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Der Permafrost taut auf - Folgen für Mensch und Umwelt

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Immer größere Flächen des Dauerfrostbodens oder Permafrosts in der Arktis tauen im Sommer auf - eine Folge des Klimawandels, aber auch eine Ursache für die weitere Erwärmung, denn der aufgetaute Boden setzt Klimagase frei. (BR 2021) Autorin: Renate Ell

Credits
Autor/in dieser Folge: Renate Ell
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Rahel Comtesse, Anna Greiter
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Yvonne Maier

Im Interview:
Dr. Guido Große und Dr. Moritz Langer, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Potsdam;
Elena Popova, Doktorandin aus Jakutien, University of Manitoba, Kanada;
Sheila Watt-Cloutier, Inuit-Aktivistin, Kanada

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Linktipps:

Bilder vom Permafrost und was ihn genau ausmacht, finden Sie auf der Seite des Alfred-Wegener-Instituts:
EXTERNER LINK | https://www.awi.de/im-fokus/permafrost/permafrost-eine-einfuehrung.html

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ERZÄHLERIN

Die Eiszeiten sind zehntausende Jahre her – aber im hohen Norden, in Sibirien und Nord-China, Grönland, Alaska und Nord-Kanada sind sie immer noch gegenwärtig. In weiten Ebenen erstreckt sich die Tundra, wo nur Flechten, Moose, Gräser und Zwergsträucher wachsen, in Gegenden mit milderem Klima auch Nadelwälder. Und darunter: Permafrost, ein Relikt der Eiszeit.

(1 ZUSP.) GUIDO GROßE

Das ist ein gefrorener Boden, mindestens zwei Jahre, das ist die einzige Definition, die wir haben, für Permafrost.

ERZÄHLERIN

Erklärt Guido Große vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam. Der Permafrost kann einige Hundert Meter in die Tiefe reichen.

(2 ZUSP.) GUIDO GROßE

Die Oberfläche wird von der Auftauschicht bestimmt, die jährlich im Sommer auftaut, im Winter gefriert, eine dünne Schicht von 10, 20, 30 Zentimetern in der Hocharktis, je weiter wir nach Süden kommen, im Süden Alaskas oder im Süden Sibiriens, finden wir auch tiefere Auftauschichten, die zwei, drei Meter tief sein können.

ERZÄHLERIN

Aber fast überall reicht diese Auftauschicht heute tiefer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Arktis erwärmt sich sehr viel schneller als andere Teile der Welt. Und das heißt nicht nur: Die Auftau-Saison für den Permafrost-Boden ist länger. Sondern die Sommer sind auch wärmer. Manchmal rutscht ein ganzer Hang ab, dann sieht man, was unter der Oberfläche ist. Meistens nur Boden, stellenweise auch Eis.

(3 ZUSP.) GUIDO GROßE

Zum Beispiel sogenannte Eiskeile entstehen durch Frostrisse, die in den Böden sich bilden, wenn die Böden sehr, sehr tief durchfrieren in den Wintern, dann aufreißen, das ist ähnlich wie Trockenrisse, und in diese Frostrisse dringt Wasser ein, im Frühjahr mit der Schneeschmelze, das gefriert dann dort im tiefen Boden, und das ist ein Prozess, der über viele Jahrhunderte oder Jahrtausende auch ablaufen kann und dann große Eiskörper im Boden bildet.

MUSIK: „BUGS“ – C143243#003 (0:35)

ERZÄHLERIN

Wo Eis im Boden steckt, ist im Sommer manchmal an der Oberfläche erkennbar – wenn es auftaut, sinkt der Boden ein; Straßen bekommen dann auf einmal Wellen. Wo der Boden viel Eis enthält, kann sich die Landschaft dramatisch verändern.

(4 ZUSP.) GUIDO GROßE

In einigen Gebieten kann es 80 Prozent erreichen, von Volumen her, und wenn das natürlich auftaut, dann entstehen große Senken, die nennen wir Thermokarstsenken; die füllen sich recht schnell mit Wasser, so genannte Thermokarstseen; und diese Seen führen auch dazu, dass viel mehr Wärme noch in den Untergrund abgegeben wird.

ERZÄHLERIN

Denn das Wasser der Seen ist dunkel, es schluckt das Sonnenlicht, erwärmt sich und gibt diese Wärme an den Untergrund ab. Es ist eine so genannte positive Rückkoppelung im Klimawandel: Es wird wärmer, Permafrost taut auf, ein See entsteht, dadurch wird der Boden wärmer – und so weiter. Ein See – egal ob neu entstanden oder schon alt – kann aber auch verschwinden: Wenn die aufgetauten Ufer nach und nach abbrechen, bis sie an ein Flussufer oder die Meeresküste kommen, kann ein See auslaufen.

(5 ZUSP.) GUIDO GROßE

Das heißt also die Landschaft ist ein Mosaik, ein Mischmasch aus existierenden Seen verschiedenen Alters und alten Seebecken verschiedenen Alters. Das ist also eine sehr dynamische Landschaft, und es beschleunigt sich tatsächlich diese Landschaftsdynamik.

MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:44)

ERZÄHLERIN

Die Jakutin Elena Popova (Betonung auf dem zweiten O) kennt die Folgen dieser dynamischen Landschaft aus eigener Erfahrung. Nirgendwo leben so viele Menschen auf Permafrost wie in Sibirien. Die Republik Jakutien im Nordosten Russlands hat rund eine Million Einwohner, ist allerdings fast so groß wie Indien. Die Hauptstadt Jakutsk mit rund 270.000 Einwohnern ist die größte Stadt auf Dauerfrostboden. Dort und in vielen anderen Orten stürzen immer wieder Gebäude ein, wenn der Boden instabil wird.

(6 ZUSP.) ELENA POPOVA

OVERVOICE WEIBLICH

Ich komme vom Land, da sind die Veränderungen noch auffälliger. Die Straßen dort sind nicht asphaltiert. Wenn der Permafrost taut und es viel regnet, sind manche Orte unerreichbar, wegen Straßenschäden oder Überflutung. Pfade für die Jagd werden auch beschädigt. Und durch den schlechten Zustand von Weideland sinkt die Qualität des Futters, dann können Tiere krank werden.

I come from a rural area, and there, the changes are more visible, I would say. Deformation of roads leads to inaccessibility to communities, because roads in my area is not asphalt, it's ground roads, so permafrost thaw and when we have lots of rain, it’s just flooded. Also degradation of hunting trails, and the melting can disrupt the condition of pastures. And then the quality of feed and eventually affect health of animals.

ERZÄHLERIN

In Jakutien werden Rinder, Pferde und Rentiere gehalten, für die Selbstversorgung mit Milchprodukten und Fleisch. In den Dörfern gibt es meist keinen Supermarkt. Deshalb hat der Dauerfrostboden auch ganz praktische, gleichwohl lebenswichtige Funktionen: Als Vorratskammer – und für die Trinkwasserversorgung.

(7 ZUSP.) ELENA POPOVA

OVERVOICE WEIBLICH

Wir beginnen im Mai, uns auf den Winter vorzubereiten, mit Jagen, Fischen, Beeren sammeln, Heu machen – wir gehen jeden Tag in die Natur wie zur Arbeit. Alles wird in Eiskellern eingefroren. Die Vorbereitung endet im Oktober mit der Massenschlachtung von Rindern, Pferden und Rentieren. Stellen Sie sich vor, wie viel Essen wir für die kalten neun Monate für die ganze Familie unterbringen müssen, fünf, sechs Leute plus Verwandte. Im Winter heben wir alles draußen auf, da wird es bis minus 55 Grad kalt. Im Sommer brauchen wir die Eiskeller vor allem für Trinkwasser. In manchen Dörfern gibt es eine Wasserversorgung, in meinem nicht. Wir müssen Eis von zugefrorenen Seen holen, im Frühjahr bringen wir es in den Eiskeller.

Basically we start preparing for winter in May, when the hunting season begins and picking berries, fishing, haymaking time, and every day we go to the nature like to the work. Then everything is frozen in ice cellars, and the preparation season ends at the beginning of winter like around October with the mass slaughter of cattle, cows, horses and reindeer and just imagine that all this food that you eat during cold nine months needs to be stored for five, six people and also for relatives; in winter, we usually keep everything outside, all the food, because temperature reaches down minus 55 centigrade, so it's kind of fridge itself. In summer, ice cellars are mainly used for drinking ice. In some villages they have water supply but not in mine, we need to prepare ice from the lake, and then we put it outside and when when spring comes we put it into these ice cellars.

ERZÄHLERIN

Immer häufiger brauchen die Menschen in Jakutien jetzt allerdings im Sommer große Tiefkühltruhen für ihre Vorräte.

MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:06)

[[Wenn der Permafrost auftaut, kommt manches zum Vorschein, was lange eingefroren war. Bekannt sind vor allem Mammut-Stoßzähne, sogar ein perfekt erhaltenes, wolliges Mammut-Jungtier wurde gefunden, und auch andere, zehntausende Jahre alte Tierkadaver.]] Wissenschaftler haben darin Bakterien und Viren entdeckt, die sie im Labor wieder zum Leben erwecken konnten. Tote Tieren aus jüngerer Zeit enthielten [[Milzbrand-Bakterien, mit denen sich Weidetiere und Menschen infizierten. 2016 starb dadurch ein Kind in Jakutien, inzwischen wird gegen Milzbrand geimpft. Es gibt allerdings auch so etwas wie chemische Altlasten:]]

Zwar ist die Arktis weit weg von den dicht besiedelten, industrialisierten Weltregionen – aber giftiges Quecksilber wird seit langer Zeit mit Luftströmungen von dort in den Norden transportiert, wo es dann kondensiert wie Wasser an einer kalten Fensterscheibe.

(8 ZUSP.) MORITZ LANGER

Da ist jetzt ganz große Sorge, dass durch das Auftauen der Böden dieses Quecksilber eben wieder frei wird wird, das gelangt dann teilweise wieder zurück in die Atmosphäre, aber dann eben auch über den Wasser-Kreislauf in verschiedene Bereiche.

ERZÄHLERIN

Erklärt Moritz Langer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeres¬forschung in Potsdam. Die Ökosysteme werden belastet, und letztlich landet das giftige Metall auch auf den Tellern der Menschen: Mit Beeren, die sie sammeln, mit dem Fleisch von Rentieren oder Jagdwild, oder mit Fisch.

[[(9 ZUSP.) MORITZ LANGER

Und am Ende kann es dann auch bei uns wieder auf den Teller landen, wenn wir über die Fischerei in der Arktis in arktischen Gewässern nachdenken, dann kommt das eben zurück.]]

ERZÄHLERIN

Es gibt aber auch Schadstoff-Quellen in der Arktis selbst. Weil manches genauso ist wie in südlicheren Breiten: Die Menschen fahren Auto und verwenden Einweg-Verpackungen. Es wird nach Öl und Gas gebohrt, es gibt Erz-Bergbau und Industriebetriebe, die diese Rohstoffe verarbeiten, außerdem Tourismus, Jagd und Fischerei, mancherorts Landwirtschaft und nicht zuletzt Militärbasen. Aber eines ist anders als im Süden: Alles, was man für gewöhnlich im Supermarkt kauft und alles, was die Industrie braucht, muss über riesige Distanzen dorthin transportiert werden. Und was davon übrig bleibt, wird nicht wieder weggebracht.

(10 ZUSP.) MORITZ LANGER

Aufgrund der wahnsinnigen Kosten, die dabei entstehen würden; weil sich dann das ein oder andere Geschäftsmodell, aber auch das Leben teilweise gar nicht mehr lohnen würde.

ERZÄHLERIN

Anders ausgedrückt: Die Müllgebühren wären extrem hoch. Deshalb landen alle Abfälle dort in Deponien. Die aber nicht immer mit Folien oder ähnlichem nach unten abgedichtet wurden – denn der gefrorene Boden galt als ausreichende Abdichtung. Und jetzt? Ist es schon für Siedlungsabfälle problematisch, wenn diese natürliche Abdichtung auftaut, insbesondere aber für Industrieabfälle wie etwa Bohrschlämme aus dem Bergbau. Damit ein Bohrer nicht stecken bleibt, füllt man Flüssigkeiten in das Bohrloch. Früher war das oft Kerosin oder Diesel, heute sind es zwar wasserbasierte Flüssigkeiten, sie enthalten aber viel Salz und weitere chemische Zusatzstoffe. Aber wo lagert wie viel solchen Sondermülls?

(11 ZUSP.) MORITZ LANGER

Das ist eines unserer größten Probleme momentan zur Beurteilung dieser Gefahren: Über den größten Teil der Arktis, nämlich den in Russland, haben wir so gut wie keine Informationen und auch keine uns zumindest öffentlich zugängliche Dokumentation.

ERZÄHLERIN

In Nordamerika dagegen gibt es schon lange die Pflicht, alle Abfälle zu dokumentieren, und sie müssen auch bis zu 30 Jahre lang überwacht werden. Aber was passiert, wenn diese Zeit abgelaufen ist?.

(12 ZUSP.) MORITZ LANGER

Die werden sozusagen sich selber überlassen. Und die Schäden, die dabei entstehen, werden dann eben der Allgemeinheit überlassen.

ERZÄHLERIN

Inzwischen sind die Verpflichtungen zur Sicherung und Überwachung gefährlicher Abfälle strenger geworden. Was aber nichts daran ändert, dass in alten Deponien giftige und salzhaltige Bohrschlämme oder andere problematische Hinterlassenschaften liegen – und der Permafrost drumherum auftaut. So gibt es in der Nähe von Erzminen auch Abraumhalden für Gestein, das weiter auszubeuten sich nicht lohnt.

(13 ZUSP.) MORITZ LANGER

Es gibt immer wieder Berichte darüber, dass es Probleme gibt, vor allem mit Schwermetallen, die austreten, zum Beispiel in Alaska gibt es die Red Dog Mine, die weltweit größte Zinkmine, da wird sehr, sehr darauf geachtet, dass bei dem Austrag von diesen Abwässern keine Grenzwerte überschritten werden, und das wird zunehmend problematisch. Das liegt vor allem am auftauenden Permafrost: Natürlich gebundene Schwermetalle, also Quecksilber vor allem, belasten zunehmend die Gewässer, sodass man jetzt schon auf natürliche Art und Weise durch den auftauen Permafrost sehr stark an den Grenzwerten ist; sie müssen große Becken anlegen oder teilweise die Mine selbst verwenden, um diese Abwässer zu speichern, um eben die geforderten Grenzwerte nicht zu überschreiten.

MUSIK: „FULL CIRCLE“ – C124798#015 (0:44)

ERZÄHLERIN

In welchem Zustand wohl die Flüsse sind, wo nicht so penibel auf die Grenzwerte geachtet wird? Und wie sicher sind die Becken – könnte bei einer Havarie doch noch das ganze schwermetall-belastete Abwasser in die Landschaft fließen? Im sibirischen Norilsk, an einer großen Nickelhütte, gab 2020 der Boden unter einem Dieseltank nach – 21 Millionen Liter Treibstoff liefen aus, das meiste in den nächsten Fluss. Ursache war eine Hitzewelle schon im Mai. Und auch in Nordamerika passieren Unfälle im Umfeld von Industrieanlagen, weil der Boden nachgibt. Dann wird versucht, kontaminiertes Wasser aufzufangen und kontaminierte Böden auszugraben.

(14 ZUSP.) MORITZ LANGER

Das Problem ist, dass man diese Bodenmaterialien nicht aus der Arktis wegtransportiert und nach Standards, wie man sie unseren mittleren Breiten kennt versucht zu behandeln und gegebenenfalls zu entsorgen, sondern diese Stoffe verbleiben normalerweise in der Arktis, verbleiben auf Permafrost, werden dann aber durch technische Maßnahmen versucht zu sichern; also das Problem verlagert sich dann sozusagen nur lokal an eine andere Stelle und meist dann gewinnt man auch Zeit, aber auch da können diese technischen Maßnahmen, die ergriffen werden, dann wieder dem auftauenden Permafrost zum Opfer fallen.

Es wäre tatsächlich die einzige Möglichkeit, nachhaltig mit diesem Problem umzugehen, industrielle Abfallstoffe langfristig wieder aus der Arktis abzutrans¬portieren, um sie dann einem Recycling oder einer vernünftigen Entsorgung zuzuführen. Ich sehe allerdings nicht, dass das in naher Zukunft passieren wird.

ERZÄHLERIN

Der Abtransport ist schlicht zu teuer. Vorerst bleibt nur, alle Industrieabfälle sorgfältig zu dokumentieren und zu lagern.

Bei Siedlungsabfällen hingegen gibt es schon Überlegungen, die Situation zu verbessern, weil der Boden unter den Deponien auftauen kann. Zudem entsteht das Treibhausgas Methan, wenn Abfälle verrotten. Manchmal geraten sie auch unkontrolliert in Brand, dann können Schadstoffe bis hin zu Dioxinen entstehen.

(15 ZUSP.) MORITZ LANGER

Es gibt tatsächlich auch schon erste Anstrengung, Müllverbrennungsanlagen zu installieren, vor allem in den größeren Siedlungen, auf Grönland ist man da zum Beispiel auch dabei, eben aufgrund eines erhöhten Umweltbewusstseins. Aber die Praxis ist sehr neu und auch tatsächlich noch nicht überall verbreitet.

ERZÄHLERIN

Moderne Müllverbrennungs-Anlagen emittieren weniger Schadstoffe als eine Deponie, sie reduzieren die Menge des Mülls auf ein Minimum – und was übrig bleibt kann nicht mehr chemisch reagieren. Ganz nebenbei lässt sich aus dem Müll auch noch Energie erzeugen – bislang sind die Orte in der Arktis meist auf Diesel angewiesen.

MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:08)

ERZÄHLERIN

Altes Quecksilber, undichte Deponien und ausgelaufene Dieseltanks verursachen erstmal nur lokale Umweltprobleme – aber langfristig können alle Schadstoffe, die in der Arktis in die Umwelt gelangen, über Flüsse und das Meer bis weit in den Süden kommen – nicht zuletzt mit Fisch aus dem arktischen Ozean direkt auf unseren Teller. Doch solche Schadstoffquellen gibt es – glücklicherweise – nur auf einer insgesamt kleinen Fläche der gesamten Arktis. Ganz anders sieht es aus mit den natürlichen Inhaltsstoffen des Permafrosts, die zu einem gewaltigen globalen Problem werden, erklärt Guido Große vom Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung.

(16 ZUSP.) GUIDO GROßE

Wenn man eine Handvoll Permafrost-Boden an die Nase halten würde, das würde fast wie Kompost riechen, und da weiß man, da ist sehr viel Kohlenstoff drin. Die organische Substanz im Permafrost sind hauptsächlich alte Pflanzen- und Tierreste.

ERZÄHLERIN

Wie im Komposthaufen machen sich Mikroorganismen darüber her. Je mehr Permafrost auftaut, desto stärker können sie sich vermehren. Und wo der Boden nicht wieder komplett einfriert, sogar noch im Winter. Aus der organischen Substanz im Boden, genauer gesagt, aus dem Kohlenstoff, erzeugen sie: Treibhausgase. Kohlendioxid oder Methan. Je nachdem, ob der Boden trocken oder nass ist.

(17 ZUSP.) GUIDO GROßE

Durch das tiefere Auftauen kann es sein, dass das Wasser stärker abläuft aus der Auftauschicht, und damit wird der Boden trockener. In diesen trockener werdenden Böden wird hauptsächlich Kohlendioxid gebildet.

ERZÄHLERIN

Denn im trockenen Boden gibt es genug Sauerstoff. Wo das Wasser aber nicht abfließen kann, kommt keine Luft in den Boden, und der Sauerstoff ist schnell aufgebraucht.

(18 ZUSP.) GUIDO GROßE

Unter diesen Bedingungen existieren vor allem Methan produzierende Mikroben.

ERZÄHLERIN

Methan ist das zweitwichtigste Treibhausgas. Es wird geschätzt, dass durch auftauenden Permafrost insgesamt so viele Treibhausgase entstehen können wie in einer großen Industrienation. Bisher wird das aber in den Klima-Prognosen noch nicht berücksichtigt – und damit auch noch nicht in der internationalen Klimapolitik.

MUSIK: „BUGS“ – C143243#003 (0:34)

ERZÄHLERIN

Das ist umso beunruhigender, als das Auftauen des Permafrosts ja erst begonnen hat – aber so schnell nicht enden wird. Selbst wenn die Menschheit ab morgen keine Treibhausgase mehr produzieren würde, ginge die globale Erwärmung erstmal weiter – durch die Treibhausgase, wie wir in den letzten Jahrzehnten ausgestoßen haben.

Überall rund um den Nordpol wird die Tau-Saison also in den kommenden Jahrzehnten noch früher beginnen, die Auftauschicht im Sommer dadurch noch tiefer reichen. Und mancherorts friert der Boden im Winter nicht mal komplett wieder ein.

(19 ZUSP.) GUIDO GROßE

Es können sich ungefrorene Zonen entwickeln, zwischen dieser Auftauschicht, die jährlich gefriert und dem eigentlichen Permafrost, und das ist der Startschuss für ein breiteres Auftauen des Permafrost ist in diesen Regionen. In Westsibirien zum Beispiel oder in Teilen Alaskas und Kanadas ist der Permafrost mittlerweile verschwunden bzw. in große Tiefen abgetaucht.

ERZÄHLERIN

Und ungefrorener Boden heißt: Bakterien sind weiter aktiv, erzeugen Kohlendioxid und Methan. Das passiert vor allem in milden, schneereichen Wintern, und die werden wohl in Zukunft häufiger.

(20 ZUSP.) GUIDO GROßE

Weil wir weniger Meereis haben, auf dem Arktischen Ozean, kann die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen, das heißt, wir haben mehr Schnee auf Permafrost, und damit kann die Winterkälte weniger gut in den Permafrost-Boden eindringen und ihn runterkühlen.

ERZÄHLERIN

Denn die Schneedecke wirkt wie eine Isolations-Schicht. In der warmen Jahreszeit setzt der Regen dem Permafrost zu, sickert ein, transportiert Wärme in den Untergrund. Der Boden wird also immer instabiler, immer mehr Gebäude, Pipelines, Tanks und Deponien sind in Gefahr.

(21 ZUSP.) GUIDO GROßE

Es gibt ingenieurstechnisch Möglichkeiten, wie man den Untergrund unter Gebäuden oder einer Pipeline kühlen kann. Durch Kühlflüssigkeiten zum Beispiel, aber zum einen ist eine teure Methode, zum anderen ist es an vielen existierenden Infrastrukturen bisher nicht eingebaut.

ERZÄHLERIN

Wo der Boden gekühlt wird, sieht man dünne Rohre, die senkrecht aus dem Boden ragen. Im Winter wird die Kälte der Luft sozusagen auf Vorrat in den Boden transportiert. Im Sommer hilft eine Isolation, die Kälte im Boden zu halten, oder man muss die Rohre kühlen. Die Technik ist allerdings viel zu aufwändig, um ganze Orte oder Industrieanlagen zu sichern. Sie wird den vielen Indigenen nicht helfen, die oft in abgelegenen Dörfern in einfachen Häusern leben, nicht selten unter prekären Verhältnissen. Sie verlieren buchstäblich den Boden unter den Füßen, vor allem an den Küsten, wo das wärmere Meer an aufgetauten Stränden nagt. Für einige kleine Orte der Inuit gibt es bereits Umsiedlungs-Pläne. Damit bedroht der Klimawandel eine ganze Kultur – wie die bekannte kanadische Inuit-Aktivistin Sheila Watt-Cloutier schon seit Jahrzehnten mahnt.

(22 ZUSP.) SHEILA WATT-CLOUTIER

OVERVOICE WEIBLICH

Die Jagd ist Teil unseres kulturellen Erbes. Dabei geht es nicht um das Töten von Tieren. Es lehrt unsere Jugend, Stress auszuhalten, nicht impulsiv zu sein, sondern nachzudenken, im richtigen Moment geduldig oder mutig zu sein. Letztlich geht es um ein sicheres Urteilsvermögen. Das sind Fähigkeiten, die unsere Jugend auch in der für uns so rasant modernisierten Welt braucht. Und das Essen zu teilen ist eine so wundervolle Art, Familien- und Gemeinschaftssinn weiterzugeben. Unser Volk ist sehr eng verbunden mit seiner Jahrtausende alten Lebensweise.

It’s part of our cultural heritage to be hunters. And its not about going out and the killing of animals it is our training ground for young people. How to withstand stress, how not to be impulsive, to be reflective, how to be patient and couragious at the right times, and ultimately it’s the sound judgement we are after, these are transferable skills for our young people in this new world of modernization that has hit us so very quickly. And the sharing of the food is a wounderful way in which the sense of family and community carry on. We are a people that remains still very closely connected to the way of life that we had for millennia.

ERZÄHLERIN

Auch die junge Jakutin Lena Popova (Betonung auf dem zweiten O) kennt diese kulturelle und spirituelle Bindung an ihre Heimat.

(23 ZUSP.) ELENA POPOVA

OVERVOICE WEIBLICH

Die Verbindung ist praktisch, durch Tierhaltung, Jagd, Sammeln in der Natur. Aber der spirituelle Aspekt ist noch wichtiger, glaube ich. Das ist schwer in Worte zu fassen, eine unsichtbare Verbindung mit dem Land und den Ahnen. Ich habe das Gefühl, dass ich in der Stadt diese Verbindung verliere, wenn ich nicht in die Natur komme, und ich versuche, zu meinem „Alas“ zu gehen. Das ist eine Thermokarst-Senke, die durch Tauen und Gefrieren entsteht, mit einem See und Wald. Jede Familie hat zwei, drei „Alasse“, wir fühlen uns verbunden mit ihnen, und wenn sie verschwinden, ist das sehr traurig. Aber selbst wenn wir den Permafrost verlieren, und trotz der engen Verbindung glaube ich nicht, dass wir unsere 5000 Jahre alte Kultur verlieren. Denn wir tragen sie in uns.

This relationship is both physical and spiritual, and physical is manifested in our everyday life like traditional husbandry, hunting, gathering, how we interact with nature, and the spiritual is I think its more important and I can’t explain it in words, it’s like invisible connection you have with your land with your ancestors, for instance personally me, when I live in the city I feel that I am loosing that connection if I don’t go to nature, so I try to go to my alas, alas is a land form which is formed by melting and freezing of permafrost a few times, with a lake and surrounded by forest, each family has two or three of this kind of alasses, and we are interelated, if it degrades it’s very sad. Even assuming that we loose permafrost, I don’t think we will loose our culture, despite our very close connection, we preserved our culture for 5000 years and maybe more, so culture is a manifestation of what we have inside, I think.

MUSIK: „MIST“ – C143243#004 (1:03)

ERZÄHLERIN

Das Auftauen des Permafrosts ist eine Zäsur für die Menschen in der Arktis – und für einen Abschnitt der Erdgeschichte, der vor mehreren Zehntausend Jahren begann, mit dem Ende der letzten Eiszeit.

(24 ZUSP.) GUIDO GROßE

Auf dem jetzigen Kurs, auf dem wir uns befinden, werden wir wahrscheinlich bis zu 75 Prozent der Permafrostregion verlieren bis zum Ende des Jahrhunderts, und der Permafrost wird auftauen in den obersten drei Metern. Das ist natürlich ein ganz bedeutsamer Prozess, der alles in diesen Regionen beeinflusst.

ERZÄHLERIN

Und das wird den Klimawandel noch weiter beschleunigen. Es besteht keine Aussicht, dass sich in absehbarer Zeit wieder neuer Permafrost entwickeln kann.

MUSIK AUF ENDE

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Die Eiszeiten sind zehntausende Jahre her – aber im hohen Norden, in Sibirien und Nord-China, Grönland, Alaska und Nord-Kanada sind sie immer noch gegenwärtig. In weiten Ebenen erstreckt sich die Tundra, wo nur Flechten, Moose, Gräser und Zwergsträucher wachsen, in Gegenden mit milderem Klima auch Nadelwälder. Und darunter: Permafrost, ein Relikt der Eiszeit.

(1 ZUSP.) GUIDO GROßE

Das ist ein gefrorener Boden, mindestens zwei Jahre, das ist die einzige Definition, die wir haben, für Permafrost.

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Erklärt Guido Große vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam. Der Permafrost kann einige Hundert Meter in die Tiefe reichen.

(2 ZUSP.) GUIDO GROßE

Die Oberfläche wird von der Auftauschicht bestimmt, die jährlich im Sommer auftaut, im Winter gefriert, eine dünne Schicht von 10, 20, 30 Zentimetern in der Hocharktis, je weiter wir nach Süden kommen, im Süden Alaskas oder im Süden Sibiriens, finden wir auch tiefere Auftauschichten, die zwei, drei Meter tief sein können.

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Aber fast überall reicht diese Auftauschicht heute tiefer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Arktis erwärmt sich sehr viel schneller als andere Teile der Welt. Und das heißt nicht nur: Die Auftau-Saison für den Permafrost-Boden ist länger. Sondern die Sommer sind auch wärmer. Manchmal rutscht ein ganzer Hang ab, dann sieht man, was unter der Oberfläche ist. Meistens nur Boden, stellenweise auch Eis.

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Zum Beispiel sogenannte Eiskeile entstehen durch Frostrisse, die in den Böden sich bilden, wenn die Böden sehr, sehr tief durchfrieren in den Wintern, dann aufreißen, das ist ähnlich wie Trockenrisse, und in diese Frostrisse dringt Wasser ein, im Frühjahr mit der Schneeschmelze, das gefriert dann dort im tiefen Boden, und das ist ein Prozess, der über viele Jahrhunderte oder Jahrtausende auch ablaufen kann und dann große Eiskörper im Boden bildet.

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In einigen Gebieten kann es 80 Prozent erreichen, von Volumen her, und wenn das natürlich auftaut, dann entstehen große Senken, die nennen wir Thermokarstsenken; die füllen sich recht schnell mit Wasser, so genannte Thermokarstseen; und diese Seen führen auch dazu, dass viel mehr Wärme noch in den Untergrund abgegeben wird.

ERZÄHLERIN

Denn das Wasser der Seen ist dunkel, es schluckt das Sonnenlicht, erwärmt sich und gibt diese Wärme an den Untergrund ab. Es ist eine so genannte positive Rückkoppelung im Klimawandel: Es wird wärmer, Permafrost taut auf, ein See entsteht, dadurch wird der Boden wärmer – und so weiter. Ein See – egal ob neu entstanden oder schon alt – kann aber auch verschwinden: Wenn die aufgetauten Ufer nach und nach abbrechen, bis sie an ein Flussufer oder die Meeresküste kommen, kann ein See auslaufen.

(5 ZUSP.) GUIDO GROßE

Das heißt also die Landschaft ist ein Mosaik, ein Mischmasch aus existierenden Seen verschiedenen Alters und alten Seebecken verschiedenen Alters. Das ist also eine sehr dynamische Landschaft, und es beschleunigt sich tatsächlich diese Landschaftsdynamik.

MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:44)

ERZÄHLERIN

Die Jakutin Elena Popova (Betonung auf dem zweiten O) kennt die Folgen dieser dynamischen Landschaft aus eigener Erfahrung. Nirgendwo leben so viele Menschen auf Permafrost wie in Sibirien. Die Republik Jakutien im Nordosten Russlands hat rund eine Million Einwohner, ist allerdings fast so groß wie Indien. Die Hauptstadt Jakutsk mit rund 270.000 Einwohnern ist die größte Stadt auf Dauerfrostboden. Dort und in vielen anderen Orten stürzen immer wieder Gebäude ein, wenn der Boden instabil wird.

(6 ZUSP.) ELENA POPOVA

OVERVOICE WEIBLICH

Ich komme vom Land, da sind die Veränderungen noch auffälliger. Die Straßen dort sind nicht asphaltiert. Wenn der Permafrost taut und es viel regnet, sind manche Orte unerreichbar, wegen Straßenschäden oder Überflutung. Pfade für die Jagd werden auch beschädigt. Und durch den schlechten Zustand von Weideland sinkt die Qualität des Futters, dann können Tiere krank werden.

I come from a rural area, and there, the changes are more visible, I would say. Deformation of roads leads to inaccessibility to communities, because roads in my area is not asphalt, it's ground roads, so permafrost thaw and when we have lots of rain, it’s just flooded. Also degradation of hunting trails, and the melting can disrupt the condition of pastures. And then the quality of feed and eventually affect health of animals.

ERZÄHLERIN

In Jakutien werden Rinder, Pferde und Rentiere gehalten, für die Selbstversorgung mit Milchprodukten und Fleisch. In den Dörfern gibt es meist keinen Supermarkt. Deshalb hat der Dauerfrostboden auch ganz praktische, gleichwohl lebenswichtige Funktionen: Als Vorratskammer – und für die Trinkwasserversorgung.

(7 ZUSP.) ELENA POPOVA

OVERVOICE WEIBLICH

Wir beginnen im Mai, uns auf den Winter vorzubereiten, mit Jagen, Fischen, Beeren sammeln, Heu machen – wir gehen jeden Tag in die Natur wie zur Arbeit. Alles wird in Eiskellern eingefroren. Die Vorbereitung endet im Oktober mit der Massenschlachtung von Rindern, Pferden und Rentieren. Stellen Sie sich vor, wie viel Essen wir für die kalten neun Monate für die ganze Familie unterbringen müssen, fünf, sechs Leute plus Verwandte. Im Winter heben wir alles draußen auf, da wird es bis minus 55 Grad kalt. Im Sommer brauchen wir die Eiskeller vor allem für Trinkwasser. In manchen Dörfern gibt es eine Wasserversorgung, in meinem nicht. Wir müssen Eis von zugefrorenen Seen holen, im Frühjahr bringen wir es in den Eiskeller.

Basically we start preparing for winter in May, when the hunting season begins and picking berries, fishing, haymaking time, and every day we go to the nature like to the work. Then everything is frozen in ice cellars, and the preparation season ends at the beginning of winter like around October with the mass slaughter of cattle, cows, horses and reindeer and just imagine that all this food that you eat during cold nine months needs to be stored for five, six people and also for relatives; in winter, we usually keep everything outside, all the food, because temperature reaches down minus 55 centigrade, so it's kind of fridge itself. In summer, ice cellars are mainly used for drinking ice. In some villages they have water supply but not in mine, we need to prepare ice from the lake, and then we put it outside and when when spring comes we put it into these ice cellars.

ERZÄHLERIN

Immer häufiger brauchen die Menschen in Jakutien jetzt allerdings im Sommer große Tiefkühltruhen für ihre Vorräte.

MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:06)

[[Wenn der Permafrost auftaut, kommt manches zum Vorschein, was lange eingefroren war. Bekannt sind vor allem Mammut-Stoßzähne, sogar ein perfekt erhaltenes, wolliges Mammut-Jungtier wurde gefunden, und auch andere, zehntausende Jahre alte Tierkadaver.]] Wissenschaftler haben darin Bakterien und Viren entdeckt, die sie im Labor wieder zum Leben erwecken konnten. Tote Tieren aus jüngerer Zeit enthielten [[Milzbrand-Bakterien, mit denen sich Weidetiere und Menschen infizierten. 2016 starb dadurch ein Kind in Jakutien, inzwischen wird gegen Milzbrand geimpft. Es gibt allerdings auch so etwas wie chemische Altlasten:]]

Zwar ist die Arktis weit weg von den dicht besiedelten, industrialisierten Weltregionen – aber giftiges Quecksilber wird seit langer Zeit mit Luftströmungen von dort in den Norden transportiert, wo es dann kondensiert wie Wasser an einer kalten Fensterscheibe.

(8 ZUSP.) MORITZ LANGER

Da ist jetzt ganz große Sorge, dass durch das Auftauen der Böden dieses Quecksilber eben wieder frei wird wird, das gelangt dann teilweise wieder zurück in die Atmosphäre, aber dann eben auch über den Wasser-Kreislauf in verschiedene Bereiche.

ERZÄHLERIN

Erklärt Moritz Langer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeres¬forschung in Potsdam. Die Ökosysteme werden belastet, und letztlich landet das giftige Metall auch auf den Tellern der Menschen: Mit Beeren, die sie sammeln, mit dem Fleisch von Rentieren oder Jagdwild, oder mit Fisch.

[[(9 ZUSP.) MORITZ LANGER

Und am Ende kann es dann auch bei uns wieder auf den Teller landen, wenn wir über die Fischerei in der Arktis in arktischen Gewässern nachdenken, dann kommt das eben zurück.]]

ERZÄHLERIN

Es gibt aber auch Schadstoff-Quellen in der Arktis selbst. Weil manches genauso ist wie in südlicheren Breiten: Die Menschen fahren Auto und verwenden Einweg-Verpackungen. Es wird nach Öl und Gas gebohrt, es gibt Erz-Bergbau und Industriebetriebe, die diese Rohstoffe verarbeiten, außerdem Tourismus, Jagd und Fischerei, mancherorts Landwirtschaft und nicht zuletzt Militärbasen. Aber eines ist anders als im Süden: Alles, was man für gewöhnlich im Supermarkt kauft und alles, was die Industrie braucht, muss über riesige Distanzen dorthin transportiert werden. Und was davon übrig bleibt, wird nicht wieder weggebracht.

(10 ZUSP.) MORITZ LANGER

Aufgrund der wahnsinnigen Kosten, die dabei entstehen würden; weil sich dann das ein oder andere Geschäftsmodell, aber auch das Leben teilweise gar nicht mehr lohnen würde.

ERZÄHLERIN

Anders ausgedrückt: Die Müllgebühren wären extrem hoch. Deshalb landen alle Abfälle dort in Deponien. Die aber nicht immer mit Folien oder ähnlichem nach unten abgedichtet wurden – denn der gefrorene Boden galt als ausreichende Abdichtung. Und jetzt? Ist es schon für Siedlungsabfälle problematisch, wenn diese natürliche Abdichtung auftaut, insbesondere aber für Industrieabfälle wie etwa Bohrschlämme aus dem Bergbau. Damit ein Bohrer nicht stecken bleibt, füllt man Flüssigkeiten in das Bohrloch. Früher war das oft Kerosin oder Diesel, heute sind es zwar wasserbasierte Flüssigkeiten, sie enthalten aber viel Salz und weitere chemische Zusatzstoffe. Aber wo lagert wie viel solchen Sondermülls?

(11 ZUSP.) MORITZ LANGER

Das ist eines unserer größten Probleme momentan zur Beurteilung dieser Gefahren: Über den größten Teil der Arktis, nämlich den in Russland, haben wir so gut wie keine Informationen und auch keine uns zumindest öffentlich zugängliche Dokumentation.

ERZÄHLERIN

In Nordamerika dagegen gibt es schon lange die Pflicht, alle Abfälle zu dokumentieren, und sie müssen auch bis zu 30 Jahre lang überwacht werden. Aber was passiert, wenn diese Zeit abgelaufen ist?.

(12 ZUSP.) MORITZ LANGER

Die werden sozusagen sich selber überlassen. Und die Schäden, die dabei entstehen, werden dann eben der Allgemeinheit überlassen.

ERZÄHLERIN

Inzwischen sind die Verpflichtungen zur Sicherung und Überwachung gefährlicher Abfälle strenger geworden. Was aber nichts daran ändert, dass in alten Deponien giftige und salzhaltige Bohrschlämme oder andere problematische Hinterlassenschaften liegen – und der Permafrost drumherum auftaut. So gibt es in der Nähe von Erzminen auch Abraumhalden für Gestein, das weiter auszubeuten sich nicht lohnt.

(13 ZUSP.) MORITZ LANGER

Es gibt immer wieder Berichte darüber, dass es Probleme gibt, vor allem mit Schwermetallen, die austreten, zum Beispiel in Alaska gibt es die Red Dog Mine, die weltweit größte Zinkmine, da wird sehr, sehr darauf geachtet, dass bei dem Austrag von diesen Abwässern keine Grenzwerte überschritten werden, und das wird zunehmend problematisch. Das liegt vor allem am auftauenden Permafrost: Natürlich gebundene Schwermetalle, also Quecksilber vor allem, belasten zunehmend die Gewässer, sodass man jetzt schon auf natürliche Art und Weise durch den auftauen Permafrost sehr stark an den Grenzwerten ist; sie müssen große Becken anlegen oder teilweise die Mine selbst verwenden, um diese Abwässer zu speichern, um eben die geforderten Grenzwerte nicht zu überschreiten.

MUSIK: „FULL CIRCLE“ – C124798#015 (0:44)

ERZÄHLERIN

In welchem Zustand wohl die Flüsse sind, wo nicht so penibel auf die Grenzwerte geachtet wird? Und wie sicher sind die Becken – könnte bei einer Havarie doch noch das ganze schwermetall-belastete Abwasser in die Landschaft fließen? Im sibirischen Norilsk, an einer großen Nickelhütte, gab 2020 der Boden unter einem Dieseltank nach – 21 Millionen Liter Treibstoff liefen aus, das meiste in den nächsten Fluss. Ursache war eine Hitzewelle schon im Mai. Und auch in Nordamerika passieren Unfälle im Umfeld von Industrieanlagen, weil der Boden nachgibt. Dann wird versucht, kontaminiertes Wasser aufzufangen und kontaminierte Böden auszugraben.

(14 ZUSP.) MORITZ LANGER

Das Problem ist, dass man diese Bodenmaterialien nicht aus der Arktis wegtransportiert und nach Standards, wie man sie unseren mittleren Breiten kennt versucht zu behandeln und gegebenenfalls zu entsorgen, sondern diese Stoffe verbleiben normalerweise in der Arktis, verbleiben auf Permafrost, werden dann aber durch technische Maßnahmen versucht zu sichern; also das Problem verlagert sich dann sozusagen nur lokal an eine andere Stelle und meist dann gewinnt man auch Zeit, aber auch da können diese technischen Maßnahmen, die ergriffen werden, dann wieder dem auftauenden Permafrost zum Opfer fallen.

Es wäre tatsächlich die einzige Möglichkeit, nachhaltig mit diesem Problem umzugehen, industrielle Abfallstoffe langfristig wieder aus der Arktis abzutrans¬portieren, um sie dann einem Recycling oder einer vernünftigen Entsorgung zuzuführen. Ich sehe allerdings nicht, dass das in naher Zukunft passieren wird.

ERZÄHLERIN

Der Abtransport ist schlicht zu teuer. Vorerst bleibt nur, alle Industrieabfälle sorgfältig zu dokumentieren und zu lagern.

Bei Siedlungsabfällen hingegen gibt es schon Überlegungen, die Situation zu verbessern, weil der Boden unter den Deponien auftauen kann. Zudem entsteht das Treibhausgas Methan, wenn Abfälle verrotten. Manchmal geraten sie auch unkontrolliert in Brand, dann können Schadstoffe bis hin zu Dioxinen entstehen.

(15 ZUSP.) MORITZ LANGER

Es gibt tatsächlich auch schon erste Anstrengung, Müllverbrennungsanlagen zu installieren, vor allem in den größeren Siedlungen, auf Grönland ist man da zum Beispiel auch dabei, eben aufgrund eines erhöhten Umweltbewusstseins. Aber die Praxis ist sehr neu und auch tatsächlich noch nicht überall verbreitet.

ERZÄHLERIN

Moderne Müllverbrennungs-Anlagen emittieren weniger Schadstoffe als eine Deponie, sie reduzieren die Menge des Mülls auf ein Minimum – und was übrig bleibt kann nicht mehr chemisch reagieren. Ganz nebenbei lässt sich aus dem Müll auch noch Energie erzeugen – bislang sind die Orte in der Arktis meist auf Diesel angewiesen.

MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:08)

ERZÄHLERIN

Altes Quecksilber, undichte Deponien und ausgelaufene Dieseltanks verursachen erstmal nur lokale Umweltprobleme – aber langfristig können alle Schadstoffe, die in der Arktis in die Umwelt gelangen, über Flüsse und das Meer bis weit in den Süden kommen – nicht zuletzt mit Fisch aus dem arktischen Ozean direkt auf unseren Teller. Doch solche Schadstoffquellen gibt es – glücklicherweise – nur auf einer insgesamt kleinen Fläche der gesamten Arktis. Ganz anders sieht es aus mit den natürlichen Inhaltsstoffen des Permafrosts, die zu einem gewaltigen globalen Problem werden, erklärt Guido Große vom Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung.

(16 ZUSP.) GUIDO GROßE

Wenn man eine Handvoll Permafrost-Boden an die Nase halten würde, das würde fast wie Kompost riechen, und da weiß man, da ist sehr viel Kohlenstoff drin. Die organische Substanz im Permafrost sind hauptsächlich alte Pflanzen- und Tierreste.

ERZÄHLERIN

Wie im Komposthaufen machen sich Mikroorganismen darüber her. Je mehr Permafrost auftaut, desto stärker können sie sich vermehren. Und wo der Boden nicht wieder komplett einfriert, sogar noch im Winter. Aus der organischen Substanz im Boden, genauer gesagt, aus dem Kohlenstoff, erzeugen sie: Treibhausgase. Kohlendioxid oder Methan. Je nachdem, ob der Boden trocken oder nass ist.

(17 ZUSP.) GUIDO GROßE

Durch das tiefere Auftauen kann es sein, dass das Wasser stärker abläuft aus der Auftauschicht, und damit wird der Boden trockener. In diesen trockener werdenden Böden wird hauptsächlich Kohlendioxid gebildet.

ERZÄHLERIN

Denn im trockenen Boden gibt es genug Sauerstoff. Wo das Wasser aber nicht abfließen kann, kommt keine Luft in den Boden, und der Sauerstoff ist schnell aufgebraucht.

(18 ZUSP.) GUIDO GROßE

Unter diesen Bedingungen existieren vor allem Methan produzierende Mikroben.

ERZÄHLERIN

Methan ist das zweitwichtigste Treibhausgas. Es wird geschätzt, dass durch auftauenden Permafrost insgesamt so viele Treibhausgase entstehen können wie in einer großen Industrienation. Bisher wird das aber in den Klima-Prognosen noch nicht berücksichtigt – und damit auch noch nicht in der internationalen Klimapolitik.

MUSIK: „BUGS“ – C143243#003 (0:34)

ERZÄHLERIN

Das ist umso beunruhigender, als das Auftauen des Permafrosts ja erst begonnen hat – aber so schnell nicht enden wird. Selbst wenn die Menschheit ab morgen keine Treibhausgase mehr produzieren würde, ginge die globale Erwärmung erstmal weiter – durch die Treibhausgase, wie wir in den letzten Jahrzehnten ausgestoßen haben.

Überall rund um den Nordpol wird die Tau-Saison also in den kommenden Jahrzehnten noch früher beginnen, die Auftauschicht im Sommer dadurch noch tiefer reichen. Und mancherorts friert der Boden im Winter nicht mal komplett wieder ein.

(19 ZUSP.) GUIDO GROßE

Es können sich ungefrorene Zonen entwickeln, zwischen dieser Auftauschicht, die jährlich gefriert und dem eigentlichen Permafrost, und das ist der Startschuss für ein breiteres Auftauen des Permafrost ist in diesen Regionen. In Westsibirien zum Beispiel oder in Teilen Alaskas und Kanadas ist der Permafrost mittlerweile verschwunden bzw. in große Tiefen abgetaucht.

ERZÄHLERIN

Und ungefrorener Boden heißt: Bakterien sind weiter aktiv, erzeugen Kohlendioxid und Methan. Das passiert vor allem in milden, schneereichen Wintern, und die werden wohl in Zukunft häufiger.

(20 ZUSP.) GUIDO GROßE

Weil wir weniger Meereis haben, auf dem Arktischen Ozean, kann die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen, das heißt, wir haben mehr Schnee auf Permafrost, und damit kann die Winterkälte weniger gut in den Permafrost-Boden eindringen und ihn runterkühlen.

ERZÄHLERIN

Denn die Schneedecke wirkt wie eine Isolations-Schicht. In der warmen Jahreszeit setzt der Regen dem Permafrost zu, sickert ein, transportiert Wärme in den Untergrund. Der Boden wird also immer instabiler, immer mehr Gebäude, Pipelines, Tanks und Deponien sind in Gefahr.

(21 ZUSP.) GUIDO GROßE

Es gibt ingenieurstechnisch Möglichkeiten, wie man den Untergrund unter Gebäuden oder einer Pipeline kühlen kann. Durch Kühlflüssigkeiten zum Beispiel, aber zum einen ist eine teure Methode, zum anderen ist es an vielen existierenden Infrastrukturen bisher nicht eingebaut.

ERZÄHLERIN

Wo der Boden gekühlt wird, sieht man dünne Rohre, die senkrecht aus dem Boden ragen. Im Winter wird die Kälte der Luft sozusagen auf Vorrat in den Boden transportiert. Im Sommer hilft eine Isolation, die Kälte im Boden zu halten, oder man muss die Rohre kühlen. Die Technik ist allerdings viel zu aufwändig, um ganze Orte oder Industrieanlagen zu sichern. Sie wird den vielen Indigenen nicht helfen, die oft in abgelegenen Dörfern in einfachen Häusern leben, nicht selten unter prekären Verhältnissen. Sie verlieren buchstäblich den Boden unter den Füßen, vor allem an den Küsten, wo das wärmere Meer an aufgetauten Stränden nagt. Für einige kleine Orte der Inuit gibt es bereits Umsiedlungs-Pläne. Damit bedroht der Klimawandel eine ganze Kultur – wie die bekannte kanadische Inuit-Aktivistin Sheila Watt-Cloutier schon seit Jahrzehnten mahnt.

(22 ZUSP.) SHEILA WATT-CLOUTIER

OVERVOICE WEIBLICH

Die Jagd ist Teil unseres kulturellen Erbes. Dabei geht es nicht um das Töten von Tieren. Es lehrt unsere Jugend, Stress auszuhalten, nicht impulsiv zu sein, sondern nachzudenken, im richtigen Moment geduldig oder mutig zu sein. Letztlich geht es um ein sicheres Urteilsvermögen. Das sind Fähigkeiten, die unsere Jugend auch in der für uns so rasant modernisierten Welt braucht. Und das Essen zu teilen ist eine so wundervolle Art, Familien- und Gemeinschaftssinn weiterzugeben. Unser Volk ist sehr eng verbunden mit seiner Jahrtausende alten Lebensweise.

It’s part of our cultural heritage to be hunters. And its not about going out and the killing of animals it is our training ground for young people. How to withstand stress, how not to be impulsive, to be reflective, how to be patient and couragious at the right times, and ultimately it’s the sound judgement we are after, these are transferable skills for our young people in this new world of modernization that has hit us so very quickly. And the sharing of the food is a wounderful way in which the sense of family and community carry on. We are a people that remains still very closely connected to the way of life that we had for millennia.

ERZÄHLERIN

Auch die junge Jakutin Lena Popova (Betonung auf dem zweiten O) kennt diese kulturelle und spirituelle Bindung an ihre Heimat.

(23 ZUSP.) ELENA POPOVA

OVERVOICE WEIBLICH

Die Verbindung ist praktisch, durch Tierhaltung, Jagd, Sammeln in der Natur. Aber der spirituelle Aspekt ist noch wichtiger, glaube ich. Das ist schwer in Worte zu fassen, eine unsichtbare Verbindung mit dem Land und den Ahnen. Ich habe das Gefühl, dass ich in der Stadt diese Verbindung verliere, wenn ich nicht in die Natur komme, und ich versuche, zu meinem „Alas“ zu gehen. Das ist eine Thermokarst-Senke, die durch Tauen und Gefrieren entsteht, mit einem See und Wald. Jede Familie hat zwei, drei „Alasse“, wir fühlen uns verbunden mit ihnen, und wenn sie verschwinden, ist das sehr traurig. Aber selbst wenn wir den Permafrost verlieren, und trotz der engen Verbindung glaube ich nicht, dass wir unsere 5000 Jahre alte Kultur verlieren. Denn wir tragen sie in uns.

This relationship is both physical and spiritual, and physical is manifested in our everyday life like traditional husbandry, hunting, gathering, how we interact with nature, and the spiritual is I think its more important and I can’t explain it in words, it’s like invisible connection you have with your land with your ancestors, for instance personally me, when I live in the city I feel that I am loosing that connection if I don’t go to nature, so I try to go to my alas, alas is a land form which is formed by melting and freezing of permafrost a few times, with a lake and surrounded by forest, each family has two or three of this kind of alasses, and we are interelated, if it degrades it’s very sad. Even assuming that we loose permafrost, I don’t think we will loose our culture, despite our very close connection, we preserved our culture for 5000 years and maybe more, so culture is a manifestation of what we have inside, I think.

MUSIK: „MIST“ – C143243#004 (1:03)

ERZÄHLERIN

Das Auftauen des Permafrosts ist eine Zäsur für die Menschen in der Arktis – und für einen Abschnitt der Erdgeschichte, der vor mehreren Zehntausend Jahren begann, mit dem Ende der letzten Eiszeit.

(24 ZUSP.) GUIDO GROßE

Auf dem jetzigen Kurs, auf dem wir uns befinden, werden wir wahrscheinlich bis zu 75 Prozent der Permafrostregion verlieren bis zum Ende des Jahrhunderts, und der Permafrost wird auftauen in den obersten drei Metern. Das ist natürlich ein ganz bedeutsamer Prozess, der alles in diesen Regionen beeinflusst.

ERZÄHLERIN

Und das wird den Klimawandel noch weiter beschleunigen. Es besteht keine Aussicht, dass sich in absehbarer Zeit wieder neuer Permafrost entwickeln kann.

MUSIK AUF ENDE

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