicher Prozess, für den ich mich entscheide und dem dann auch nachgehe …

Atmo 15‘30“ Gong

O-Ton 10 Klönne (0‘19“):

Das sind beides tibetische Klangschalen, diese hier kann bis zu eine Minute nachhallen … (geht weiter)

Erzählerin:

Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin Gisa Klönne liegen ein flauschiger Teppich und ein Sitzkissen auf dem Boden in der Mitte des Raums. Mit dem Gong der Klangschale bringt sie sich in einen Zustand, der ihren Geist für Einfälle öffnet.

O-Ton 11 Klönne (0‘39“):

Man muss quasi einen Teil des Bewussten ausschalten und sich verbinden, erden und auf eine andere Ebene kommen. Und öffnen. Auf irgendeine Weise öffnen für das, was wir nicht erklären können, was aber trotzdem da ist. Und zuhören, ich sage immer: Es ist ganz viel zuhören bei der Fantasie, die ich brauche, um einen Roman zu schreiben.

Ich setze was vor, und dann lasse ich mich auf ein Thema ein, und dann muss ich auch teilweise die Geduld haben zu hören, was da von irgendwoher diktiert wird, was auf mich zufliegt…

Musik: Z8032962139 Immer mehr (reduced 2) 0‘21

Erzählerin:

Was nie funktioniere, sagt sie, sei mit einem konkreten Auftrag in die Meditation zu gehen. Und trotzdem könne es sein, dass sie etwas „geschenkt bekommt“, wenn der Kopf leer wird. Einen Einfall, eine gedankliche Skizze, eine spannende Wendung ihres nächsten Romans.

Dabei aber, so die Schriftstellerin, sei es ihr wichtig, nicht ziellos vor sich herzuträumen, die Gedanken vor sich hinwabern zu lassen, sondern das, was sich zeigt, sofort „mit dem Lasso“ einzufangen. Am besten schriftlich.

Sie muss also switchen: von der Fantasie in die harte Realität. Ideen, Bilder, Gedanken zunächst in der Fantasie entstehen zu lassen, sie dann aber sofort mit dem wachen, klaren Geist einzufangen. Sonst verflüchtigen sie sich.

O-Ton 12 Klönne (0‘22“):

Man muss immer zweigeteilt sein als Autorin: Das Wichtigste ist erst mal dieses Intuitive, aber gleichzeitig muss man, um die Geschichte zu vollenden, sich komplett distanzieren und natürlich Erfahrung haben: Wie baue ich eine Geschichte auf, Spannungsbogen usw. aber um überhaupt eine Geschichte zu erfinden, um zu schreiben, um diesen Flow zu haben, muss ich das alles wieder zur Seite drängen. Also man ist immer ein Zwitter.

Musik: Z8019017112 Green planet red. 0‘33

Sprecher:

Gedanklich ein Eisbad nehmen und dabei bibbern. Den trockenen, pfeifenden Wüstenwind wie einen Lufthauch auf der Haut fühlen. Den köstlichen Geschmack einer süßsauren Maracuja auf der Zunge spüren. Die Harvard-Studie über das Tagträumen ergab: Die selben Hirnareale sind aktiv – ganz egal, ob wir etwas real erleben oder es uns nur in der Fantasie vorstellen.

Natürlich gibt es Menschen, die sich etwas schwerer tun als andere auf gedankliche Reise zu gehen. Ihnen, so die Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Main Huong Nguyen, könnte es helfen, die Sinne zu trainieren. Zum Beispiel durch Achtsamkeit.

O-Ton 13 Main Huong Nguyen (0‘20“):

Weil in der Achtsamkeit trainieren wir immer wieder, das Bewusstsein auf alles, was in uns und um uns herum geschieht, zu lenken: Was sehen wir gerade? Was hören wir? Was riechen wir? D.h. wenn wir Achtsamkeit trainieren und immer wieder beobachten, dann entwickeln wir einen Fundus an Beobachtungen, auf die wir in der Imagination oder bei der Visualisierung zurückgreifen.

Musik: Z8033158105 Dream for reality 0‘34

Sprecher:

Die Fantasie schafft auch Gegenwelten. Vor allem dann, wenn die Realität zu grau ist. Schüler beamen sich einfach weg: vom langweiligen Matheunterricht auf den Ponyhof. Erwachsene vielleicht vom langweiligen Meeting an den weißen Sandstrand Balis. Und während man in Geiste einen köstlichen Cocktail serviert bekommt, will die Chefin die letzten Zahlen wissen. Opppps! Ertappt!

Musik: Z8021443122 Magic rain (reduziert) 1‘02

In magische Klänge einbetten:

Anmerkung: langer Text. Sprecher kann etwa in der Mitte der Geschichte darüber gelegt werden. Spätestens dann, wenn’s langatmig wird.

Erzählerin:

Tief in den verschlungenen Wäldern liegt ein verzauberter Bergsee, von Stille und Geheimnis umgeben. Seine Oberfläche schimmert wie ein silbriger Spiegel, der die Wunder der umgebenden Natur widerspiegelt.

Plötzlich erhebt sich eine geheimnisvolle Nebelschicht aus dem See empor, winzige Lichter tauchen auf, die tief unten im klaren Wasser leuchten. Auf dem Grund des magischen Bergsees erscheint eine zauberhafte Welt: glitzernde Pflanzen, die in leuchtenden Farben erstrahlen, und kleine Kreaturen.

Unterhalb des Gesteins liegt ein altes, von Moos überwuchertes Tor, das den Eingang zu einem vergessenen Reich markiert. Wer durch das Tor schreitet, begegnet flüsternden Wassergeistern, die ihn mit Geschichten aus längst vergangenen Zeiten verzaubern. In einem schimmernden Amphitheater, gebaut aus Kristallen, tanzen bezaubernde Wassernymphen …..

Sprecher:

Solche Fantasiewelten haben für viele Menschen etwas sehr Anziehendes, Magisches. Diese Welten sprengen Grenzen. Sie sind unendlich, und alles ist in ihnen möglich. Fantasiewelten spenden ein wenig Zauber in einer hochtechnisierten, längst entzauberten Welt.

Die Welten voller Feen, Elfen, Zwerge und Trolle haben etwas Magisches. Fantastische Werke wie „Herr der Ringe“ oder Der kleine Hobbit“ begeistern viele Menschen.

Doch Fantasiereisen haben auch im Alltag einen ganz praktischen Nutzen: Gedankliches Durchspielen kann eine gute Vorbereitung für schwierige Situationen sein, sagt die Psychotherapeutin Main Huong Nguyen.

O-Ton 14 Main Huong Nguyen (0‘24“)

Wenn wir für ne Prüfung lernen, sollten wir die Prüfungssituation möglichst nachgestalten: Uns an einen Tisch setzen, wenn das ne Multiple Choice-Klausur ist, das auch nachahmen und uns auch vorstellen, dass wir da erfolgreich reingehen und rausgehen werden, dass wir entspannt sind in dieser Situation und nicht mit diesem katastrophisierenden Bild „oh Gott, ich werde ein Blackout bekommen, mir wird nichts einfallen“ – das können wir auch auf unseren Lebensalltag anwenden.

Sprecher:

Alle Veränderungen wurden zunächst einmal in der Fantasie geboren. Erfindungen, Kunstwerke oder neue geistige Strömungen.

Fantasie ist der Motor für Weiterentwicklung.

Sie ist bei Menschen sicherlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein bisschen aber hat jeder. Bis auf die geschätzten drei bis vier Prozent, die unter einer sogenannten Afantasie leiden. Das heißt: ihnen fehlt die bildliche Vorstellungskraft: Sie können weder das Gesicht eines Freundes noch ihr Wohnzimmer visualisieren. Warum das so ist, darüber rätselt die Forschung noch.

Fest steht aber: Der Grundstein für die Fantasie wird schon sehr früh gelegt, so Psychologe Heike Ernst:

O-Ton 15 Heiko Ernst (0‘36“):

Das Spiel hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Tagtraum, auch da wird die Realität ja umgedeutet. Die Realität wird verändert, verfeinert, verbessert, das Kind macht aus dem Stock ein Schwert, aus dem Papierstreifen eine Krone, und es fantasiert sich aus einem Kochtopf eine Trommel – also es verändert die Realität im Spiel. Und das ist sozusagen die Vorübung für später auch erwachsenes Tragträumen, für Fantasieren. Wir brauchen diese Fantasien, wir müssen fähig sein, die Realität im Kopf, in unserer Innenwelt immer wieder zu verändern.

Musik: Z803615140 Mysterious animal play 0‘27

Sprecher:

Eltern können die Fantasie ihrer Kinder fördern, indem sie sie ermutigen, rumzuspinnen. Die Erlaubnis zum Träumen geben, zum realitäts-entrückten Spielen.

Erzählerin:

Auch die Schriftstellerin Gisa Klönne erinnert sich, dass ihre gesamte Kindheit von Ausflügen in fantastische Welten geprägt war.

O-Ton 16 Klönne (0‘42“):

Ich hab Schreiben gespielt. Ich fand Geschichten so toll, dann habe ich mit meinem lila Buntstift in alte Taschenkalender meiner Eltern so Schnörkel reingemacht und hab gespielt ‚ich schreibe‘. Ich wusste sehr früh, dass ich das will. Und dann war ich ganz schnell dieses Kind, was man jede Woche mit dem Bibliotheksausweis in die Bibliothek geschickt hat: zehn Bücher abgeben, zehn Bücher holen, ich hab mich quer durch alles gelesen.

Erzählerin:

Gegenwelten erschaffen in der Fantasie: Das macht sich sogar die moderne Psychotherapie bei Trauma und Depression zunutze. Mit der Methode des „Imagery Rescripting“:

O-Ton 17 Main Huong Nguyen (0‘47“)

Und das funktioniert so, dass der Patient gebeten wird, in der Imagination in diese belastende Situation zurückzugehen in der Biografie. Häufig sind das Kindheitserinnerungen, aber es kann natürlich auch ein Trauma im Erwachsenenalter sein. Und dann, wenn man an dem Punkt ist, wo die Emotion sehr stark aktiviert wurde, fragt man: Was ist das Bedürfnis des Patienten in dieser Situation. Oft ist es z.B. Sicherheit oder dass man rauskommt aus dieser Situation, und dann in diesem Moment kommt dann dieser Patient als erwachsene Person rein oder eine andere Hilfsperson. Und dann wird quasi die Situation neu umschrieben. Da wird z.B. das Kind aus dieser gefährlichen Situation rausgenommen oder der Täter oder die Täterin wird entmachtet von dieser Hilfsperson; es hört sich vielleicht so ein bisschen crazy an, aber es funktioniert so gut, und das Ziel bei dieser Behandlung ist die emotionale Neubewertung.

Sprecher:

Hat Fantasie also nur Sonnenseiten? Ist sie nur kraftvolle Ressource?

Musik: Z8014761145 Daily desolation 0‘30

Nein. Die Fantasie birgt durchaus Gefahren. Etwa dann, wenn sie finster und destruktiv wird oder gar wahnhafte Züge annimmt.

Ob sich die Fantasiewelten des Internets, vor allem gewaltvolle Videospiele auf die Entwicklung junger Menschen auswirken, wird kontrovers diskutiert. Klar ist aber, dass ein komplettes Abtauchen in virtuelle Welten nicht förderlich ist, so Heiko Ernst.

O-Ton 18 Heiko Ernst (0‘14“):

Das Kriterium ist einfach die Realitätstüchtigkeit, also die Bewältigung des Alltags, also wenn jemand wirklich versumpft in solchen Traum- und Fantasiewelten, dann ist es Zeit, Hilfe zu suchen, wobei der Betroffene das ja meist gar nicht so empfindet.

Sprecher:

Das nennen Experten dann „maladaptives Tagträumen“.

Darunter versteht man eine Form der Sucht, bei der sich Betroffene stundenlang in Fantasiewelten verlieren und soziale Kontakte vermeiden. Eine krankhafte Form der Fantasie.

Der Psychologe Heiko Ernst befürchtet zudem, dass die eigene Fantasiefähigkeit auf der Strecke bleibt.

O-Ton 19 Heiko Ernst (0‘46“):

Weil die wirklich unterminiert wird, wenn wir uns nur noch beliefern lassen durch fremde, vorgefertigte Fantasien, vielleicht auch kranke Fantasien von anderen, die wir übernehmen: Wir sehen Filme über Massenmörder, wir schauen Filme über Massenvernichtungen, wir konsumieren Horrorfilme, Splattermovies, ... die Medienwelt ist ja voll von Dingen, über die man ständig diskutiert, ob man sie nicht unterdrücken soll, also die Inhalte sind sozusagen veröffentlichte schlechte Tagträume anderer, die wir konsumieren wollen und die wir zum Teil ja auch gerne konsumieren wollen, es ist diese Faszination des Bösen natürlich auch, und wenn man sich permanent an diesen Fantasien aus der Konserve aus fremden Tagträumen bedient, bleibt eben diese eigene Fantasiefähigkeit unterentwickelt, und die anderen dominieren.

Sprecher:

Die Forscher der Harvard-Studie über das Tagträumen weisen noch auf einen weiteren negativen Aspekt hin. Mit Hilfe eines Handyprogramms befragten sie fortlaufend 2.200 Studienteilnehmer, woran sie gerade denken und wie sie sich beim Gedankenabschweifen fühlen. Titel der Studie ist bezeichnenderweise „A wandering mind is an unhappy mind“. Übersetzt: Ein umherschweifender Geist ist ein unglücklicher Geist.

Musik: C1566350119 Every man has his own sorrow 0‘15

Ein zentrales Ergebnis der Studie war: Das grübelnde und sorgenvolle Nachdenken darüber, was in der Zukunft sein könnte oder in der Vergangenheit besser gewesen wäre, kann auf Dauer unglücklich machen.

Musik: Z8035049119 Lake views 0‘20

Glücklich mache vor allem der gegenwärtige Moment – sofern er schön ist. Sex, Gespräche mit anderen Menschen, Spielen, Musikhören und Essen waren laut der Studie solch schöne Momente im Hier und Jetzt.

Musik Ende

Sprecher:

Fantasie ist also wie ein Instrument, das tröstende, beglückende und beschwingende Melodien spielen kann. Und eben auch düstere, furchteinflößende. Also gilt es, achtsam mit ihr umzugehen. Damit sie nicht anfängt, ihr Eigenleben zu führen.

In jedem Fall aber ist die Fantasie eine kraftvolle und mächtige Ressource, die Grenzen sprengen und Neues schaffen kann.

Erzählerin:

Schriftstellerin Gisa Klönne sitzt in ihrem kleinen Reihenhausgarten auf ihrem Lieblingsplatz: der hölzernen Eckbank. Es ist schon weit nach Mitternacht. Die Stadt wird ruhiger, nur noch das sanfte Rauschen des Verkehrslärms ist hörbar. Die Fledermäuse fliegen über ihren Kopf, im Laub raschelt ein Igel.

In Momenten wie diesem kann es sein, dass plötzlich eine neue Romanfigur um die Ecke kommt.

Musik: C1461890018 Relaxing water 0‘54

O-Ton 20 Gisa Klönne (0‘23“):

Ich verbinde mich, wenn ich im Garten bin, und nach einer Zeit verbinde ich mich quasi mit der Erde, darüber wieder mit mir, vielleicht auch Ursprung, also dem Leben an sich, und über diese Verbindung mit etwas Höherem – weil ich mich dann auch mit allem verbunden fühle – und geerdet. Und dann ist das das Reich, wo dann manchmal die Fantasie hinkommt.

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Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.
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Erzählerin:

Ein schmaler, unbefestigter Pfad schlängelt sich immer tiefer in das Dickicht des Waldes hinein. Zugewuchert von Efeu und Farnen führt der Weg in verborgene Ecken, wo Blumen in den buntesten Farben blühen und glitzernde Bäche leise durchs Unterholz mäandern. Es ist die Heimat der Elfen, der Trolle und der Pflanzenwesen. Schon seit Jahrtausenden leben sie, von den Menschen unbemerkt, in dem geheimnisvollen Zauberwald. Nur wer seinen Geist öffnet und die Fantasie fließen lässt, kann sie sehen.

Sprecher:

Eine Reise in das Reich der Fantasie. Wir reisen alle dorthin. Unzählige Male am Tag. Fast 50% der wachen Zeit verbringt der Mensch mit Tagträumen, ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2010.

Früher ging man davon aus: Wenn das Gehirn nicht beschäftigt ist, dann verweilt es im Ruhemodus. Das ist falsch. Heute weiß man: Wenn das Gehirn nicht konzentriert denkt, dann geht es gedanklich auf Reisen.

Musik: Z8033060122 New hope 0‘42

Erzählerin:

Der Tagträumer reist an magische Orte, in heile Welten, an den Traumstrand vom letzten Urlaub. Oder sie spielen in der Fantasie durch, wie das erste Date mit der attraktiven Kollegin oder dem attraktiven Kollegen verlaufen könnte. Aber auch unangenehme Dinge werden in der Fantasie durchdacht: etwa, dass das Finanzamt bald Stress machen könnte. Oder wie schrecklich die nächste Prüfung verlaufen wird.

Die Fantasie hat ein riesiges Spektrum: In ihr reisen wir in entfernte Galaxien. Oder planen - ganz handfest – die nächste große Reise.

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Es macht uns Menschen ja auch aus, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu antizipieren, Dinge auszumalen, wir können dadurch viele Dinge planen, wir haben eine Fantasie, die uns unterstützen kann – das ist eine ganz große Ressource.

Sprecher:

… sagt die Psychotherapeutin Dr. Main Huong Nguyen. (s. Aussprache-Audio)

Doch was ist Fantasie eigentlich?

Musik: Z8026958138 Her dream 0‘35

Sprecher:

Fantasie – abstammend vom griechischen Wort Phantasia - heißt zunächst nichts anderes als „Vorstellung“ oder „Traumgesicht“. Während die Kreativität meist eine Absicht hat, nämlich etwas zu erschaffen, etwa eine Lösung für ein Problem, wabert die Fantasie meist absichtslos umher.

Fantasie bedeutet gedankliches Abschweifen, Erschaffen von Gegenwelten, Filme im Kopfkino, Tagträumen.

O-Ton 2 Heiko Ernst (0‘14“):

Tagträume sind schon per se tröstlich, beruhigend, angenehm, ein Genuss an sich schon, also man kann auch Tagträume genießen, so wie man einen Film genießt, ich lieg irgendwo am Stand, es ist alles easy, alles in Ordnung …

Sprecher:

Heiko Ernst, Psychologe.

In der Fantasie erklimmen wir die höchsten Gipfel, sind die Party-Königin, gewinnen Millionen im Lotto und bleiben ewig schön und faltenfrei. Doch wofür ist das gut? Das sind doch alles nur Hirngespinste! Nein, sagt der Psychologe Heiko Ernst. Fantasieren und Tagträume haben wichtige Funktionen:

O-Ton 3 Heiko Ernst (0‘08“)

Also man träumt diesen Tagtraum, um auch andere Gedanken abzublocken oder um sich in eine Stimmung zu bringen, in der man ruhiger wird.

Musik: Z8029880107 Premium 0‘32

Sprecher:

Durch positive Fantasien wird das Leben entspannter, bunter und abwechslungsreicher. Fantasievolle Menschen können sich gut in andere hineinversetzen. Sie sind offen, neugierig und flexibel. In der Berufswelt führt Fantasie zu Fortschritt durch bislang ungeahnte Ideen.

Wenn Fantasie so viele positive Effekte hat, stellt sich die Frage: Wie kann man diese Quelle anzapfen?

O-Ton 4 Reportage Gisa Klönne (0‘15“):

Ja, der Hängesessel…. Ich hab ein Dacharbeitszimmer, und dann hab ich mir hier einen Hängesessel gekauft.

Erzählerin:

Gisa Klönne auf der Suche nach der Fantasie. Die Schriftstellerin hat bereits sechs Krimis und drei Romane geschrieben. Gerade sitzt sie an ihrem vierten. Gisa Klönne braucht die Fantasie – wie alle Künstler und Kreativen - wie die Luft zum Atmen. Auch wenn am Anfang immer ein grobes Gerüst steht - und natürlich viel Recherche - folgt dann die Phase der Fantasie. In dieser Phase erweckt sie ihre Romanwelt zum Leben: Sie malt sich Orte aus, entwirft Charaktere und Handlungen und erschafft Stimmungen.

Das klappt leider nicht auf Knopfdruck. Doch sie hat so ihre Techniken, die Fantasie zum Fließen zu bringen. Gerade schwingt sie in ihrem lindgrünen Hängesessel, der an der Decke befestigt ist.

O-Ton 5 Reportage Gisa Klönne (0‘26“):

Das ist ja so wie ein Baby in der Wiege, ich schaukele dann hier, ich hab hier immer neben mir inspirierende Lektüre, Notizbücher liegen, und morgens und auch, wenn ich nicht weiterkommen, mache ich hier ne Pause, schwinge so, gucke auf mein Bücherregal mit den Buchtiteln, gucke in die Wolken aus dem Dachfenster und schreibe vor mich hin. Ich schreibe dann z.B. schwingend im Hängesessel, und dann schreibe ich, was mir einfällt. Mit der Hand. Ganz wichtig!

Erzählerin:

So schwingt sie sanft hin und her, in der Hand einen Notizblock und einen Füller mit grüner Tinte. Das muss sein.

Z8032962103 Aufbruch (reduced 2) 0‘15

Sprecher:

Experten gehen davon aus, dass beim Schreiben mit der Hand die visuell-räumlichen Fähigkeiten gefördert werden, also das, was für die Vorstellungskraft essenziell ist.

O-Ton 6 Gisa Klönne (0‘22“):

Die ersten guten Ideen kommen immer per Hand. Es ist unmittelbarer, näher an mir dran, also mehr an den Quellen, die in die Kreativität gehen, an das Unbewusste, das Anzapfen, d.h. ich schreibe weite Passagen oder auch wenn ich nachts aufschrecke, weil mir irgendeine Idee kommt, mit der Hand, und wenn ich dann an einem Roman bin, dann tippe ich sie ab.

Sprecher:

Der Psychologieprofessor Norbert Groeben nennt diesen Zustand, in dem die Fantasie sich zeigen darf, „defokussierte Konzentration“.

O-Ton 7 Groeben (0‘28“):

Man kann es auch „schwebende Aufmerksamkeit“ nennen. Diese schwebende Aufmerksamkeit, die gilt es zu erreichen, dafür gibt es eine Menge an Möglichkeiten: zum Beispiel manche Leute haben diese schwebende Aufmerksamkeit beim Musikhören. Andere unter der Dusche. Weil da diese körperliche Entspannung da ist, die den Geist auch frei macht, und zugleich aber der Geist immer noch schön arbeiten kann. Vital ist.

Sprecher:

Diese schwebende Aufmerksamkeit kann auch erlebt werden morgens vor dem Aufwachen. Sozusagen auf dem Weg aus den Träumen in die Realität.

O-Ton 8 Gisa Klönne (0‘38“):

Als Autorin geht bei mir immer parallel ein Film, in dem ich Geschichten sehe, Bilder, das kann dann z.B. auch sein, wenn ich morgens aufwache, wenn ich sehr in einem Roman bin und denke als erstes: Wie geht’s jetzt dieser Figur? Was macht die als nächstes? Und die sind für mich so real da wie die Menschen in meinem Umfeld oder mein Mann!

Und der kennt das dann schon, wenn ich dann runterkomme in die Küche, dann sag ich: „Kann nicht! Schweigen!“ weil ich dann einfach diesen Figuren und dieser Geschichte in meinem Kopf erst mal zuhören will! Ich lass die einfach mal wie so ein Kopfkino ablaufen!

Musik: Z8024281109 Joy research (no drums) 0‘53

Sprecher:

Ob Traum, Tagtraum, gedankliches Umherwabern, fantasievolles Abgleiten – das findet im Gehirn im so genannten „Default Mode Network“ statt. Im Ruhe-Zustands-Netzwerk.

Zu diesem Netzwerk gehören mehrere miteinander verbundene Hirnregionen, darunter unter anderem der mediale präfrontale Kortex – zuständig für Zukunftsplanungen - und der Hippocampus, der „Arbeitsspeicher“ des Gehirns. Dieses Netzwerk ist – so Forschungsergebnisse des Dartmouth College in New Hampshire – bei Menschen in kreativen Berufen besonders aktiv. Gerade wenn es darum geht, sich wirklich Fantastisches und Utopisches fern der Realität vorzustellen.

Musik Ende

Sprecher:

Früher dachte man, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Diejenigen, die Kontrolle über ihre Gedanken haben und die, die abschweifen, so der Psychologe Dr. Johannes Golchert, der am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften über Tagträume geforscht hat:

O-Ton 9 Golchert (0‘16“):

Heute weiß man eigentlich, dass man das differenzierter betrachten muss, und dass es neben diesem spontanen Gedankenabschweifen, was man immer wieder erlebt, noch ne weitere Form gibt: Das ist eher das bewusstere Abschweifen, ein willkürlicher Prozess, für den ich mich entscheide und dem dann auch nachgehe …

Atmo 15‘30“ Gong

O-Ton 10 Klönne (0‘19“):

Das sind beides tibetische Klangschalen, diese hier kann bis zu eine Minute nachhallen … (geht weiter)

Erzählerin:

Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin Gisa Klönne liegen ein flauschiger Teppich und ein Sitzkissen auf dem Boden in der Mitte des Raums. Mit dem Gong der Klangschale bringt sie sich in einen Zustand, der ihren Geist für Einfälle öffnet.

O-Ton 11 Klönne (0‘39“):

Man muss quasi einen Teil des Bewussten ausschalten und sich verbinden, erden und auf eine andere Ebene kommen. Und öffnen. Auf irgendeine Weise öffnen für das, was wir nicht erklären können, was aber trotzdem da ist. Und zuhören, ich sage immer: Es ist ganz viel zuhören bei der Fantasie, die ich brauche, um einen Roman zu schreiben.

Ich setze was vor, und dann lasse ich mich auf ein Thema ein, und dann muss ich auch teilweise die Geduld haben zu hören, was da von irgendwoher diktiert wird, was auf mich zufliegt…

Musik: Z8032962139 Immer mehr (reduced 2) 0‘21

Erzählerin:

Was nie funktioniere, sagt sie, sei mit einem konkreten Auftrag in die Meditation zu gehen. Und trotzdem könne es sein, dass sie etwas „geschenkt bekommt“, wenn der Kopf leer wird. Einen Einfall, eine gedankliche Skizze, eine spannende Wendung ihres nächsten Romans.

Dabei aber, so die Schriftstellerin, sei es ihr wichtig, nicht ziellos vor sich herzuträumen, die Gedanken vor sich hinwabern zu lassen, sondern das, was sich zeigt, sofort „mit dem Lasso“ einzufangen. Am besten schriftlich.

Sie muss also switchen: von der Fantasie in die harte Realität. Ideen, Bilder, Gedanken zunächst in der Fantasie entstehen zu lassen, sie dann aber sofort mit dem wachen, klaren Geist einzufangen. Sonst verflüchtigen sie sich.

O-Ton 12 Klönne (0‘22“):

Man muss immer zweigeteilt sein als Autorin: Das Wichtigste ist erst mal dieses Intuitive, aber gleichzeitig muss man, um die Geschichte zu vollenden, sich komplett distanzieren und natürlich Erfahrung haben: Wie baue ich eine Geschichte auf, Spannungsbogen usw. aber um überhaupt eine Geschichte zu erfinden, um zu schreiben, um diesen Flow zu haben, muss ich das alles wieder zur Seite drängen. Also man ist immer ein Zwitter.

Musik: Z8019017112 Green planet red. 0‘33

Sprecher:

Gedanklich ein Eisbad nehmen und dabei bibbern. Den trockenen, pfeifenden Wüstenwind wie einen Lufthauch auf der Haut fühlen. Den köstlichen Geschmack einer süßsauren Maracuja auf der Zunge spüren. Die Harvard-Studie über das Tagträumen ergab: Die selben Hirnareale sind aktiv – ganz egal, ob wir etwas real erleben oder es uns nur in der Fantasie vorstellen.

Natürlich gibt es Menschen, die sich etwas schwerer tun als andere auf gedankliche Reise zu gehen. Ihnen, so die Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Main Huong Nguyen, könnte es helfen, die Sinne zu trainieren. Zum Beispiel durch Achtsamkeit.

O-Ton 13 Main Huong Nguyen (0‘20“):

Weil in der Achtsamkeit trainieren wir immer wieder, das Bewusstsein auf alles, was in uns und um uns herum geschieht, zu lenken: Was sehen wir gerade? Was hören wir? Was riechen wir? D.h. wenn wir Achtsamkeit trainieren und immer wieder beobachten, dann entwickeln wir einen Fundus an Beobachtungen, auf die wir in der Imagination oder bei der Visualisierung zurückgreifen.

Musik: Z8033158105 Dream for reality 0‘34

Sprecher:

Die Fantasie schafft auch Gegenwelten. Vor allem dann, wenn die Realität zu grau ist. Schüler beamen sich einfach weg: vom langweiligen Matheunterricht auf den Ponyhof. Erwachsene vielleicht vom langweiligen Meeting an den weißen Sandstrand Balis. Und während man in Geiste einen köstlichen Cocktail serviert bekommt, will die Chefin die letzten Zahlen wissen. Opppps! Ertappt!

Musik: Z8021443122 Magic rain (reduziert) 1‘02

In magische Klänge einbetten:

Anmerkung: langer Text. Sprecher kann etwa in der Mitte der Geschichte darüber gelegt werden. Spätestens dann, wenn’s langatmig wird.

Erzählerin:

Tief in den verschlungenen Wäldern liegt ein verzauberter Bergsee, von Stille und Geheimnis umgeben. Seine Oberfläche schimmert wie ein silbriger Spiegel, der die Wunder der umgebenden Natur widerspiegelt.

Plötzlich erhebt sich eine geheimnisvolle Nebelschicht aus dem See empor, winzige Lichter tauchen auf, die tief unten im klaren Wasser leuchten. Auf dem Grund des magischen Bergsees erscheint eine zauberhafte Welt: glitzernde Pflanzen, die in leuchtenden Farben erstrahlen, und kleine Kreaturen.

Unterhalb des Gesteins liegt ein altes, von Moos überwuchertes Tor, das den Eingang zu einem vergessenen Reich markiert. Wer durch das Tor schreitet, begegnet flüsternden Wassergeistern, die ihn mit Geschichten aus längst vergangenen Zeiten verzaubern. In einem schimmernden Amphitheater, gebaut aus Kristallen, tanzen bezaubernde Wassernymphen …..

Sprecher:

Solche Fantasiewelten haben für viele Menschen etwas sehr Anziehendes, Magisches. Diese Welten sprengen Grenzen. Sie sind unendlich, und alles ist in ihnen möglich. Fantasiewelten spenden ein wenig Zauber in einer hochtechnisierten, längst entzauberten Welt.

Die Welten voller Feen, Elfen, Zwerge und Trolle haben etwas Magisches. Fantastische Werke wie „Herr der Ringe“ oder Der kleine Hobbit“ begeistern viele Menschen.

Doch Fantasiereisen haben auch im Alltag einen ganz praktischen Nutzen: Gedankliches Durchspielen kann eine gute Vorbereitung für schwierige Situationen sein, sagt die Psychotherapeutin Main Huong Nguyen.

O-Ton 14 Main Huong Nguyen (0‘24“)

Wenn wir für ne Prüfung lernen, sollten wir die Prüfungssituation möglichst nachgestalten: Uns an einen Tisch setzen, wenn das ne Multiple Choice-Klausur ist, das auch nachahmen und uns auch vorstellen, dass wir da erfolgreich reingehen und rausgehen werden, dass wir entspannt sind in dieser Situation und nicht mit diesem katastrophisierenden Bild „oh Gott, ich werde ein Blackout bekommen, mir wird nichts einfallen“ – das können wir auch auf unseren Lebensalltag anwenden.

Sprecher:

Alle Veränderungen wurden zunächst einmal in der Fantasie geboren. Erfindungen, Kunstwerke oder neue geistige Strömungen.

Fantasie ist der Motor für Weiterentwicklung.

Sie ist bei Menschen sicherlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein bisschen aber hat jeder. Bis auf die geschätzten drei bis vier Prozent, die unter einer sogenannten Afantasie leiden. Das heißt: ihnen fehlt die bildliche Vorstellungskraft: Sie können weder das Gesicht eines Freundes noch ihr Wohnzimmer visualisieren. Warum das so ist, darüber rätselt die Forschung noch.

Fest steht aber: Der Grundstein für die Fantasie wird schon sehr früh gelegt, so Psychologe Heike Ernst:

O-Ton 15 Heiko Ernst (0‘36“):

Das Spiel hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Tagtraum, auch da wird die Realität ja umgedeutet. Die Realität wird verändert, verfeinert, verbessert, das Kind macht aus dem Stock ein Schwert, aus dem Papierstreifen eine Krone, und es fantasiert sich aus einem Kochtopf eine Trommel – also es verändert die Realität im Spiel. Und das ist sozusagen die Vorübung für später auch erwachsenes Tragträumen, für Fantasieren. Wir brauchen diese Fantasien, wir müssen fähig sein, die Realität im Kopf, in unserer Innenwelt immer wieder zu verändern.

Musik: Z803615140 Mysterious animal play 0‘27

Sprecher:

Eltern können die Fantasie ihrer Kinder fördern, indem sie sie ermutigen, rumzuspinnen. Die Erlaubnis zum Träumen geben, zum realitäts-entrückten Spielen.

Erzählerin:

Auch die Schriftstellerin Gisa Klönne erinnert sich, dass ihre gesamte Kindheit von Ausflügen in fantastische Welten geprägt war.

O-Ton 16 Klönne (0‘42“):

Ich hab Schreiben gespielt. Ich fand Geschichten so toll, dann habe ich mit meinem lila Buntstift in alte Taschenkalender meiner Eltern so Schnörkel reingemacht und hab gespielt ‚ich schreibe‘. Ich wusste sehr früh, dass ich das will. Und dann war ich ganz schnell dieses Kind, was man jede Woche mit dem Bibliotheksausweis in die Bibliothek geschickt hat: zehn Bücher abgeben, zehn Bücher holen, ich hab mich quer durch alles gelesen.

Erzählerin:

Gegenwelten erschaffen in der Fantasie: Das macht sich sogar die moderne Psychotherapie bei Trauma und Depression zunutze. Mit der Methode des „Imagery Rescripting“:

O-Ton 17 Main Huong Nguyen (0‘47“)

Und das funktioniert so, dass der Patient gebeten wird, in der Imagination in diese belastende Situation zurückzugehen in der Biografie. Häufig sind das Kindheitserinnerungen, aber es kann natürlich auch ein Trauma im Erwachsenenalter sein. Und dann, wenn man an dem Punkt ist, wo die Emotion sehr stark aktiviert wurde, fragt man: Was ist das Bedürfnis des Patienten in dieser Situation. Oft ist es z.B. Sicherheit oder dass man rauskommt aus dieser Situation, und dann in diesem Moment kommt dann dieser Patient als erwachsene Person rein oder eine andere Hilfsperson. Und dann wird quasi die Situation neu umschrieben. Da wird z.B. das Kind aus dieser gefährlichen Situation rausgenommen oder der Täter oder die Täterin wird entmachtet von dieser Hilfsperson; es hört sich vielleicht so ein bisschen crazy an, aber es funktioniert so gut, und das Ziel bei dieser Behandlung ist die emotionale Neubewertung.

Sprecher:

Hat Fantasie also nur Sonnenseiten? Ist sie nur kraftvolle Ressource?

Musik: Z8014761145 Daily desolation 0‘30

Nein. Die Fantasie birgt durchaus Gefahren. Etwa dann, wenn sie finster und destruktiv wird oder gar wahnhafte Züge annimmt.

Ob sich die Fantasiewelten des Internets, vor allem gewaltvolle Videospiele auf die Entwicklung junger Menschen auswirken, wird kontrovers diskutiert. Klar ist aber, dass ein komplettes Abtauchen in virtuelle Welten nicht förderlich ist, so Heiko Ernst.

O-Ton 18 Heiko Ernst (0‘14“):

Das Kriterium ist einfach die Realitätstüchtigkeit, also die Bewältigung des Alltags, also wenn jemand wirklich versumpft in solchen Traum- und Fantasiewelten, dann ist es Zeit, Hilfe zu suchen, wobei der Betroffene das ja meist gar nicht so empfindet.

Sprecher:

Das nennen Experten dann „maladaptives Tagträumen“.

Darunter versteht man eine Form der Sucht, bei der sich Betroffene stundenlang in Fantasiewelten verlieren und soziale Kontakte vermeiden. Eine krankhafte Form der Fantasie.

Der Psychologe Heiko Ernst befürchtet zudem, dass die eigene Fantasiefähigkeit auf der Strecke bleibt.

O-Ton 19 Heiko Ernst (0‘46“):

Weil die wirklich unterminiert wird, wenn wir uns nur noch beliefern lassen durch fremde, vorgefertigte Fantasien, vielleicht auch kranke Fantasien von anderen, die wir übernehmen: Wir sehen Filme über Massenmörder, wir schauen Filme über Massenvernichtungen, wir konsumieren Horrorfilme, Splattermovies, ... die Medienwelt ist ja voll von Dingen, über die man ständig diskutiert, ob man sie nicht unterdrücken soll, also die Inhalte sind sozusagen veröffentlichte schlechte Tagträume anderer, die wir konsumieren wollen und die wir zum Teil ja auch gerne konsumieren wollen, es ist diese Faszination des Bösen natürlich auch, und wenn man sich permanent an diesen Fantasien aus der Konserve aus fremden Tagträumen bedient, bleibt eben diese eigene Fantasiefähigkeit unterentwickelt, und die anderen dominieren.

Sprecher:

Die Forscher der Harvard-Studie über das Tagträumen weisen noch auf einen weiteren negativen Aspekt hin. Mit Hilfe eines Handyprogramms befragten sie fortlaufend 2.200 Studienteilnehmer, woran sie gerade denken und wie sie sich beim Gedankenabschweifen fühlen. Titel der Studie ist bezeichnenderweise „A wandering mind is an unhappy mind“. Übersetzt: Ein umherschweifender Geist ist ein unglücklicher Geist.

Musik: C1566350119 Every man has his own sorrow 0‘15

Ein zentrales Ergebnis der Studie war: Das grübelnde und sorgenvolle Nachdenken darüber, was in der Zukunft sein könnte oder in der Vergangenheit besser gewesen wäre, kann auf Dauer unglücklich machen.

Musik: Z8035049119 Lake views 0‘20

Glücklich mache vor allem der gegenwärtige Moment – sofern er schön ist. Sex, Gespräche mit anderen Menschen, Spielen, Musikhören und Essen waren laut der Studie solch schöne Momente im Hier und Jetzt.

Musik Ende

Sprecher:

Fantasie ist also wie ein Instrument, das tröstende, beglückende und beschwingende Melodien spielen kann. Und eben auch düstere, furchteinflößende. Also gilt es, achtsam mit ihr umzugehen. Damit sie nicht anfängt, ihr Eigenleben zu führen.

In jedem Fall aber ist die Fantasie eine kraftvolle und mächtige Ressource, die Grenzen sprengen und Neues schaffen kann.

Erzählerin:

Schriftstellerin Gisa Klönne sitzt in ihrem kleinen Reihenhausgarten auf ihrem Lieblingsplatz: der hölzernen Eckbank. Es ist schon weit nach Mitternacht. Die Stadt wird ruhiger, nur noch das sanfte Rauschen des Verkehrslärms ist hörbar. Die Fledermäuse fliegen über ihren Kopf, im Laub raschelt ein Igel.

In Momenten wie diesem kann es sein, dass plötzlich eine neue Romanfigur um die Ecke kommt.

Musik: C1461890018 Relaxing water 0‘54

O-Ton 20 Gisa Klönne (0‘23“):

Ich verbinde mich, wenn ich im Garten bin, und nach einer Zeit verbinde ich mich quasi mit der Erde, darüber wieder mit mir, vielleicht auch Ursprung, also dem Leben an sich, und über diese Verbindung mit etwas Höherem – weil ich mich dann auch mit allem verbunden fühle – und geerdet. Und dann ist das das Reich, wo dann manchmal die Fantasie hinkommt.

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