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Die Wetterpropheten - Wie Meteorologen Sonne und Regen vorhersagen

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Unwetter oder Sonnenschein? Wettervorhersagen sind in den letzten Jahrzehnten immer zuverlässiger geworden. Dank des "Chaos im Wetter" werden sie allerdings immer ein Wagnis bleiben. (BR 2018) Autor: Martin Schramm

Credits
Autor/in dieser Folge: Martin Schramm
Regie: Dorit Kreissl
Es sprachen: Rahel Comtesse, Andreas Neumann, Jennifer Güzel, Clemens Nicol
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Nicole Ruchlak

Interviewpartner/innen:
Gerhard Lux (DWD);
Hans-Joachim Koppert (DWD);
Felix Ament (Professor; Universität Hamburg)

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ATMO – Wasser, Bach

ZSP-COLLAGE (Berichte zur Katastrophe in Simbach)

SPRECHER:

Simbach am Inn, 1. Juni 2016: Ein unscheinbarer Bach verwandelt sich in einen reißenden Strom.

SPRECHERIN:

Die Wassermassen fluten Häuser, reißen Autos mit sich – und fordern dort am Ende sieben Menschenleben.

SPRECHER:

Die Katastrophe kommt schnell und überraschend: Die Behörden können die Menschen nicht rechtzeitig warnen.

01-O-TON Koppert - Simbach

„Die Herausforderung war, dass diese Gewitter sich chaotisch verhalten haben...

SPRECHERIN:

Der Meteorologe Hans-Joachim Koppert - er leitet beim Deutschen Wetterdienst die Wettervorhersage.

O-TON

Oft ist es so, dass Gewitter immer eine sehr eindeutige Zugrichtung haben. Wir können genau sagen, wann die wo ankommen, aber hier haben sich die Gewitter relativ chaotisch verhalten, so dass das sehr sehr schwer abzuschätzen war.

Das war auch sehr kleinräumig, und auch sehr intensiv und diese Fluss-Einzugsgebiete, bzw. Bach-Einzugsgebiete besser gesagt, waren natürlich auch sehr sehr klein.“ 6:05

SPRECHER:

„Wetter-Vorhersage“ war und ist also ein heikles Geschäft.

Doch Unsicherheiten hin oder her - unterm Strich ist die Geschichte der Wettervorhersage eine Erfolgsgeschichte.

SPRECHERIN:

Eine 6-Tage-Prognose ist heute beispielsweise genauso zuverlässig wie eine 24-Stunden-Vorhersage im Jahr 1968. - Eine erstaunliche Leistung.

SPRECHER:

Um so weit zu kommen, mussten sich die „Wetterpropheten“ allerdings ganz schön ins Zeug legen.

Musik – M 1 Weather Satellite – Länge: 1:00

ZITATOR-1

Messen für die Wetterküche - oder: Mehr als Gas und Luft

ZITATOR-2 (1780)

„Die Wissenschaften, die einen unmittelbaren Einfluss auf des Menschen Leben und seine tägliche Beschäftigung haben, verdienen eine besondere Beachtung, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Aus diesen Gründen haben Seine Kurfürstliche Durchlaucht die Witterungslehre ihres höchsten Schutzes gewürdigt und Anstalten treffen lassen, dass an mehreren wichtigen Orten der kurfürstlichen Erblanden, auch in anderen Gegenden Europas und der übrigen Weltteile künftig mit gleichartigen Instrumenten tägliche Beobachtungen gemacht und eingesammelt werden.“

SPRECHERIN:

Mannheim 1780 - Kurfürst Karl Theodor gründet die „Societas Meteorologica Palatina“, bekannt auch als „Mannheimer Meteorologische Gesellschaft“.

SPRECHER:

Diese Gesellschaft vollbringt eine Pioniertat: Sie führt Wetterbeobachtungen rund um den Globus durch und veröffentlicht sie - von Nordamerika über Grönland, Nord- und Mitteleuropa bis nach Russland.

SPRECHERIN:

Der Meteorologe Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst:

03-O-TON Lux - Mannheim

„Das begann etwa 1781 - und diese Messstellen waren alle mit den gleichen Instrumenten ausgestattet und die Daten sind ja heute noch verfügbar, entsprechen dem, was man heute unter Wetter-Messungen auch versteht.“ 11:30

SPRECHERIN:

Gemessen wurde täglich, zu regelmäßigen Uhrzeiten - mit einem ganzen Arsenal an Messinstrumenten: Thermometer, Barometer, Hygrometer - allesamt geeicht und justiert versteht sich, um auch tatsächlich vergleichbare Werte zu erzielen.

SPRECHER:

Hinzu kamen Elektrometer, um die Luftelektrizität zu messen, aber auch Windmesser, Regenmesser, Verdunstungsmesser usw.

SPRECHERIN:

Gefragt waren präzise Daten, um das launische Phänomen Wetter naturwissenschaftlich in den Griff zu kriegen. - Gerhard Lux:

04-O-TON Lux – Zusammenschau

Aus der Zusammenschau dann, später, nachdem die Daten zusammengetragen waren, konnte man auch feststellen: Es gibt tatsächlich Luftdruck-Unterschiede, es gibt hier so etwas wie hoher Luftdruck, niedriger Luftdruck, tiefer Luftdruck - und das Wetter ist eher schlecht da, wo tiefer Luftdruck herrscht. Das Problem damals war, dass die Datenerhebung und die Daten zusammenzutragen per reitender Bote natürlich über viele Wochen angedauert hat. Das war ein naturwissenschaftliches Problem, was erst geklärt oder gelöst wurde, mit etwas ganz anderem: Mit der Erfindung der Elektrizität und dem Morse-Apparat.“

SPRECHER:

Denn erst als man Wettermessungen blitzschnell von a nach b übertragen konnte, um die Daten zentral zu sammeln und auszuwerten, - erst dann wurde „Wettervorhersage“ überhaupt erst möglich:

MUSIK M 2 Shoot the Loop – Länge 0:55

SPRECHERIN:

Wettervorhersage ist ein zeitkritisches Geschäft. Geschwindigkeit ein entscheidender Faktor.

SPRECHER:

Tausende von Messstellen sammeln daher nicht nur Wetterdaten weltweit, rund um die Uhr: Luftdruck, Lufttemperatur, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit, Windrichtung, Sonnenschein, Niederschläge usw. - Die nationalen Wetterdienste dieser Welt teilen diesen wertvollen Datenschatz auch miteinander, stehen permanent im Austausch. Jeder profitiert so vom anderen.

SPRECHERIN:

Die meisten Messstationen arbeiten dabei inzwischen vollautomatisch. Sensoren überwachen sich sogar gegenseitig, um automatisiert mögliche Fehler und Ausreißer aufzuspüren.

06-O-TON Lux - Überprüfungs-Algorithmen

„Wenn beispielsweise der eine Sensor sagt: Ich messe hier Nieselregen! - Und der andere sagt: Kann nicht sein, weil es regnet gar nicht! - Dann wissen wir: Hier stimmt was nicht! – Dann gehen die Alarmglocken an.“ 25:45

ATMO Satellit

SPRECHER:

Die Qualität von Wettervorhersagen ganz entscheidend vorangebracht hat allerdings noch etwas anderes: Unermüdliche Späher aus dem All.

SPRECHERIN:

Satelliten, die ihre Augen auch auf jene Regionen richten, in denen es am Boden gar keine Messstationen gibt:

07-O-TON Lux - Datenwüstenproblem

„Schauen wir auf die Südhalbkugel. Da sind es 80% an Wasser - und es gibt Gegenden, wo auch normalerweise nie ein Flugzeug entlang fliegt, noch ein Schiff unterwegs ist - es sei denn, es wäre ein Forschungsschiff. Also da haben wir tatsächlich große Probleme, Daten aus diesen Bereichen zu bekommen.“

MUSIK M 3 Radar (1) - Länge: 1:00

SPRECHERIN:

Wettersatelliten helfen, diese Lücken zu schließen: Sie messen die reflektierte Sonnenstrahlung, die Strahlung der Erde und der Atmosphäre.

SPRECHER:

Und diese Strahlung liefert nicht nur jede Menge Informationen über den Zustand der Atmosphäre, also der Gashülle und „Wetterküche“ unseres Planeten. Sie liefert auch Daten über die Land- und Meeresoberflächen, also zum Beispiel die Temperatur des Erdbodens und der Wasseroberflächen. Quantität und Qualität dieser Daten hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert.

SPRECHERIN:

Dieser „Blick aus dem All“ wird aber noch kombiniert mit einem weiteren „Fernerkundungstool“ - ein Werkzeug namens „Wetterradar“.

SPRECHER:

Siebzehn Standorte in Deutschland machen sichtbar, was sich in den rund zwölf Kilometern direkt über unseren Köpfen abspielt:

08-O-TON Lux - Wetterradar

31.20 „So können wir auch verfolgen natürlich wo sich Regengebiete aufbauen, wir können in etwa auch darstellen, über die Analysen dieser Wetterradargeräte, wie viel Niederschlag da drin ist in diesen Gebieten, wie viel möglicherweise auch raus fällt. - Wir können Hagel so halbwegs auch gut erkennen, auch Windscherung - großes Problem für die Luftfahrt beispielsweise - und eine ganze Menge mehr.“ 32:41

SPRECHER:

Doch das ist längst noch nicht alles: Meteorologen messen und erfassen sogar Dinge, die auf den ersten Blick mit dem Phänomen „Wetter“, gar nichts zu tun haben - einem Phänomen, das sich ja vor allem in der Erdatmosphäre abspielt.

SPRECHERIN:

Sie sammeln beispielsweise auch Bodendaten: Wo wachsen Pflanzen? Sie spielen eine wichtige Rolle, weil sie mit ihren Wurzeln Wasser aus dem Boden ziehen und durch die Blätter wieder verdunsten.

SPRECHER:

Oder: Wo stehen Gebäude, die das Wetter z.B. durch Abwärme beeinflussen? - Und vieles mehr, wie der Meteorologe Felix Ament erläutert:

09-O-TON Ament - Erdsystem

11:00 „Auch die Luft-Schadstoffe, denn der Staub sorgt dafür, dass sich die Tröpfchen in den Wolken anders bilden - das sind Effekte, die man dann auch irgendwann mit einbeziehen muss, denn das Wetter wird angetrieben vom Rand her - und der Rand ist die Landoberfläche und die Wasseroberfläche - oder auch das Eis. Und so ist man dann eben schnell auch dabei, dass die Meteorologie sich

eben nicht nur mit Gasen und Luft beschäftigt.“ 12.10

SPRECHER:

Und das Ergebnis dieser gigantischen Datenjagd - mit tausenden von Messstellen, mit Satelliten, mit Wetter-Radargeräten macht etwas möglich, wovon Forscher lange nur geträumt haben.

Musik – M 1 – Länge: 0:45

ZITATOR-1

Mathematisches Heranpirschen - oder: Das Blubbern im Kochtopf

SPRECHER:

Generationen von Meteorologen hatten eine große Vision: Wenn es Ihnen gelänge die physikalischen Vorgänge in der Atmosphäre mathematisch zu beschreiben, gleichsam eine Art mathematischer „Wetterformel“ zu entwickeln und diese Formel dann mit allen möglichen Messdaten zu füttern...

SPRECHERIN:

…dann könnten sie tatsächlich das Wetter der Zukunft berechnen! Dann könnte man vom aktuellen Wetter auf das Wetter von morgen schließen.

SPRECHER:

Das Problem dabei: Selbst die einfachsten Modelle sorgen bereits für einen gigantischen Rechenaufwand!

MUSIK M 4 „Meetin in the Aisle“ – 0:50

SPRECHERIN:

Und was nutzt die beste Vorhersage, wenn sie vom realen Wetter „überholt“ wird? Wenn sie also gute Resultate liefert - man die aber erst Tage später nachreichen kann? Ohne leistungsfähige Computer war an Wettervorhersage daher gar nicht zu denken.

SPRECHER:

Im März 1950 ist es dann so weit: Der erste elektronische Universalrechner namens „ENIAC“ macht es möglich: Der Mathematiker und Vordenker John von Neumann berechnet in den USA erstmals eine Wettervorhersage aus realen Wetterdaten:

10-O-TON Ament - ENIAC

30:00 „Mit einem ganz einfache Modell, das wir heute noch benutzen, um Studenten zu erklären wie das Wetter funktioniert - die wesentlichsten Dinge abbildet – was man heute mühelos auf jedem Smartphone rechnen kann. Damals war es eine große, große Leistung, damit einen Rechner zu füttern - und eine Vorhersage nur von dem Druckfeld für die nächsten Tage zu erstellen.“ 31:07

SPRECHERIN:

Über die Jahrzehnte werden die Wetterformeln immer komplexer, die Rechner immer leistungsfähiger.

SPRECHER:

Der Supercomputer des Deutschen Wetter Dienstes in Offenbach verschlingt heute eine ganze Etage: Rund tausend Quadratmeter für Hardware, für Server und Speicher-Schränke.

SPRECHERIN:

Und er macht etwas Entscheidendes möglich: Das Wetter als Gesamtphänomen nachzuvollziehen. Die Atmosphäre als ein großes, ganzes zu sehen, in dem alles mit allem vernetzt ist und sich gegenseitig beeinflusst.

SPRECHER:

Der Deutsche Wetterdienst berechnet nämlich das Wetter zunächst für den gesamten Globus - um daraus dann abzuleiten, wie die Entwicklung speziell für Europa oder Deutschland aussieht.

SPRECHERIN:

Der Deutsche Wetterdienst überzieht den kompletten Globus daher mit einem feinmaschigen Raster, arbeitet mit einem Modell, das aus mehr als 256 Millionen Gitterpunkten besteht!

SPRECHER:

Und für jeden einzelnen dieser Punkte werden die wichtigsten Wetterwerte berechnet. Gerhard Lux:

11-O-TON Lux - Gitterpunkte

„Das machen wir weltweit für alle diese 256 Mio. Gitterpunkte - und zwar jeweils für dreißig Sekunden - d.h. für die nächsten dreißig Sekunden, dann die nächsten dreißig Sekunden. Und das machen wir hier in Offenbach bis zum siebten Tag. Das heißt da kann man dann auch für den siebten Tag, kann man dann für 256 Mio. Gitterpunkte sagen: Hier an diesem Punkt, in dieser Höhe, haben wir einen kompletten Datensatz an Wetter. Wir erwarten, dass das Wetter am siebten Tag um zwölf Uhr mittags über Berlin in 5,5 km Höhe so und so aussieht.“ 42.30

SPRECHER:

In mühsamen Einzel-Schritten „hüpfen“ die Meteorologen so gleichsam in die Zukunft.

SPRECHERIN:

Und diese kleinen „Hüpfer“ erzeugen eine gewaltige Datenflut: Für jeden Schritt und für jeden Gitterpunkt muss der Computer etwa 5000 Rechenoperationen durchführen.

SPRECHER:

Dabei gilt: Je kleiner die Maschen, desto punktgenauer sind die Vorhersagen. Umso mehr Rechenzeit verschlingt das ganze aber auch.

SPRECHERIN:

Der Abstand der Gitterpunkte reicht heute von rund 28 km bei globalen Modellen bis zu 1 km bei lokalen Modellen.

SPRECHER:

Und in der Forschung gibt es bereits Ansätze, die mit einer Auflösung von sage und schreibe wenigen Metern arbeiten - mit denen man das Wettergeschehen also fast wie mit einer Lupe inspizieren kann.

SPRECHERIN:

Die Sache hat allerdings einen Haken. - Felix Ament:

12-O-TON Ament - Nadelöhr Rechenzeit

„Der Haken ist einfach die Rechenzeit: Also wenn sie zum Beispiel – das ist gerade geschafft worden von der Universität Hannover, die haben den gesamten Großraum Berlin mit einer Auflösung von zehn Metern gerechnet. Die haben für eine Vorhersage-Stunde fünfzehn Stunden Rechenzeit gebraucht. Und das ist eben dann für den operationellen Betrieb natürlich nicht sinnvoll, denn wenn sie mit vierzehn Stunden Verspätung mit dem Ergebnis der Wettervorhersage ankommen - das Wetter von gestern interessiert dann niemanden mehr.“ 21:55

MUSIK: M 5 Radar (2) 1:20

SPRECHER:

Die Forscher sind trotzdem hellauf begeistert. Sie hoffen, die Rechenzeiten immer weiter verbessern zu können: durch schlankere Programme, durch bessere Hardware. Und mit den immer engeren Maschen, die Präzision und damit auch die Zuverlässigkeit immer weiter zu steigern.

SPRECHERIN:

Der Erfolg scheint Ihnen recht zu geben: Alle zehn Jahre konnten die Meteorologen bislang die Vorhersage-Güte um rund einen Tag steigern.

SPRECHER:

Sprich: Nach einer Dekade sind sie in der Zuverlässigkeit einer Vier-Tages-Vorhersage dort angelangt, wo sie vor der Dekade noch bei einer Drei-Tagesvorhersage lagen.

SPRECHERIN:

Die Herausforderung schwankt dabei natürlich je nach Parameter: Luftdruck und Lufttemperatur lassen sich oft sogar zehn Tage im Voraus bestimmen. Auch Wolken in drei bis acht Kilometern Höhe und Windrichtungen sind ganz gut vorherzusehen. Wind-Geschwindigkeiten hingegen und sogenannte Cirruswolken in großer Höhe sind viel komplexer - und daher meist schwer einzuschätzen.

SPRECHER:

Als Faustregel gilt: Große Sachen: leicht vorherzusagen. Kleine Sachen: eher schwierig! - Gerhard Lux:

13-O-TON Lux - Kleinräumig

51.35 „Das heißt wir können heutzutage Orkane oder große Schlechtwetter-Gebiete, die vom Atlantik heranziehen, die können wir über Tage hinweg vorher schon erkennen - (nicht in allen Einzelheiten - aber wir wissen, da wird etwas passieren, das wird am Wochenende bei uns sein). Bei Gewittern, oder noch schlimmer vielleicht bei Hagel, haben wir es mit Dingen zu tun, die vielleicht nur einen Durchmesser von rund zwei Kilometern haben. Bei den Gewitterzellen und beim Hagel - das weiß jeder, der das schon beobachtet hat, - ist das eine Sache von vielleicht wenigen hundert Metern. D.h. auf der einen Straßenseite liegt der Hagel kniehoch - und auf der anderen Seite ist nichts runter gekommen, nicht mal ein Tropfen Regen.“ 52:50

SPRECHERIN:

Je kleinräumiger die Phänomene sind, desto mehr werden sie vom „Prinzip Zufall“ bestimmt.

SPRECHER:

Überhaupt stoßen Meteorologen an grundlegende Grenzen: Es wird ihnen nie gelingen, das Wetter zu 100% vorherzusagen, weil das System Wetter eine ganz spezielle Eigenschaft hat: Es ist „chaotisch“.

SPRECHERIN:

So chaotisch wie der Wurf eines Würfels:

14-O-TON Ament - Chaotisches System

5:00 „Also die Physik hat auch bestens verstanden, wie ein Würfel fällt, und was passiert, wenn er auf dem Tisch aufprallt, und wieder wegspringt. - Aber das zeichnet eben das Chaos aus: ganz minimale Änderungen. Wenn sie den Würfel nur ganz klein bisschen anders werfen oder eine kleine Unebenheiten am Tisch haben, dann führt das zu einem ganz andern Ergebnis – und das ist eben dasselbe, was wir im Wetter auch haben. Wenn wir am Anfang etwas andere Anfangsbedingungen haben, dann führt das ab einem gewissen Zeitpunkt zu völlig anderen Ergebnissen.“

SPRECHER:

Ein Gewitter gleicht so eher einem zufälligen „Brodeln im Kochtopf“ - und lässt sich eben nur extrem schwer fassen:

15-O-TON Ament - Blubbern

25:30 “Das ist so aussichtslos, wie wenn sie sich vor ihren Kochtopf am Herd stellen und die Vorhersagen machen wollen an welcher Stelle als nächstes eine Blubberblase hochkommt. Die einzige Vorhersage, die wir gut machen können, ist, dass es Blubbern wird - dass es ein Risiko für Gewitter und Schauer geben wird. Das ist genauso wie Sie wissen, wenn sie den Herd anstellen: Ja, es wird blubbern. Das funktioniert auch zuverlässig, aber es wird immer die Situation geben, dass es die Vorhersage gab - ‚Es gibt am Nachmittag Gewitter‘ - und einzelne Leute werden sagen: Wieso, ich hab doch nichts gesehen?“

SPRECHER:

Anstelle von präzisen Vorhersagen lassen sich dann nur noch Wahrscheinlichkeiten berechnen: „Sie haben eine Chance von 50 % trocken zu bleiben, von 30 % trocken zu bleiben.“ usw. - Mehr geht nicht.

Musik M 1 – Länge: 0:40

ZITATOR-1

„Und jetzt zum Wetter...“ - oder: Wie kommuniziert man Unsicherheiten?

ZSP-COLLAGE (Wettervorhersagen)

SPRECHERIN:

Die Bandbreite der Wetterprognosen ist heute so groß wie nie: Vom klassischen Bericht in Radio und Fernsehen bis hin zu multimedial aufbereiteten und individualisierten Wetter-Apps auf dem Smartphone.

SPRECHERIN:

Auch der Deutsche Wetter Dienst hat im Laufe der Jahre maßgeschneiderte Vorhersagen entwickelt - ganz nach Kundenwunsch:

SPRECHER:

Wettervorhersagen für die Landwirtschaft und Schneefall- und Glatteiswarnungen für den Straßenverkehr gehören ebenso dazu wie Unwetterwarnungen: ein vollautomatisches System informiert Feuerwehr, Polizei und Katastrophenschutz über aufziehende Extremereignisse.

SPRECHERIN:

In den letzten Jahren sind allerdings auch ganz neue Zielgruppen aufgetaucht - auch aus der Wirtschaft.

SPRECHER:

Beispielsweise Energiekonzerne. Für die sind präzise Vorhersagen inzwischen bares Geld:

16-O-TON Koppert - Wetter als Wirtschaftsfaktor

16:45 „Ich gebe ihnen mal ein Beispiel: Nehmen wir mal an, wir haben eine Vorhersage gemacht, dass ein Windfeld zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt. Dann werden an der Strombörse die Preise dafür gemacht. Und es kann folgendes passieren: Nehmen wir an, dieses Windfeld verspätet sich um eine Stunde, dann muss der Übertragungs-netzbetreiber in dieser Stunde in der der Wind noch schwächer weht, muss er Strom teuer zu kaufen. Wenn dieses Windfeld länger anhält am Ende dann, hat er eine Stunde mehr Strom als er geplant hat. In dem Falle muss er sehen, dass er den Strom los wird. Es kann sein, dass er für den Strom, den er los wird, sogar noch bezahlen muss.“ 17:50

SPRECHERIN:

Dabei ist, Vorhersagen zu berechnen, die eine Herausforderung. Diese Daten auch verständlich aufzubereiten und zu kommunizieren, eine ganze andere.

SPRECHER:

Hier lauern jede Menge Fallstricke. Beispielsweise der „Crying Wolf“-Effekt. Wer zu viel schreit, also zu häufig warnt, dem hört irgendwann keiner mehr zu.

SPRECHERIN:

Wer andererseits im entscheidenden Moment zu spät oder gar nicht warnt, hat ebenfalls ein Problem:

SPRECHER:

Ein weiterer Ansatz: Unsicherheiten kenntlich zu machen, und eben auch deutlich als Unsicherheiten zu kommunizieren! - Felix Ament:

18-O-TON Ament - Unsicherheiten

„Wenn man eben sagt die Niederschlagswahrscheinlichkeit beträgt 70 %, dann sagen viele Leute: Was bedeutet das denn jetzt? Es regnet morgen ja oder nein? 70% ist ein schwieriger Begriff. Deshalb ist das nicht unbedingt der Schritt mehr in Richtung größerer Genauigkeit aber der Schritt dahin, dass wir unsere Unsicherheit auch mit-kommunizieren können, dass wir sagen können - ja morgen wissen sehr genau, es wird regnen und übermorgen müssen wir zugeben: Es ist nicht vorhersagbar. Aber wir können das eben quantifizieren, wir können sagen was sicher ist und was nicht.“ 37:23

SPRECHERIN:

Und: Der „Wetterkunde“ braucht es konkret.

SPRECHER:

Damit entsprechende Warn-Botschaften tatsächlich ankommen, müssen Durchschnittsbürger auch wissen, was diese Warnungen für sie bedeuten – und zwar ganz praktisch. Hans-Joachim Koppert:

19-O-TON Koppert - Auswirkungen

„Und deswegen wird auch eine Weiterentwicklung sein, tatsächlich die Auswirkung besser zu erfassen und die Auswirkungen auch zu kommunizieren - denn wenn man die Auswirkungen genauer fassen kann - das erfordert auch noch Forschung – wird das auch besser verstanden. Also einfach gesagt: Fliegen meine Dachziegel jetzt vom Dach, ja oder nein? Das ist eine Aussage, die kann besser antizipiert werden, als zu sagen: Wir haben jetzt Beaufort 8 oder 9.“

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Credits
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ATMO – Wasser, Bach

ZSP-COLLAGE (Berichte zur Katastrophe in Simbach)

SPRECHER:

Simbach am Inn, 1. Juni 2016: Ein unscheinbarer Bach verwandelt sich in einen reißenden Strom.

SPRECHERIN:

Die Wassermassen fluten Häuser, reißen Autos mit sich – und fordern dort am Ende sieben Menschenleben.

SPRECHER:

Die Katastrophe kommt schnell und überraschend: Die Behörden können die Menschen nicht rechtzeitig warnen.

01-O-TON Koppert - Simbach

„Die Herausforderung war, dass diese Gewitter sich chaotisch verhalten haben...

SPRECHERIN:

Der Meteorologe Hans-Joachim Koppert - er leitet beim Deutschen Wetterdienst die Wettervorhersage.

O-TON

Oft ist es so, dass Gewitter immer eine sehr eindeutige Zugrichtung haben. Wir können genau sagen, wann die wo ankommen, aber hier haben sich die Gewitter relativ chaotisch verhalten, so dass das sehr sehr schwer abzuschätzen war.

Das war auch sehr kleinräumig, und auch sehr intensiv und diese Fluss-Einzugsgebiete, bzw. Bach-Einzugsgebiete besser gesagt, waren natürlich auch sehr sehr klein.“ 6:05

SPRECHER:

„Wetter-Vorhersage“ war und ist also ein heikles Geschäft.

Doch Unsicherheiten hin oder her - unterm Strich ist die Geschichte der Wettervorhersage eine Erfolgsgeschichte.

SPRECHERIN:

Eine 6-Tage-Prognose ist heute beispielsweise genauso zuverlässig wie eine 24-Stunden-Vorhersage im Jahr 1968. - Eine erstaunliche Leistung.

SPRECHER:

Um so weit zu kommen, mussten sich die „Wetterpropheten“ allerdings ganz schön ins Zeug legen.

Musik – M 1 Weather Satellite – Länge: 1:00

ZITATOR-1

Messen für die Wetterküche - oder: Mehr als Gas und Luft

ZITATOR-2 (1780)

„Die Wissenschaften, die einen unmittelbaren Einfluss auf des Menschen Leben und seine tägliche Beschäftigung haben, verdienen eine besondere Beachtung, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Aus diesen Gründen haben Seine Kurfürstliche Durchlaucht die Witterungslehre ihres höchsten Schutzes gewürdigt und Anstalten treffen lassen, dass an mehreren wichtigen Orten der kurfürstlichen Erblanden, auch in anderen Gegenden Europas und der übrigen Weltteile künftig mit gleichartigen Instrumenten tägliche Beobachtungen gemacht und eingesammelt werden.“

SPRECHERIN:

Mannheim 1780 - Kurfürst Karl Theodor gründet die „Societas Meteorologica Palatina“, bekannt auch als „Mannheimer Meteorologische Gesellschaft“.

SPRECHER:

Diese Gesellschaft vollbringt eine Pioniertat: Sie führt Wetterbeobachtungen rund um den Globus durch und veröffentlicht sie - von Nordamerika über Grönland, Nord- und Mitteleuropa bis nach Russland.

SPRECHERIN:

Der Meteorologe Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst:

03-O-TON Lux - Mannheim

„Das begann etwa 1781 - und diese Messstellen waren alle mit den gleichen Instrumenten ausgestattet und die Daten sind ja heute noch verfügbar, entsprechen dem, was man heute unter Wetter-Messungen auch versteht.“ 11:30

SPRECHERIN:

Gemessen wurde täglich, zu regelmäßigen Uhrzeiten - mit einem ganzen Arsenal an Messinstrumenten: Thermometer, Barometer, Hygrometer - allesamt geeicht und justiert versteht sich, um auch tatsächlich vergleichbare Werte zu erzielen.

SPRECHER:

Hinzu kamen Elektrometer, um die Luftelektrizität zu messen, aber auch Windmesser, Regenmesser, Verdunstungsmesser usw.

SPRECHERIN:

Gefragt waren präzise Daten, um das launische Phänomen Wetter naturwissenschaftlich in den Griff zu kriegen. - Gerhard Lux:

04-O-TON Lux – Zusammenschau

Aus der Zusammenschau dann, später, nachdem die Daten zusammengetragen waren, konnte man auch feststellen: Es gibt tatsächlich Luftdruck-Unterschiede, es gibt hier so etwas wie hoher Luftdruck, niedriger Luftdruck, tiefer Luftdruck - und das Wetter ist eher schlecht da, wo tiefer Luftdruck herrscht. Das Problem damals war, dass die Datenerhebung und die Daten zusammenzutragen per reitender Bote natürlich über viele Wochen angedauert hat. Das war ein naturwissenschaftliches Problem, was erst geklärt oder gelöst wurde, mit etwas ganz anderem: Mit der Erfindung der Elektrizität und dem Morse-Apparat.“

SPRECHER:

Denn erst als man Wettermessungen blitzschnell von a nach b übertragen konnte, um die Daten zentral zu sammeln und auszuwerten, - erst dann wurde „Wettervorhersage“ überhaupt erst möglich:

MUSIK M 2 Shoot the Loop – Länge 0:55

SPRECHERIN:

Wettervorhersage ist ein zeitkritisches Geschäft. Geschwindigkeit ein entscheidender Faktor.

SPRECHER:

Tausende von Messstellen sammeln daher nicht nur Wetterdaten weltweit, rund um die Uhr: Luftdruck, Lufttemperatur, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit, Windrichtung, Sonnenschein, Niederschläge usw. - Die nationalen Wetterdienste dieser Welt teilen diesen wertvollen Datenschatz auch miteinander, stehen permanent im Austausch. Jeder profitiert so vom anderen.

SPRECHERIN:

Die meisten Messstationen arbeiten dabei inzwischen vollautomatisch. Sensoren überwachen sich sogar gegenseitig, um automatisiert mögliche Fehler und Ausreißer aufzuspüren.

06-O-TON Lux - Überprüfungs-Algorithmen

„Wenn beispielsweise der eine Sensor sagt: Ich messe hier Nieselregen! - Und der andere sagt: Kann nicht sein, weil es regnet gar nicht! - Dann wissen wir: Hier stimmt was nicht! – Dann gehen die Alarmglocken an.“ 25:45

ATMO Satellit

SPRECHER:

Die Qualität von Wettervorhersagen ganz entscheidend vorangebracht hat allerdings noch etwas anderes: Unermüdliche Späher aus dem All.

SPRECHERIN:

Satelliten, die ihre Augen auch auf jene Regionen richten, in denen es am Boden gar keine Messstationen gibt:

07-O-TON Lux - Datenwüstenproblem

„Schauen wir auf die Südhalbkugel. Da sind es 80% an Wasser - und es gibt Gegenden, wo auch normalerweise nie ein Flugzeug entlang fliegt, noch ein Schiff unterwegs ist - es sei denn, es wäre ein Forschungsschiff. Also da haben wir tatsächlich große Probleme, Daten aus diesen Bereichen zu bekommen.“

MUSIK M 3 Radar (1) - Länge: 1:00

SPRECHERIN:

Wettersatelliten helfen, diese Lücken zu schließen: Sie messen die reflektierte Sonnenstrahlung, die Strahlung der Erde und der Atmosphäre.

SPRECHER:

Und diese Strahlung liefert nicht nur jede Menge Informationen über den Zustand der Atmosphäre, also der Gashülle und „Wetterküche“ unseres Planeten. Sie liefert auch Daten über die Land- und Meeresoberflächen, also zum Beispiel die Temperatur des Erdbodens und der Wasseroberflächen. Quantität und Qualität dieser Daten hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert.

SPRECHERIN:

Dieser „Blick aus dem All“ wird aber noch kombiniert mit einem weiteren „Fernerkundungstool“ - ein Werkzeug namens „Wetterradar“.

SPRECHER:

Siebzehn Standorte in Deutschland machen sichtbar, was sich in den rund zwölf Kilometern direkt über unseren Köpfen abspielt:

08-O-TON Lux - Wetterradar

31.20 „So können wir auch verfolgen natürlich wo sich Regengebiete aufbauen, wir können in etwa auch darstellen, über die Analysen dieser Wetterradargeräte, wie viel Niederschlag da drin ist in diesen Gebieten, wie viel möglicherweise auch raus fällt. - Wir können Hagel so halbwegs auch gut erkennen, auch Windscherung - großes Problem für die Luftfahrt beispielsweise - und eine ganze Menge mehr.“ 32:41

SPRECHER:

Doch das ist längst noch nicht alles: Meteorologen messen und erfassen sogar Dinge, die auf den ersten Blick mit dem Phänomen „Wetter“, gar nichts zu tun haben - einem Phänomen, das sich ja vor allem in der Erdatmosphäre abspielt.

SPRECHERIN:

Sie sammeln beispielsweise auch Bodendaten: Wo wachsen Pflanzen? Sie spielen eine wichtige Rolle, weil sie mit ihren Wurzeln Wasser aus dem Boden ziehen und durch die Blätter wieder verdunsten.

SPRECHER:

Oder: Wo stehen Gebäude, die das Wetter z.B. durch Abwärme beeinflussen? - Und vieles mehr, wie der Meteorologe Felix Ament erläutert:

09-O-TON Ament - Erdsystem

11:00 „Auch die Luft-Schadstoffe, denn der Staub sorgt dafür, dass sich die Tröpfchen in den Wolken anders bilden - das sind Effekte, die man dann auch irgendwann mit einbeziehen muss, denn das Wetter wird angetrieben vom Rand her - und der Rand ist die Landoberfläche und die Wasseroberfläche - oder auch das Eis. Und so ist man dann eben schnell auch dabei, dass die Meteorologie sich

eben nicht nur mit Gasen und Luft beschäftigt.“ 12.10

SPRECHER:

Und das Ergebnis dieser gigantischen Datenjagd - mit tausenden von Messstellen, mit Satelliten, mit Wetter-Radargeräten macht etwas möglich, wovon Forscher lange nur geträumt haben.

Musik – M 1 – Länge: 0:45

ZITATOR-1

Mathematisches Heranpirschen - oder: Das Blubbern im Kochtopf

SPRECHER:

Generationen von Meteorologen hatten eine große Vision: Wenn es Ihnen gelänge die physikalischen Vorgänge in der Atmosphäre mathematisch zu beschreiben, gleichsam eine Art mathematischer „Wetterformel“ zu entwickeln und diese Formel dann mit allen möglichen Messdaten zu füttern...

SPRECHERIN:

…dann könnten sie tatsächlich das Wetter der Zukunft berechnen! Dann könnte man vom aktuellen Wetter auf das Wetter von morgen schließen.

SPRECHER:

Das Problem dabei: Selbst die einfachsten Modelle sorgen bereits für einen gigantischen Rechenaufwand!

MUSIK M 4 „Meetin in the Aisle“ – 0:50

SPRECHERIN:

Und was nutzt die beste Vorhersage, wenn sie vom realen Wetter „überholt“ wird? Wenn sie also gute Resultate liefert - man die aber erst Tage später nachreichen kann? Ohne leistungsfähige Computer war an Wettervorhersage daher gar nicht zu denken.

SPRECHER:

Im März 1950 ist es dann so weit: Der erste elektronische Universalrechner namens „ENIAC“ macht es möglich: Der Mathematiker und Vordenker John von Neumann berechnet in den USA erstmals eine Wettervorhersage aus realen Wetterdaten:

10-O-TON Ament - ENIAC

30:00 „Mit einem ganz einfache Modell, das wir heute noch benutzen, um Studenten zu erklären wie das Wetter funktioniert - die wesentlichsten Dinge abbildet – was man heute mühelos auf jedem Smartphone rechnen kann. Damals war es eine große, große Leistung, damit einen Rechner zu füttern - und eine Vorhersage nur von dem Druckfeld für die nächsten Tage zu erstellen.“ 31:07

SPRECHERIN:

Über die Jahrzehnte werden die Wetterformeln immer komplexer, die Rechner immer leistungsfähiger.

SPRECHER:

Der Supercomputer des Deutschen Wetter Dienstes in Offenbach verschlingt heute eine ganze Etage: Rund tausend Quadratmeter für Hardware, für Server und Speicher-Schränke.

SPRECHERIN:

Und er macht etwas Entscheidendes möglich: Das Wetter als Gesamtphänomen nachzuvollziehen. Die Atmosphäre als ein großes, ganzes zu sehen, in dem alles mit allem vernetzt ist und sich gegenseitig beeinflusst.

SPRECHER:

Der Deutsche Wetterdienst berechnet nämlich das Wetter zunächst für den gesamten Globus - um daraus dann abzuleiten, wie die Entwicklung speziell für Europa oder Deutschland aussieht.

SPRECHERIN:

Der Deutsche Wetterdienst überzieht den kompletten Globus daher mit einem feinmaschigen Raster, arbeitet mit einem Modell, das aus mehr als 256 Millionen Gitterpunkten besteht!

SPRECHER:

Und für jeden einzelnen dieser Punkte werden die wichtigsten Wetterwerte berechnet. Gerhard Lux:

11-O-TON Lux - Gitterpunkte

„Das machen wir weltweit für alle diese 256 Mio. Gitterpunkte - und zwar jeweils für dreißig Sekunden - d.h. für die nächsten dreißig Sekunden, dann die nächsten dreißig Sekunden. Und das machen wir hier in Offenbach bis zum siebten Tag. Das heißt da kann man dann auch für den siebten Tag, kann man dann für 256 Mio. Gitterpunkte sagen: Hier an diesem Punkt, in dieser Höhe, haben wir einen kompletten Datensatz an Wetter. Wir erwarten, dass das Wetter am siebten Tag um zwölf Uhr mittags über Berlin in 5,5 km Höhe so und so aussieht.“ 42.30

SPRECHER:

In mühsamen Einzel-Schritten „hüpfen“ die Meteorologen so gleichsam in die Zukunft.

SPRECHERIN:

Und diese kleinen „Hüpfer“ erzeugen eine gewaltige Datenflut: Für jeden Schritt und für jeden Gitterpunkt muss der Computer etwa 5000 Rechenoperationen durchführen.

SPRECHER:

Dabei gilt: Je kleiner die Maschen, desto punktgenauer sind die Vorhersagen. Umso mehr Rechenzeit verschlingt das ganze aber auch.

SPRECHERIN:

Der Abstand der Gitterpunkte reicht heute von rund 28 km bei globalen Modellen bis zu 1 km bei lokalen Modellen.

SPRECHER:

Und in der Forschung gibt es bereits Ansätze, die mit einer Auflösung von sage und schreibe wenigen Metern arbeiten - mit denen man das Wettergeschehen also fast wie mit einer Lupe inspizieren kann.

SPRECHERIN:

Die Sache hat allerdings einen Haken. - Felix Ament:

12-O-TON Ament - Nadelöhr Rechenzeit

„Der Haken ist einfach die Rechenzeit: Also wenn sie zum Beispiel – das ist gerade geschafft worden von der Universität Hannover, die haben den gesamten Großraum Berlin mit einer Auflösung von zehn Metern gerechnet. Die haben für eine Vorhersage-Stunde fünfzehn Stunden Rechenzeit gebraucht. Und das ist eben dann für den operationellen Betrieb natürlich nicht sinnvoll, denn wenn sie mit vierzehn Stunden Verspätung mit dem Ergebnis der Wettervorhersage ankommen - das Wetter von gestern interessiert dann niemanden mehr.“ 21:55

MUSIK: M 5 Radar (2) 1:20

SPRECHER:

Die Forscher sind trotzdem hellauf begeistert. Sie hoffen, die Rechenzeiten immer weiter verbessern zu können: durch schlankere Programme, durch bessere Hardware. Und mit den immer engeren Maschen, die Präzision und damit auch die Zuverlässigkeit immer weiter zu steigern.

SPRECHERIN:

Der Erfolg scheint Ihnen recht zu geben: Alle zehn Jahre konnten die Meteorologen bislang die Vorhersage-Güte um rund einen Tag steigern.

SPRECHER:

Sprich: Nach einer Dekade sind sie in der Zuverlässigkeit einer Vier-Tages-Vorhersage dort angelangt, wo sie vor der Dekade noch bei einer Drei-Tagesvorhersage lagen.

SPRECHERIN:

Die Herausforderung schwankt dabei natürlich je nach Parameter: Luftdruck und Lufttemperatur lassen sich oft sogar zehn Tage im Voraus bestimmen. Auch Wolken in drei bis acht Kilometern Höhe und Windrichtungen sind ganz gut vorherzusehen. Wind-Geschwindigkeiten hingegen und sogenannte Cirruswolken in großer Höhe sind viel komplexer - und daher meist schwer einzuschätzen.

SPRECHER:

Als Faustregel gilt: Große Sachen: leicht vorherzusagen. Kleine Sachen: eher schwierig! - Gerhard Lux:

13-O-TON Lux - Kleinräumig

51.35 „Das heißt wir können heutzutage Orkane oder große Schlechtwetter-Gebiete, die vom Atlantik heranziehen, die können wir über Tage hinweg vorher schon erkennen - (nicht in allen Einzelheiten - aber wir wissen, da wird etwas passieren, das wird am Wochenende bei uns sein). Bei Gewittern, oder noch schlimmer vielleicht bei Hagel, haben wir es mit Dingen zu tun, die vielleicht nur einen Durchmesser von rund zwei Kilometern haben. Bei den Gewitterzellen und beim Hagel - das weiß jeder, der das schon beobachtet hat, - ist das eine Sache von vielleicht wenigen hundert Metern. D.h. auf der einen Straßenseite liegt der Hagel kniehoch - und auf der anderen Seite ist nichts runter gekommen, nicht mal ein Tropfen Regen.“ 52:50

SPRECHERIN:

Je kleinräumiger die Phänomene sind, desto mehr werden sie vom „Prinzip Zufall“ bestimmt.

SPRECHER:

Überhaupt stoßen Meteorologen an grundlegende Grenzen: Es wird ihnen nie gelingen, das Wetter zu 100% vorherzusagen, weil das System Wetter eine ganz spezielle Eigenschaft hat: Es ist „chaotisch“.

SPRECHERIN:

So chaotisch wie der Wurf eines Würfels:

14-O-TON Ament - Chaotisches System

5:00 „Also die Physik hat auch bestens verstanden, wie ein Würfel fällt, und was passiert, wenn er auf dem Tisch aufprallt, und wieder wegspringt. - Aber das zeichnet eben das Chaos aus: ganz minimale Änderungen. Wenn sie den Würfel nur ganz klein bisschen anders werfen oder eine kleine Unebenheiten am Tisch haben, dann führt das zu einem ganz andern Ergebnis – und das ist eben dasselbe, was wir im Wetter auch haben. Wenn wir am Anfang etwas andere Anfangsbedingungen haben, dann führt das ab einem gewissen Zeitpunkt zu völlig anderen Ergebnissen.“

SPRECHER:

Ein Gewitter gleicht so eher einem zufälligen „Brodeln im Kochtopf“ - und lässt sich eben nur extrem schwer fassen:

15-O-TON Ament - Blubbern

25:30 “Das ist so aussichtslos, wie wenn sie sich vor ihren Kochtopf am Herd stellen und die Vorhersagen machen wollen an welcher Stelle als nächstes eine Blubberblase hochkommt. Die einzige Vorhersage, die wir gut machen können, ist, dass es Blubbern wird - dass es ein Risiko für Gewitter und Schauer geben wird. Das ist genauso wie Sie wissen, wenn sie den Herd anstellen: Ja, es wird blubbern. Das funktioniert auch zuverlässig, aber es wird immer die Situation geben, dass es die Vorhersage gab - ‚Es gibt am Nachmittag Gewitter‘ - und einzelne Leute werden sagen: Wieso, ich hab doch nichts gesehen?“

SPRECHER:

Anstelle von präzisen Vorhersagen lassen sich dann nur noch Wahrscheinlichkeiten berechnen: „Sie haben eine Chance von 50 % trocken zu bleiben, von 30 % trocken zu bleiben.“ usw. - Mehr geht nicht.

Musik M 1 – Länge: 0:40

ZITATOR-1

„Und jetzt zum Wetter...“ - oder: Wie kommuniziert man Unsicherheiten?

ZSP-COLLAGE (Wettervorhersagen)

SPRECHERIN:

Die Bandbreite der Wetterprognosen ist heute so groß wie nie: Vom klassischen Bericht in Radio und Fernsehen bis hin zu multimedial aufbereiteten und individualisierten Wetter-Apps auf dem Smartphone.

SPRECHERIN:

Auch der Deutsche Wetter Dienst hat im Laufe der Jahre maßgeschneiderte Vorhersagen entwickelt - ganz nach Kundenwunsch:

SPRECHER:

Wettervorhersagen für die Landwirtschaft und Schneefall- und Glatteiswarnungen für den Straßenverkehr gehören ebenso dazu wie Unwetterwarnungen: ein vollautomatisches System informiert Feuerwehr, Polizei und Katastrophenschutz über aufziehende Extremereignisse.

SPRECHERIN:

In den letzten Jahren sind allerdings auch ganz neue Zielgruppen aufgetaucht - auch aus der Wirtschaft.

SPRECHER:

Beispielsweise Energiekonzerne. Für die sind präzise Vorhersagen inzwischen bares Geld:

16-O-TON Koppert - Wetter als Wirtschaftsfaktor

16:45 „Ich gebe ihnen mal ein Beispiel: Nehmen wir mal an, wir haben eine Vorhersage gemacht, dass ein Windfeld zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt. Dann werden an der Strombörse die Preise dafür gemacht. Und es kann folgendes passieren: Nehmen wir an, dieses Windfeld verspätet sich um eine Stunde, dann muss der Übertragungs-netzbetreiber in dieser Stunde in der der Wind noch schwächer weht, muss er Strom teuer zu kaufen. Wenn dieses Windfeld länger anhält am Ende dann, hat er eine Stunde mehr Strom als er geplant hat. In dem Falle muss er sehen, dass er den Strom los wird. Es kann sein, dass er für den Strom, den er los wird, sogar noch bezahlen muss.“ 17:50

SPRECHERIN:

Dabei ist, Vorhersagen zu berechnen, die eine Herausforderung. Diese Daten auch verständlich aufzubereiten und zu kommunizieren, eine ganze andere.

SPRECHER:

Hier lauern jede Menge Fallstricke. Beispielsweise der „Crying Wolf“-Effekt. Wer zu viel schreit, also zu häufig warnt, dem hört irgendwann keiner mehr zu.

SPRECHERIN:

Wer andererseits im entscheidenden Moment zu spät oder gar nicht warnt, hat ebenfalls ein Problem:

SPRECHER:

Ein weiterer Ansatz: Unsicherheiten kenntlich zu machen, und eben auch deutlich als Unsicherheiten zu kommunizieren! - Felix Ament:

18-O-TON Ament - Unsicherheiten

„Wenn man eben sagt die Niederschlagswahrscheinlichkeit beträgt 70 %, dann sagen viele Leute: Was bedeutet das denn jetzt? Es regnet morgen ja oder nein? 70% ist ein schwieriger Begriff. Deshalb ist das nicht unbedingt der Schritt mehr in Richtung größerer Genauigkeit aber der Schritt dahin, dass wir unsere Unsicherheit auch mit-kommunizieren können, dass wir sagen können - ja morgen wissen sehr genau, es wird regnen und übermorgen müssen wir zugeben: Es ist nicht vorhersagbar. Aber wir können das eben quantifizieren, wir können sagen was sicher ist und was nicht.“ 37:23

SPRECHERIN:

Und: Der „Wetterkunde“ braucht es konkret.

SPRECHER:

Damit entsprechende Warn-Botschaften tatsächlich ankommen, müssen Durchschnittsbürger auch wissen, was diese Warnungen für sie bedeuten – und zwar ganz praktisch. Hans-Joachim Koppert:

19-O-TON Koppert - Auswirkungen

„Und deswegen wird auch eine Weiterentwicklung sein, tatsächlich die Auswirkung besser zu erfassen und die Auswirkungen auch zu kommunizieren - denn wenn man die Auswirkungen genauer fassen kann - das erfordert auch noch Forschung – wird das auch besser verstanden. Also einfach gesagt: Fliegen meine Dachziegel jetzt vom Dach, ja oder nein? Das ist eine Aussage, die kann besser antizipiert werden, als zu sagen: Wir haben jetzt Beaufort 8 oder 9.“

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