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Helene Kottannerin - Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl

22:48
 
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Es sind die frühesten deutschsprachigen Memoiren einer Frau dazu noch ein Text von schier unglaublichem Inhalt: Helene Kottannerin, Hofdame Königin Elisabeths von Luxemburg, erinnert sich um 1450 daran, wie sie im Auftrag ihrer Herrin die legendäre Heilige Stephanskrone stahl. Mit ihr wurden die ungarischen Könige gekrönt. Autorin: Carola Zinner

Credits
Autorin dieser Folge: Carola Zinner
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Udo Wachtveitl, Irina Wanka, Carsten Fabian
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Thomas Morawetz

Im Interview:
Professorin für Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters an der Ludwig-Maximilians-Universität München
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Literaturtipp:

Julia Burkhardt, Christina Lutter: Ich, Helene Kottannerin - Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl. Wbg Theiss, 2023

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ZITATORIN

„Wir stellten nun zusammen, was wir für den Plan benötigten: Wir nahmen etliche Schlösser und zwei Feilen…“

MUSIK 2 (James Stretton: Father Martin’s Devotion 0’30)

ERZÄHLER

Visegrád in einer Februarnacht des Jahres 1440: Die Kammerfrau Helene Kottannerin macht sich bereit, einen ungewöhnlichen Auftrag auszuführen. Sie soll für ihre Herrin, Königin Elisabeth von Luxemburg, die ungarische Krone aus der Schatzkammer von Burg Visegrád, der Plintenburg, stehlen. Als Helfer war zunächst ein Kroate vorgesehen, der allerdings angesichts des gefährlichen Unterfangens entsetzt in seine Heimat geflohen ist. So steht ihr nun ein Ungar bei der Aktion zur Seite - „getreu, weise und männlich“, wie sie in ihren Memoiren schreibt.

MUSIK 3 (Z87038294111 Matija Strnisa: Dr. Schlesinger 0’36)

ZITATORIN

Er, der mit mir sein Leben wagen wollte, legte einen schwarzen, samtenen Bettrock an und zwei Filzschuhe, und in jeden Schuh steckte er eine Feile, und die Schlösser nahm er unter den Rock. Und ich nahm das kleine Siegel meiner gnädigen Herrin, und außerdem hatte ich die Schlüssel zur vorderen Tür, derer waren drei, da bei der Angel auch eine Kette sowie ein Türriegel war.

ERZÄHLER

Der Text gilt nicht nur als erste deutschsprachige Autobiographie einer Frau, er erzählt auch eine schier unglaubliche Geschichte: auf 16 beidseitig eng mit der Hand beschriebenen Blättern berichtet Helene Kottannerin, wie sie im Jahr 1440 durch einen Diebstahl die ungarische Krone für einen zu jenem Zeitpunkt noch ungeborenen Prinzen sicherte. Wie sie anschließend seiner Mutter, ihrer Herrin, bei der Entbindung beistand. Und dann - fast im Stil eines Road Movie – wie sie Mutter und Kind auf einer langen Reise begleitete, deren Höhepunkt die Krönung des kleinen Ladislaus Postumus, wie er getauft wurde, in Stuhlweißenburg am 15. Mai des Jahres 1440 zum König von Ungarn war.

MUSIK 4 (ZE0177230102 Propinan de melyor 0’15)

ZITATORIN

„Als ihm der Erzbischof die Heilige Krone auf sein Haupt setzte, da hielt er den Kopf so kräftig aufwärts wie ein Kind von einem Jahr, und das wird selten gesehen bei Kindern, die zwölf Wochen alt sind.“

ZUSPIELUNG 1 (Julia Burkhardt)

„Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Ein drei Monate alter Säugling ist nicht imstande, eine schwere Goldkrone zu tragen, zu sitzen und auch noch den Kopf zu heben. Aber Helene erzählt es uns so. Und sie erzählt es uns nicht ohne Grund so, denn sie will zeigen, dass da ein Kind geboren wurde, das würdig ist, die Krone zu tragen und das dazu physisch imstande ist.“

ERZÄHLER

Julia Burkhardt, Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat gemeinsam mit ihrer österreichischen Kollegin Professor Christina Lutter von der Universität Wien 2023 ein Buch über den Text und seine historischen Hintergründe veröffentlicht: „Ich, Helene Kottannerin – Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl“.

ZUSPIELUNG 2 (Julia Burkhardt)

„Es ist ein außergewöhnliches Dokument, das uns sehr intime Einblicke in die familiären Strukturen bei Hof gewährt. Und es ist ein unglaublich temporeicher Text, der eine irre Mischung aus großer Politik und kleinen Alltags-Begebenheiten ergibt und eine unglaubliche Dynamik entfaltet.“

MUSIK 5 (Moisa & Kuempel: Way To Rome 1’00)

ERZÄHLER

Die Geschichte spielt in einer in vielerlei Hinsicht aufregenden Epoche: Während auf dem Konzil von Basel die Verteilung der Macht zwischen Papst und Kaiser ausgehandelt wird, wächst Florenz unter der Führung von Cosimo di Medici zur mächtigen Finanzmetropole heran. Die Zeit ist aber auch geprägt von der Furcht vor den Osmanen, deren Heere von Osten immer weiter vorrücken – und von Ketzer- und Hexenprozessen, mit denen unter anderem unliebsame Frauen aus dem Weg geräumt werden: 1431 starb Jeanne d´Arc auf dem Scheiterhaufen, 1435 wurde Agnes Bernauer auf Befehl ihres Schwiegervaters, des bayerischen Herzogs, in der Donau ertränkt. Das Leben einer nichtadeligen Frau gilt nicht viel, das weiß auch Helene Kottannerin. Und doch plagt sie während des Einbruchs in die verschlossene und versiegelte Schatzkammer weniger die Angst um ihr Leben als vielmehr die um ihre Seele.

ZITATORIN

Ich betete zu Gott: Wenn es gegen Gott wäre und ich deswegen verdammt werden oder ein Schaden daraus entstehen sollte für Land und Leute, dass dann Gott meiner Seele gnädig wäre und mich gleich hier sterben lasse. Als ich so betete, da entstanden ein großer Lärm und ein Gerumpel, als ob viele mit Rüstungen vor der Tür wären, durch die ich den eingelassen hatte, der mein Helfer war, und es kam mir vor, als ob sie die Tür aufstoßen wollten.

ZUSPIELUNG 3 (Julia Burkhardt)

Das ist vielleicht eine der eindrücklichsten Szenen der gesamten Geschichte, weil wir hier sehen, dass diese mutige und so selbstbewusst agierende Frau natürlich auch Zweifel hat.

MUSIK 6 (Z8044279101 Iva Zabkar: Frühstück / einbruch / mord 0’29)

ERZÄHLER

Sie sieht in dieser Szene des Kronenraubes wörtlich Gespenster. Sie hört Geräusche, der Wind geht durch die Burg, sie hört Klopfen und Hämmern und denkt ständig darüber nach, ob das eventuell ein Gespenst ist, ob das der Teufel sein könnte, ob Gott ihr eine Prüfung geschickt hat. Sie verspricht Bußleistungen, sie verspricht Wallfahrten, und sie betet dafür, dass die Tat gelingt.

MUSIK 7 (Z8038294111 Matija Strnisa: Azra 0‘57)

ZITATORIN

Da kam mein Helfer mir entgegen: Ich könne beruhigt sein, es wäre sich ausgegangen, sie hätten an der Tür die Schlösser abgefeilt; aber an dem Futteral waren die Schlösser so fest, dass man sie nicht abfeilen konnte und sie aufbrennen musste. Das gab einen starken Geruch, sodass ich wieder in Sorge war, man würde nach dem Geruch fragen. Das aber verhütete abermals Gott. Als nun die Heilige Krone ganz frei war, machten wir die Türen wieder überall zu und schlugen wieder andere Schlösser anstelle derer an, die man abgebrochen hatte, drückten meiner gnädigen Herrin Siegel wieder darauf, und die äußere Tür sperrten wir wieder zu und legten das Tuch mit dem Siegel wieder darauf, wie wir es vorgefunden hatten. Und ich warf die Feile in den Abort, der in dem Frauenzimmer ist.

ERZÄHLER

Nachdem alles so gut ausgegangen ist, ist Helene sich sicher: der Allmächtige steht auf ihrer Seite – und auf der ihrer hohen Auftraggeberin Elisabeth, Tochter des Königs und Kaisers Sigismund von Luxemburg, Witwe des vor kurzem verstorbenen römisch-deutschen Königs Albrecht II. aus dem Hause Habsburg, Herzog von Österreich, König von Ungarn und König von Böhmen.

ZUSPIELUNG 4 (Julia Burkhardt)

Dieses Selbstbewusstsein, das trägt die Königin immer mit sich, die natürlich als Repräsentantin der Luxemburger, das ist ihre Familie, und der Habsburger, das ist die Familie ihres Mannes, ganz valide Erbrechte ins Feld führen kann für ihre Kinder. Zu diesem Zeitpunkt, beim Tod ihres Mannes 1439, hat Elisabeth bereits zwei Töchter, kleine Mädchen, und sie ist schwanger mit einem dritten Kind, das wird Ladislaus Postumus sein. Sie weiß natürlich noch nicht, welches Geschlecht dieses Kind haben wird, und was macht sie? Sie pokert. Dieses Kind wird ein Junge sein. Und einem Jungen stehen in der Nachfolge seines Vaters die erbrechtlichen Ansprüche auf den Thron zu.

ERZÄHLER

Allerdings zählt hier nicht allein das Erbrecht: Der mächtige ungarische Adel hat bei der Thronfolge mittlerweile ein gehöriges Mitspracherecht. Und die Magnaten sind angesichts der prekären Lage des Landes, dessen Südgrenzen massiv von osmanischen Truppen bedrängt werden, wenig gewillt, für einen Neugeborenen zu votieren.

ZUSPIELUNG 5 (Julia Burkhardt)

Ein Baby auf den Thron kann die Grenzen des Königreiches nicht verteidigen. Aus diesem Grund sucht man potentielle Kandidaten in der Umgebung. Und einen Kandidaten findet man im Königreich Polen, König Wladislaw, so heißt er auf Polnisch oder auch Vladislav - die heißen in dieser Zeit leider alle gleich - und dem trägt man die ungarische Krone an. Und sagt: du könntest doch auch neben deinem Königreich Polen über Ungarn herrschen, und du könntest diese Aufgabe damit verbinden, unser Königreich zu verteidigen. Es ist vielleicht eine gewisse Ironie der Geschichte, dass dieser besagte König von Polen zu dem Zeitraum, als man ihm die Krone anträgt, gerade einmal selbst 15 Jahre alt ist. Also er ist vielleicht nicht das, was man unter einem erfahrenen Militär sich vorstellen würde.

ERZÄHLER

Für die Königin ist ohnehin klar: Kein anderer als ihr Sohn wird seinem Vater auf den Thron folgen. Dafür wird sie sorgen.

ZUSPIELUNG 6 (Julia Burkhardt)

Nach außen hin gegenüber den ungarischen Adeligen tut Elisabeth so, als wäre sie für den Plan einer Alternativlösung auf den Thron zumindest offen, und intern im Kontakt mit ihrer Kammerfrau Helene plant sie schon längst die Entwendung der heiligen Krone Ungarns, die wir heute als Stephanskrone kennen, aus der Schatzkammer der Plintenburg, Burg Visegrád.

MUSIK 8 (R0004410104 The Hillard Ensemble: O pulcherrima 0‘35)

ZITATORIN

Und die Heilige Krone trug man durch die Kapelle der heiligen Elisabeth; da nahm ich, Helene Kottannerin, ein Messgewand und ein Altartuch mit, das soll mein gnädiger Herr König Ladislaus bezahlen. Mein Helfer nahm einen (sic!) rotsamtenen Polster, trennte ihn auf und nahm einen Teil der Federn her aus und tat die Heilige Krone in den (sic!) Polster und nähte ihn wieder zu.

ERZÄHLER

Spätestens an dieser Stelle wird klar: Der Text hat einen Adressaten, den „gnädigen Herrn König Ladislaus“ – keinen anderen also als den Säugling, der damals eine so zentrale Rolle gespielt hat. Mittlerweile ist er ein junger Mann und nach einigen Querelen Herzog von Österreich, König von Böhmen und als Ladislaus V. König von Ungarn – also genau das, was seine Mutter für ihn erstrebte. Helene Kottannerin beginnt ihren Bericht mit der Zeit, als Ladislaus´ Vater noch lebte. Sie schildert den Tod des Königs und die Not der schwangeren Königin, die von den Magnaten zur Wiederverheiratung gedrängt wird – und setzt dann mit der Entwendung der Krone einen ersten erzählerischen Höhepunkt. Das kostbare Stück wird anschließend, versteckt in dem dicken Kissen, auf den Schlitten gepackt, mit dem es zur Königin nach Komorn, dem heutigen Komárno, geht.

MUSIK 9 (Z8038294108 Matija Strnisa: Puppenspiel 0‘45)

ZITATORIN

„Und als wir aufsaßen, da schaute ich genau, wo die Stelle des Polsters war, an der die Heilige Krone lag, damit ich mich nicht daraufsetzte…“

ERZÄHLER

Helene beschreibt die Schlittenfahrt über die zugefrorene Donau –

ZITATORIN

Das Eis war an vielen Stellen schon dünn geworden. Als wir nun wohl mitten auf der Donau waren, da brach der Wagen mit den Hofdamen ein. Da erschrak ich sehr und dachte, wir müssten mitsamt der Heiligen Krone in der Donau bleiben. Aber Gott war unser Helfer, sodass kein Mensch unter das Eis kam -

ERZÄHLER

Und sie schildert die Ankunft bei der Königin in der Burg von Komorn, von wo aus es am nächsten Tag gemeinsam nach Pressburg weitergehen soll. Allerdings fühlt sich die Hochschwangere nicht recht wohl. Helene, selbst mehrfache Mutter, ahnt, warum.

MUSIK 10 (ZE003020119 Ars Choralis Coeln: Ave der Genitrix 0‘50)

ZITATORIN

Da hob ich das Gewand auf und wollte sie nackt sehen. Da sah ich etliche Zeichen, an denen ich gut erkannte, dass es bis zur Geburt des Kindes nicht mehr weit war. Da sprach ich: »Gnädige Herrin, steht auf, ich glaube, ihr werdet morgen nicht nach Pressburg fahren.« Da stand Ihre Gnaden auf und begann mit der schweren Arbeit, und ich ging gleich zu der Hebamme und sprach: »Margret, steht gleich auf, meine gnädige Herrin bekommt das Kind.« Die Frau antwortete mir aus tiefem Schlaf und sprach: »Heiliges Kreuz, wenn wir heute ein Kind bekommen, werden wir morgen kaum nach Pressburg fahren.« Und sie wollte nicht aufstehen, und ein Streit schien mir zu lange zu dauern, und so eilte ich wieder zu meiner gnädigen Herrin, damit ihr nichts geschehe.

ZUSPIELUNG 7 (Julia Burkhardt)

Wir haben zwar viele Dokumente und Quellen, die uns etwas über Hofstrukturen dieser Zeit sagen, aber nicht viele geben uns solche persönlichen Eindrücke von den Beziehungen einer Hofdame zu ihrer Herrin. Und das Bild, das Helene kreiert, ist tatsächlich das einer engen familiären Verbindung, wobei auch eine Hierarchie und eine Distanz zu Königin immer zu erkennen ist.

MUSIK 11 (Z8044279112 Iva Zabkar: Überwachungsvideos 0‘27)

ZITATORIN

Und in der ganzen Zeit, die Ihre Gnaden im Kindbett lag, kam ich nie aus meinem Gewand, weder Tag noch Nacht.

ERZÄHLER

Nur schade, dass die Königin nie erfahren wird, was ihre Kammerfrau alles für sie getan hat!

ZITATORIN

Denn es fügte sich nie, dass ich so lange allein bei ihr gewesen wäre, dass ich ihr das von Anfang bis Ende hätte erzählen können, weil wir nicht lange zusammenblieben.

ZUSPIELUNG 8 (Julia Burkhardt)

Wir wissen, dass Helene 1440 mit Kind und Krone zu Friedrich III. geflohen ist und Königin Elizabeth in Ungarn blieb und dort 1442 starb. Das bedeutet, (Königin Elisabeth verstarb,) ohne sie noch einmal persönlich zu sprechen.

ERZÄHLER

Nun, viele Jahre nach den aufregenden Ereignissen, soll wenigstens der Sohn ihrer einstigen Herrin erfahren, was sie für die Familie geleistet hat.

ZITATORIN

Die edle Königin bot mir ihre Hand und sprach: »Wenn es sein soll, dass Gott gibt, dass die Sache gut ausgeht und zum Frieden führt, will ich Euch und Eure ganze Familie erheben. Das habt Ihr wohl verdient, und Ihr habt das für mich und für meine Kinder getan, was ich selbst nicht tun konnte oder zu tun vermochte.« Da verneigte ich mich demütig und dankte Ihrer Gnaden für das gute Versprechen.

ERZÄHLER

Gleichzeitig liefert Helene Kottannerin Ladislaus Postumus mit ihrer Geschichte eine Art schriftlichen Nachweis dafür, dass von Anfang an kein anderer als ER der rechtmäßige Herrscher von Ungarn war – und nicht etwa jener Kandidat, den die Magnaten dafür auserwählt hatten. Julia Burkhardt:

ZUSPIELUNG 9 (Julia Burkhardt)

Beide Parteien entwickeln die Vorstellung, dass man für die Krönung zum ungarischen König eine Krone braucht, und zwar, wenn möglich die heilige Krone Ungarns. Und 1439 ist so etwas wie ein Kristallisationspunkt, denn da beginnt der Run auf diese Krone oder zumindest der argumentative Kampf um diese Krone. Denn Königin Elisabeth wird Erfolg haben mit ihrem Plan, diese heilige Krone Ungarns, aus der Schatzkammer der Plintenburg zu stehlen, es wird ihr gelingen, ihren Sohn Ladislaus Postumus damit zu krönen, und zwar in Stuhlweißenburg, das ist heute Szekesfehervar (klickern, bitte in Prod. entfernen) in Ungarn und zwar durch eine wichtige Person, den Erzbischof von Gran. Und aus diesen drei Fakten: Krönung mit der heiligen Krone, Krönung in Stuhlweißenburg und Krönung durch den Erzbischof von Gran macht Helene Kottannerin in ihrer Geschichte ein Gesetz. Sie formuliert daraus eine Ideologie, so könnte man das fast schon sagen, dass nur rechtmäßiger ungarischer König ist, wenn diese drei Aspekte gegeben sind. Warum macht sie das? Weil natürlich der Gegenkandidat, der polnische König, der ein halbes Jahr nach dem kleinen Ladislaus Postumus gekrönt wird, keines dieser Kriterien erfüllen kann.

MUSIK 12 (Z8038700108 Fatima Dunn / Beda Thornton /

Tony Delmonte: Soft Lines (reduced) 0’35)

ERZÄHLER

Ob Ladislaus Postumus das Manuskript je gelesen hat? Es gibt zumindest Hinweise darauf, dass er um die Verdienste der einstigen Kammerfrau wusste: Eine Schenkungsurkunde aus den 1450er-Jahren bezeugt, dass sie und ihr zweiter Mann, der in Wien tätige Kammerherr Johann Kottanner, von Ladislaus´ Stellvertreter zum Dank für die Verdienste um den jungen König einen Besitz auf der sogenannten Schüttinsel in der Nähe des heutigen Bratislava verliehen bekamen.

ZUSPIELUNG 10 (Julia Burkhardt)

Das ist ein Indiz dafür, dass die beiden, Johann und Helene Kottaner, über ganz enge Beziehungen zum ungarischen Königshof verfügten, und vielleicht ist das sogar der Beweis dafür, dass damit der König auf die Dienste rund um den sogenannten Kronenraub reagierte; wir wissen es nicht, aber es ist eine sehr schöne Idee.

ERZÄHLER

Ebenso wenig wie dieses Detail werden sich wohl auch die genauen Umstände der Entstehung des – nur in einer einzigen Fassung vorhandenen – Textes klären lassen, der heute in der Österreichischen Nationalbibliothek liegt. Es fehlen ein Teil des ersten Blattes und der ganze Schluss: die Handschrift bricht mitten im Satz ab. Verfasst wurde sie vermutlich Mitte der 1450er Jahre, auf jeden Fall aber vor 1457, jenem Jahr, in dem Ladislaus Postumus starb. Nachdem sie dann jahrhundertelang in Vergessenheit geriet, wurde sie Anfang des 19. Jahrhunderts in den Beständen der Wiener Hofbibliothek wiederentdeckt.

ZUSPIELUNG 11 (Julia Burkhardt)

Im neunzehnten Jahrhundert begannen dann die ersten (wissenschaftlichen) Arbeiten an dem Text, aber auch die erste literarische Auseinandersetzung mit dem Text, denn diese Geschichte hat auch im neunzehnten Jahrhundert unglaubliche Faszination ausgeübt; die Erzählung, dass da zwei Frauen die Entwendung einer Krone planen und auch durchführen, war einfach zu gut, um sie nicht zu beachten.

MUSIK 13 (Z8038700117 Fatima Dunn / BedaThornton /

Tony Delmonte: Side Aspects (Main) 0’12)

ZITATOR

Ihre Erzählung ist auffallend detailliert, rücksichtslos, klar und wirksam. Und doch ist kein Zweifel, dass das Bruchstück echt ist.

ERZÄHLER

- heißt es etwa in Gustav Freytags 1859 erschienenen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit“. Die detaillierte Schilderung füllte eine Wissenslücke: bis dahin wusste man nur, dass sich die Heilige Krone für beinahe 25 Jahre lang nicht in Ungarn, sondern auf habsburgischem Gebiet befunden hatte, doch nicht, wie sie dort hingekommen war. In manchen Chroniken fand sich noch ein kurzer Hinweis, eine Frau habe sie entwendet.

ZUSPIELUNG 12 (Julia Burkhardt)

Mal ist die Frau ein altes Mütterchen, mal ist sie eine nicht näher benamte Dame aus dem höfischen Umfeld, aber dass Helene Kottannerin diese Frau war und dass sie die eigentliche Akteurin hinter dem sogenannten Kronenraub war, das erfahren wir nur aus ihrem Bericht.

MUSIK 13 (Z8038700117 Fatima Dunn / BedaThornton /

Tony Delmonte: Side Aspects (Main) 0’17)

ZITATOR

Nicht am wenigsten merkwürdig ist, dass dieselbe Frau in einer Zeit des rührigen Handelns, wo auch den Männern das Schreiben lästig oder unmöglich war, die wichtigen Ereignisse ihres Lebens und ihren Antheil an der Politik in Memoirenform niederschrieb.

ERZÄHLER

Aber – tat sie das wirklich? Verfasste Helene Kottannerin die Memoiren mit eigener Hand, wie Gustav Freytag meinte? Nein, entschied der ungarische Germanist Karl Mollay, der den Text grundlegend erforschte: Die literarische Qualität sei für die Entstehungszeit derartig hoch, dass hier ein Profi am Werk gewesen sein müsse, der Helenes mündlichen Bericht „in Form“ brachte. Heute sehen das einige Forscher und vor allem Forscherinnen anders. Doch letztendlich, meint Julia Burkhardt, kann die Frage anhand des vorhandenen Materials schlicht nicht geklärt werden.

ZUSPIELUNG 13 (Julia Burkhardt)

Wir wissen nicht, ob Helene den Text wirklich selbst geschrieben hat, also ob sie sich die Papierbögen und das Tintenfass selbst genommen und den Text aufgeschrieben hat oder ob sie den Text einer anderen Person, beispielsweise einem Schreiber, diktiert hat. Diese zweite Lösung wäre für die Zeit gar nicht außergewöhnlich. Aus dem Text aber spricht Helene, und zwar nicht nur indirekt, sondern tatsächlich auch wörtlich. Immer wieder heißt es in dem Text „Ich, Helene, war auch dabei“ und „Ich Helene Kottannerin, ich habe es gesehen, und die Krone wurde gestohlen, weil ich Helene Kottannerin den Plan ausgeführt habe.“ Das heißt, die Erzählerin der Geschichte begegnet uns nicht nur auf diesem Niveau als Erzählerin, sondern sie begegnet uns als Akteurin. Sie ist diejenige, die die Geschichte vorantreibt, sie wird von den großen, von den Königen und Königinnen, von den Adligen in dieser Geschichte gefragt, was zu tun ist, ihren Rat holt man ein, ihr vertraut man Kind und Krone an.

MUSIK 15 (ZE0177230102 Propinan de melyor 0’30)

ERZÄHLER

Und das mit Erfolg. Die Memoiren der Helene Kottanerin, dieser außergewöhnliche Text, sind nicht nur ein seltenes Stück spätmittelalterlicher Alltags- und Zeitgeschichte, sie erzählen auch von den damaligen Handlungsspielräumen einer Frau und von ihrem Wissen um ihren politischen und dynastischen Wert.


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Julia Burkhardt, Christina Lutter: Ich, Helene Kottannerin - Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl. Wbg Theiss, 2023

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ZITATORIN

„Wir stellten nun zusammen, was wir für den Plan benötigten: Wir nahmen etliche Schlösser und zwei Feilen…“

MUSIK 2 (James Stretton: Father Martin’s Devotion 0’30)

ERZÄHLER

Visegrád in einer Februarnacht des Jahres 1440: Die Kammerfrau Helene Kottannerin macht sich bereit, einen ungewöhnlichen Auftrag auszuführen. Sie soll für ihre Herrin, Königin Elisabeth von Luxemburg, die ungarische Krone aus der Schatzkammer von Burg Visegrád, der Plintenburg, stehlen. Als Helfer war zunächst ein Kroate vorgesehen, der allerdings angesichts des gefährlichen Unterfangens entsetzt in seine Heimat geflohen ist. So steht ihr nun ein Ungar bei der Aktion zur Seite - „getreu, weise und männlich“, wie sie in ihren Memoiren schreibt.

MUSIK 3 (Z87038294111 Matija Strnisa: Dr. Schlesinger 0’36)

ZITATORIN

Er, der mit mir sein Leben wagen wollte, legte einen schwarzen, samtenen Bettrock an und zwei Filzschuhe, und in jeden Schuh steckte er eine Feile, und die Schlösser nahm er unter den Rock. Und ich nahm das kleine Siegel meiner gnädigen Herrin, und außerdem hatte ich die Schlüssel zur vorderen Tür, derer waren drei, da bei der Angel auch eine Kette sowie ein Türriegel war.

ERZÄHLER

Der Text gilt nicht nur als erste deutschsprachige Autobiographie einer Frau, er erzählt auch eine schier unglaubliche Geschichte: auf 16 beidseitig eng mit der Hand beschriebenen Blättern berichtet Helene Kottannerin, wie sie im Jahr 1440 durch einen Diebstahl die ungarische Krone für einen zu jenem Zeitpunkt noch ungeborenen Prinzen sicherte. Wie sie anschließend seiner Mutter, ihrer Herrin, bei der Entbindung beistand. Und dann - fast im Stil eines Road Movie – wie sie Mutter und Kind auf einer langen Reise begleitete, deren Höhepunkt die Krönung des kleinen Ladislaus Postumus, wie er getauft wurde, in Stuhlweißenburg am 15. Mai des Jahres 1440 zum König von Ungarn war.

MUSIK 4 (ZE0177230102 Propinan de melyor 0’15)

ZITATORIN

„Als ihm der Erzbischof die Heilige Krone auf sein Haupt setzte, da hielt er den Kopf so kräftig aufwärts wie ein Kind von einem Jahr, und das wird selten gesehen bei Kindern, die zwölf Wochen alt sind.“

ZUSPIELUNG 1 (Julia Burkhardt)

„Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Ein drei Monate alter Säugling ist nicht imstande, eine schwere Goldkrone zu tragen, zu sitzen und auch noch den Kopf zu heben. Aber Helene erzählt es uns so. Und sie erzählt es uns nicht ohne Grund so, denn sie will zeigen, dass da ein Kind geboren wurde, das würdig ist, die Krone zu tragen und das dazu physisch imstande ist.“

ERZÄHLER

Julia Burkhardt, Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat gemeinsam mit ihrer österreichischen Kollegin Professor Christina Lutter von der Universität Wien 2023 ein Buch über den Text und seine historischen Hintergründe veröffentlicht: „Ich, Helene Kottannerin – Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl“.

ZUSPIELUNG 2 (Julia Burkhardt)

„Es ist ein außergewöhnliches Dokument, das uns sehr intime Einblicke in die familiären Strukturen bei Hof gewährt. Und es ist ein unglaublich temporeicher Text, der eine irre Mischung aus großer Politik und kleinen Alltags-Begebenheiten ergibt und eine unglaubliche Dynamik entfaltet.“

MUSIK 5 (Moisa & Kuempel: Way To Rome 1’00)

ERZÄHLER

Die Geschichte spielt in einer in vielerlei Hinsicht aufregenden Epoche: Während auf dem Konzil von Basel die Verteilung der Macht zwischen Papst und Kaiser ausgehandelt wird, wächst Florenz unter der Führung von Cosimo di Medici zur mächtigen Finanzmetropole heran. Die Zeit ist aber auch geprägt von der Furcht vor den Osmanen, deren Heere von Osten immer weiter vorrücken – und von Ketzer- und Hexenprozessen, mit denen unter anderem unliebsame Frauen aus dem Weg geräumt werden: 1431 starb Jeanne d´Arc auf dem Scheiterhaufen, 1435 wurde Agnes Bernauer auf Befehl ihres Schwiegervaters, des bayerischen Herzogs, in der Donau ertränkt. Das Leben einer nichtadeligen Frau gilt nicht viel, das weiß auch Helene Kottannerin. Und doch plagt sie während des Einbruchs in die verschlossene und versiegelte Schatzkammer weniger die Angst um ihr Leben als vielmehr die um ihre Seele.

ZITATORIN

Ich betete zu Gott: Wenn es gegen Gott wäre und ich deswegen verdammt werden oder ein Schaden daraus entstehen sollte für Land und Leute, dass dann Gott meiner Seele gnädig wäre und mich gleich hier sterben lasse. Als ich so betete, da entstanden ein großer Lärm und ein Gerumpel, als ob viele mit Rüstungen vor der Tür wären, durch die ich den eingelassen hatte, der mein Helfer war, und es kam mir vor, als ob sie die Tür aufstoßen wollten.

ZUSPIELUNG 3 (Julia Burkhardt)

Das ist vielleicht eine der eindrücklichsten Szenen der gesamten Geschichte, weil wir hier sehen, dass diese mutige und so selbstbewusst agierende Frau natürlich auch Zweifel hat.

MUSIK 6 (Z8044279101 Iva Zabkar: Frühstück / einbruch / mord 0’29)

ERZÄHLER

Sie sieht in dieser Szene des Kronenraubes wörtlich Gespenster. Sie hört Geräusche, der Wind geht durch die Burg, sie hört Klopfen und Hämmern und denkt ständig darüber nach, ob das eventuell ein Gespenst ist, ob das der Teufel sein könnte, ob Gott ihr eine Prüfung geschickt hat. Sie verspricht Bußleistungen, sie verspricht Wallfahrten, und sie betet dafür, dass die Tat gelingt.

MUSIK 7 (Z8038294111 Matija Strnisa: Azra 0‘57)

ZITATORIN

Da kam mein Helfer mir entgegen: Ich könne beruhigt sein, es wäre sich ausgegangen, sie hätten an der Tür die Schlösser abgefeilt; aber an dem Futteral waren die Schlösser so fest, dass man sie nicht abfeilen konnte und sie aufbrennen musste. Das gab einen starken Geruch, sodass ich wieder in Sorge war, man würde nach dem Geruch fragen. Das aber verhütete abermals Gott. Als nun die Heilige Krone ganz frei war, machten wir die Türen wieder überall zu und schlugen wieder andere Schlösser anstelle derer an, die man abgebrochen hatte, drückten meiner gnädigen Herrin Siegel wieder darauf, und die äußere Tür sperrten wir wieder zu und legten das Tuch mit dem Siegel wieder darauf, wie wir es vorgefunden hatten. Und ich warf die Feile in den Abort, der in dem Frauenzimmer ist.

ERZÄHLER

Nachdem alles so gut ausgegangen ist, ist Helene sich sicher: der Allmächtige steht auf ihrer Seite – und auf der ihrer hohen Auftraggeberin Elisabeth, Tochter des Königs und Kaisers Sigismund von Luxemburg, Witwe des vor kurzem verstorbenen römisch-deutschen Königs Albrecht II. aus dem Hause Habsburg, Herzog von Österreich, König von Ungarn und König von Böhmen.

ZUSPIELUNG 4 (Julia Burkhardt)

Dieses Selbstbewusstsein, das trägt die Königin immer mit sich, die natürlich als Repräsentantin der Luxemburger, das ist ihre Familie, und der Habsburger, das ist die Familie ihres Mannes, ganz valide Erbrechte ins Feld führen kann für ihre Kinder. Zu diesem Zeitpunkt, beim Tod ihres Mannes 1439, hat Elisabeth bereits zwei Töchter, kleine Mädchen, und sie ist schwanger mit einem dritten Kind, das wird Ladislaus Postumus sein. Sie weiß natürlich noch nicht, welches Geschlecht dieses Kind haben wird, und was macht sie? Sie pokert. Dieses Kind wird ein Junge sein. Und einem Jungen stehen in der Nachfolge seines Vaters die erbrechtlichen Ansprüche auf den Thron zu.

ERZÄHLER

Allerdings zählt hier nicht allein das Erbrecht: Der mächtige ungarische Adel hat bei der Thronfolge mittlerweile ein gehöriges Mitspracherecht. Und die Magnaten sind angesichts der prekären Lage des Landes, dessen Südgrenzen massiv von osmanischen Truppen bedrängt werden, wenig gewillt, für einen Neugeborenen zu votieren.

ZUSPIELUNG 5 (Julia Burkhardt)

Ein Baby auf den Thron kann die Grenzen des Königreiches nicht verteidigen. Aus diesem Grund sucht man potentielle Kandidaten in der Umgebung. Und einen Kandidaten findet man im Königreich Polen, König Wladislaw, so heißt er auf Polnisch oder auch Vladislav - die heißen in dieser Zeit leider alle gleich - und dem trägt man die ungarische Krone an. Und sagt: du könntest doch auch neben deinem Königreich Polen über Ungarn herrschen, und du könntest diese Aufgabe damit verbinden, unser Königreich zu verteidigen. Es ist vielleicht eine gewisse Ironie der Geschichte, dass dieser besagte König von Polen zu dem Zeitraum, als man ihm die Krone anträgt, gerade einmal selbst 15 Jahre alt ist. Also er ist vielleicht nicht das, was man unter einem erfahrenen Militär sich vorstellen würde.

ERZÄHLER

Für die Königin ist ohnehin klar: Kein anderer als ihr Sohn wird seinem Vater auf den Thron folgen. Dafür wird sie sorgen.

ZUSPIELUNG 6 (Julia Burkhardt)

Nach außen hin gegenüber den ungarischen Adeligen tut Elisabeth so, als wäre sie für den Plan einer Alternativlösung auf den Thron zumindest offen, und intern im Kontakt mit ihrer Kammerfrau Helene plant sie schon längst die Entwendung der heiligen Krone Ungarns, die wir heute als Stephanskrone kennen, aus der Schatzkammer der Plintenburg, Burg Visegrád.

MUSIK 8 (R0004410104 The Hillard Ensemble: O pulcherrima 0‘35)

ZITATORIN

Und die Heilige Krone trug man durch die Kapelle der heiligen Elisabeth; da nahm ich, Helene Kottannerin, ein Messgewand und ein Altartuch mit, das soll mein gnädiger Herr König Ladislaus bezahlen. Mein Helfer nahm einen (sic!) rotsamtenen Polster, trennte ihn auf und nahm einen Teil der Federn her aus und tat die Heilige Krone in den (sic!) Polster und nähte ihn wieder zu.

ERZÄHLER

Spätestens an dieser Stelle wird klar: Der Text hat einen Adressaten, den „gnädigen Herrn König Ladislaus“ – keinen anderen also als den Säugling, der damals eine so zentrale Rolle gespielt hat. Mittlerweile ist er ein junger Mann und nach einigen Querelen Herzog von Österreich, König von Böhmen und als Ladislaus V. König von Ungarn – also genau das, was seine Mutter für ihn erstrebte. Helene Kottannerin beginnt ihren Bericht mit der Zeit, als Ladislaus´ Vater noch lebte. Sie schildert den Tod des Königs und die Not der schwangeren Königin, die von den Magnaten zur Wiederverheiratung gedrängt wird – und setzt dann mit der Entwendung der Krone einen ersten erzählerischen Höhepunkt. Das kostbare Stück wird anschließend, versteckt in dem dicken Kissen, auf den Schlitten gepackt, mit dem es zur Königin nach Komorn, dem heutigen Komárno, geht.

MUSIK 9 (Z8038294108 Matija Strnisa: Puppenspiel 0‘45)

ZITATORIN

„Und als wir aufsaßen, da schaute ich genau, wo die Stelle des Polsters war, an der die Heilige Krone lag, damit ich mich nicht daraufsetzte…“

ERZÄHLER

Helene beschreibt die Schlittenfahrt über die zugefrorene Donau –

ZITATORIN

Das Eis war an vielen Stellen schon dünn geworden. Als wir nun wohl mitten auf der Donau waren, da brach der Wagen mit den Hofdamen ein. Da erschrak ich sehr und dachte, wir müssten mitsamt der Heiligen Krone in der Donau bleiben. Aber Gott war unser Helfer, sodass kein Mensch unter das Eis kam -

ERZÄHLER

Und sie schildert die Ankunft bei der Königin in der Burg von Komorn, von wo aus es am nächsten Tag gemeinsam nach Pressburg weitergehen soll. Allerdings fühlt sich die Hochschwangere nicht recht wohl. Helene, selbst mehrfache Mutter, ahnt, warum.

MUSIK 10 (ZE003020119 Ars Choralis Coeln: Ave der Genitrix 0‘50)

ZITATORIN

Da hob ich das Gewand auf und wollte sie nackt sehen. Da sah ich etliche Zeichen, an denen ich gut erkannte, dass es bis zur Geburt des Kindes nicht mehr weit war. Da sprach ich: »Gnädige Herrin, steht auf, ich glaube, ihr werdet morgen nicht nach Pressburg fahren.« Da stand Ihre Gnaden auf und begann mit der schweren Arbeit, und ich ging gleich zu der Hebamme und sprach: »Margret, steht gleich auf, meine gnädige Herrin bekommt das Kind.« Die Frau antwortete mir aus tiefem Schlaf und sprach: »Heiliges Kreuz, wenn wir heute ein Kind bekommen, werden wir morgen kaum nach Pressburg fahren.« Und sie wollte nicht aufstehen, und ein Streit schien mir zu lange zu dauern, und so eilte ich wieder zu meiner gnädigen Herrin, damit ihr nichts geschehe.

ZUSPIELUNG 7 (Julia Burkhardt)

Wir haben zwar viele Dokumente und Quellen, die uns etwas über Hofstrukturen dieser Zeit sagen, aber nicht viele geben uns solche persönlichen Eindrücke von den Beziehungen einer Hofdame zu ihrer Herrin. Und das Bild, das Helene kreiert, ist tatsächlich das einer engen familiären Verbindung, wobei auch eine Hierarchie und eine Distanz zu Königin immer zu erkennen ist.

MUSIK 11 (Z8044279112 Iva Zabkar: Überwachungsvideos 0‘27)

ZITATORIN

Und in der ganzen Zeit, die Ihre Gnaden im Kindbett lag, kam ich nie aus meinem Gewand, weder Tag noch Nacht.

ERZÄHLER

Nur schade, dass die Königin nie erfahren wird, was ihre Kammerfrau alles für sie getan hat!

ZITATORIN

Denn es fügte sich nie, dass ich so lange allein bei ihr gewesen wäre, dass ich ihr das von Anfang bis Ende hätte erzählen können, weil wir nicht lange zusammenblieben.

ZUSPIELUNG 8 (Julia Burkhardt)

Wir wissen, dass Helene 1440 mit Kind und Krone zu Friedrich III. geflohen ist und Königin Elizabeth in Ungarn blieb und dort 1442 starb. Das bedeutet, (Königin Elisabeth verstarb,) ohne sie noch einmal persönlich zu sprechen.

ERZÄHLER

Nun, viele Jahre nach den aufregenden Ereignissen, soll wenigstens der Sohn ihrer einstigen Herrin erfahren, was sie für die Familie geleistet hat.

ZITATORIN

Die edle Königin bot mir ihre Hand und sprach: »Wenn es sein soll, dass Gott gibt, dass die Sache gut ausgeht und zum Frieden führt, will ich Euch und Eure ganze Familie erheben. Das habt Ihr wohl verdient, und Ihr habt das für mich und für meine Kinder getan, was ich selbst nicht tun konnte oder zu tun vermochte.« Da verneigte ich mich demütig und dankte Ihrer Gnaden für das gute Versprechen.

ERZÄHLER

Gleichzeitig liefert Helene Kottannerin Ladislaus Postumus mit ihrer Geschichte eine Art schriftlichen Nachweis dafür, dass von Anfang an kein anderer als ER der rechtmäßige Herrscher von Ungarn war – und nicht etwa jener Kandidat, den die Magnaten dafür auserwählt hatten. Julia Burkhardt:

ZUSPIELUNG 9 (Julia Burkhardt)

Beide Parteien entwickeln die Vorstellung, dass man für die Krönung zum ungarischen König eine Krone braucht, und zwar, wenn möglich die heilige Krone Ungarns. Und 1439 ist so etwas wie ein Kristallisationspunkt, denn da beginnt der Run auf diese Krone oder zumindest der argumentative Kampf um diese Krone. Denn Königin Elisabeth wird Erfolg haben mit ihrem Plan, diese heilige Krone Ungarns, aus der Schatzkammer der Plintenburg zu stehlen, es wird ihr gelingen, ihren Sohn Ladislaus Postumus damit zu krönen, und zwar in Stuhlweißenburg, das ist heute Szekesfehervar (klickern, bitte in Prod. entfernen) in Ungarn und zwar durch eine wichtige Person, den Erzbischof von Gran. Und aus diesen drei Fakten: Krönung mit der heiligen Krone, Krönung in Stuhlweißenburg und Krönung durch den Erzbischof von Gran macht Helene Kottannerin in ihrer Geschichte ein Gesetz. Sie formuliert daraus eine Ideologie, so könnte man das fast schon sagen, dass nur rechtmäßiger ungarischer König ist, wenn diese drei Aspekte gegeben sind. Warum macht sie das? Weil natürlich der Gegenkandidat, der polnische König, der ein halbes Jahr nach dem kleinen Ladislaus Postumus gekrönt wird, keines dieser Kriterien erfüllen kann.

MUSIK 12 (Z8038700108 Fatima Dunn / Beda Thornton /

Tony Delmonte: Soft Lines (reduced) 0’35)

ERZÄHLER

Ob Ladislaus Postumus das Manuskript je gelesen hat? Es gibt zumindest Hinweise darauf, dass er um die Verdienste der einstigen Kammerfrau wusste: Eine Schenkungsurkunde aus den 1450er-Jahren bezeugt, dass sie und ihr zweiter Mann, der in Wien tätige Kammerherr Johann Kottanner, von Ladislaus´ Stellvertreter zum Dank für die Verdienste um den jungen König einen Besitz auf der sogenannten Schüttinsel in der Nähe des heutigen Bratislava verliehen bekamen.

ZUSPIELUNG 10 (Julia Burkhardt)

Das ist ein Indiz dafür, dass die beiden, Johann und Helene Kottaner, über ganz enge Beziehungen zum ungarischen Königshof verfügten, und vielleicht ist das sogar der Beweis dafür, dass damit der König auf die Dienste rund um den sogenannten Kronenraub reagierte; wir wissen es nicht, aber es ist eine sehr schöne Idee.

ERZÄHLER

Ebenso wenig wie dieses Detail werden sich wohl auch die genauen Umstände der Entstehung des – nur in einer einzigen Fassung vorhandenen – Textes klären lassen, der heute in der Österreichischen Nationalbibliothek liegt. Es fehlen ein Teil des ersten Blattes und der ganze Schluss: die Handschrift bricht mitten im Satz ab. Verfasst wurde sie vermutlich Mitte der 1450er Jahre, auf jeden Fall aber vor 1457, jenem Jahr, in dem Ladislaus Postumus starb. Nachdem sie dann jahrhundertelang in Vergessenheit geriet, wurde sie Anfang des 19. Jahrhunderts in den Beständen der Wiener Hofbibliothek wiederentdeckt.

ZUSPIELUNG 11 (Julia Burkhardt)

Im neunzehnten Jahrhundert begannen dann die ersten (wissenschaftlichen) Arbeiten an dem Text, aber auch die erste literarische Auseinandersetzung mit dem Text, denn diese Geschichte hat auch im neunzehnten Jahrhundert unglaubliche Faszination ausgeübt; die Erzählung, dass da zwei Frauen die Entwendung einer Krone planen und auch durchführen, war einfach zu gut, um sie nicht zu beachten.

MUSIK 13 (Z8038700117 Fatima Dunn / BedaThornton /

Tony Delmonte: Side Aspects (Main) 0’12)

ZITATOR

Ihre Erzählung ist auffallend detailliert, rücksichtslos, klar und wirksam. Und doch ist kein Zweifel, dass das Bruchstück echt ist.

ERZÄHLER

- heißt es etwa in Gustav Freytags 1859 erschienenen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit“. Die detaillierte Schilderung füllte eine Wissenslücke: bis dahin wusste man nur, dass sich die Heilige Krone für beinahe 25 Jahre lang nicht in Ungarn, sondern auf habsburgischem Gebiet befunden hatte, doch nicht, wie sie dort hingekommen war. In manchen Chroniken fand sich noch ein kurzer Hinweis, eine Frau habe sie entwendet.

ZUSPIELUNG 12 (Julia Burkhardt)

Mal ist die Frau ein altes Mütterchen, mal ist sie eine nicht näher benamte Dame aus dem höfischen Umfeld, aber dass Helene Kottannerin diese Frau war und dass sie die eigentliche Akteurin hinter dem sogenannten Kronenraub war, das erfahren wir nur aus ihrem Bericht.

MUSIK 13 (Z8038700117 Fatima Dunn / BedaThornton /

Tony Delmonte: Side Aspects (Main) 0’17)

ZITATOR

Nicht am wenigsten merkwürdig ist, dass dieselbe Frau in einer Zeit des rührigen Handelns, wo auch den Männern das Schreiben lästig oder unmöglich war, die wichtigen Ereignisse ihres Lebens und ihren Antheil an der Politik in Memoirenform niederschrieb.

ERZÄHLER

Aber – tat sie das wirklich? Verfasste Helene Kottannerin die Memoiren mit eigener Hand, wie Gustav Freytag meinte? Nein, entschied der ungarische Germanist Karl Mollay, der den Text grundlegend erforschte: Die literarische Qualität sei für die Entstehungszeit derartig hoch, dass hier ein Profi am Werk gewesen sein müsse, der Helenes mündlichen Bericht „in Form“ brachte. Heute sehen das einige Forscher und vor allem Forscherinnen anders. Doch letztendlich, meint Julia Burkhardt, kann die Frage anhand des vorhandenen Materials schlicht nicht geklärt werden.

ZUSPIELUNG 13 (Julia Burkhardt)

Wir wissen nicht, ob Helene den Text wirklich selbst geschrieben hat, also ob sie sich die Papierbögen und das Tintenfass selbst genommen und den Text aufgeschrieben hat oder ob sie den Text einer anderen Person, beispielsweise einem Schreiber, diktiert hat. Diese zweite Lösung wäre für die Zeit gar nicht außergewöhnlich. Aus dem Text aber spricht Helene, und zwar nicht nur indirekt, sondern tatsächlich auch wörtlich. Immer wieder heißt es in dem Text „Ich, Helene, war auch dabei“ und „Ich Helene Kottannerin, ich habe es gesehen, und die Krone wurde gestohlen, weil ich Helene Kottannerin den Plan ausgeführt habe.“ Das heißt, die Erzählerin der Geschichte begegnet uns nicht nur auf diesem Niveau als Erzählerin, sondern sie begegnet uns als Akteurin. Sie ist diejenige, die die Geschichte vorantreibt, sie wird von den großen, von den Königen und Königinnen, von den Adligen in dieser Geschichte gefragt, was zu tun ist, ihren Rat holt man ein, ihr vertraut man Kind und Krone an.

MUSIK 15 (ZE0177230102 Propinan de melyor 0’30)

ERZÄHLER

Und das mit Erfolg. Die Memoiren der Helene Kottanerin, dieser außergewöhnliche Text, sind nicht nur ein seltenes Stück spätmittelalterlicher Alltags- und Zeitgeschichte, sie erzählen auch von den damaligen Handlungsspielräumen einer Frau und von ihrem Wissen um ihren politischen und dynastischen Wert.


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