Das Arcanto Quartett spielt Haydns Streichquartett h-Moll op. 64 Nr. 2

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Musikalische Freundschaft statt Ehe zu viert

Eine Ehe zu viert, in der man jeden Tag stundenlang zusammen probt und jahrelang feilt, bis ein gemeinsamer Klang entsteht: das ist die eine, vielleicht etwas mystifizierte Streichquartett-Wahrheit. Viele Ensembles konzentrieren ihr Musikerleben tatsächlich vollkommen aufs Quartett-Spiel. Ganz anders das Arcanto Quartett: 2004 fanden die vier international gefragten, befreundeten Solist*innen zusammen; die Lust am gemeinsamen Musizieren und am Erkunden des großartigen Streichquartett-Repertoires war ihr Antrieb. Und allen war klar, dass das Quartettspiel bei aller Liebe nur einen Teil ihres Lebens füllen würde: Antje Weithaas, Geigerin mit Professur in Berlin und weltweiten solistischen Auftritten mit und ohne Orchester; Daniel Sepec, der sich selbstironisch „Hybrid-Geiger“ nennt, weil er sowohl auf der Barockgeige zu Hause ist als auch auf der modernen Geige, mit der er als Konzertmeister die Deutsche Kammerphilharmonie anführt, Professor in Basel, später in Lübeck; die Bratscherin Tabea Zimmermann, eine der Großen auf ihrem Instrument, vielfach preisgekrönt und ebenfalls mit Professur in Berlin; Jean-Guihen Queyras, mit dem Cello auf der Welt unterwegs, kammermusikalisch, solistisch und als Professor in Freiburg lehrend.

Ein kurzes, aber intensives Ensembleglück

Klar, dass sich alle vier die Zeit für Quartett-Proben und Konzerte aus den Rippen schneiden mussten, weil ihre Terminkalender übervoll sind. Und schade, dass der Traum vom Quartettspiel dann aus Termingründen nur ein paar kurze Jahre währte. Alle, die ein Konzert dieses Ausnahme-Quartetts hören durften, schwärmen bis heute von der musikalischen Starkstrom-Energie, von der Spielfreude und der gestalterischen Intelligenz, von dem seltenen Glück, in dem sich musikalische Natürlichkeit, Risikofreude, Tiefe, Leichtigkeit und Perfektion wie selbstverständlich begegnen. Zu den Stärken des Arcanto Quartett gehört auch, dass sich die vier Musiker alle intensiv mit historischer Musikpraxis auseinandersetzen. Denn gerade die Quartette der Klassik profitieren davon, wenn Ensembles Erfahrung mit historischen Instrumenten und ihrer Spielweise haben und mit den zugehörigen Quellen vertraut sind. All das spürt und hört man in Haydns h-Moll-Quartett op. 64 Nr. 2, unserem Musikstück der Woche.

Haydn + Moll = toll!

Joseph Haydn hat das Quartett 1790 komponiert und ein Jahr später im Druck veröffentlicht – wie üblich als Teil einer Sammlung von sechs Werken. Sie sind dem Geiger Johann Tost gewidmet, der Geiger in der Hofkapelle von Esterháza war und damit Haydns direkter Kollege. Die erste Geige spielt in diesem Quartett eine Sonderrolle, es ist fast ein verkapptes Violinkonzert und lässt erahnen, wie brillant Johann Tost sein Instrument beherrscht haben muss. Wenn Haydn Moll-Tonarten wählt – was er selten tut, dieses Quartett ist in der Sechser-Serie das einzige in Moll –, dann schreibt er besonders tiefgründige und ausdrucksstarke Musik. Auch dieses Quartett lebt von der Intensität des Schmerzes, der ja nirgendwo schöner ist als in der Musik: Haydn kostet die harmonischen Spannungen und Chromatik mit großer Dramatik aus. Aber er findet bei aller Ernsthaftigkeit auch Gelegenheiten, Überraschungen und Witze einzubauen: etwa, wenn im 1. Satz statt der erwarteten Schlusswendung ein schalkhaftes Pizzicato aufploppt, wenn Themen in der Reprise statt in gut erkennbarer Originalgestalt in fast unkenntlicher Verkleidung auftauchen, wenn im Menuett und im Finale exotisch-ungarisch anmutende Klänge die Landschaft durchwirbeln oder asymmetrische Phrasen das Ohr schwanken lassen. Am Ende ist alle h-Moll-Melancholie weggefegt und die Welt erstrahlt in leuchtendem H-Dur.

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