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Zu Bethlehem geboren

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Einst ein frivoles französisches Chanson

Es ist kaum zu glauben: noch im 16. Jahrhundert hat diese Melodie zu einem frivolen französischen Chanson gehört; "Une petite feste" ist der Titel. Es geht darin um zwei junge Menschen, die vor einem wilden Wolf fliehen – das ist allerdings nur eine notdürftige Tarnung für ein kleines erotisches Techtelmechtel. Ein Jahrhundert später durchdringt eine ganz andere Art von Liebe die dazugehörigen Melodie: jetzt wird zärtlich das Christkind in der Krippe besungen. In früheren Jahrhunderten ist es völlig üblich und keineswegs anrüchig, dass populäre, auch schon mal erotische weltliche Lieder zu geistlichen Gesängen mutieren. Auf diese Weise möchte auch ein Friedrich Spee deren, wie er es formuliert, "Pestilentzisch Gifft" entschärfen. Es ist nämlich eben dieser deutsche Jesuitenpater Friedrich Spee, der den neuen Text zur alten Melodie beigesteuert hat: "Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein". Erstmals erscheint dieses Lied 1637, anonym, im Geistlichen Psälterlein in Köln. Nebenbei bemerkt: Köln ist die deutsche Partnerstadt von Bethlehem. Es ist durchaus möglich, dass Friedrich Spee sich ein älteres Weihnachtslied als Vorbild für seine Strophen ausgeguckt hat. Zu dieser Melodie wurde nämlich damals auch ein anderes Lied gesungen:"Nun wiegen wir das Kindlein".

Wiegenlied oder Weihnachtslied?

Vielleicht verbinden Sie mit dieser Musik ja auch eher dieses Wiegenlied als ein Weihnachtslied. Das hat mit der abenteuerlichen Geschichte dieser Melodie zu tun. Sie legt einen Zickzackweg zurück: zuerst ist da das frivole Chanson aus Frankreich, dann gibt‘s die Verwandlung in gleich zwei verschiedene Weihnachtslied-Varianten, und nochmal 200 Jahre später, im 19. Jahrhundert, wird dann wieder ein weltliches Lied draus: in leichter Abänderung übernimmt Anton Wilhelm von Zuccalmaglio die Melodie von "Zu Bethlehem geboren" für sein eigenes Wiegenlied: "Die Blümelein sie schlafen". Der Volksliedforscher Zuccalmaglio steckt allerdings nicht selten herbe Kritik ein für solche selbstgetexteten Fundstücke in seinen Volksliedsammlungen. Man wirft ihm Text- und Melodieverfälschungen vor: er präsentiere Machwerke, kein echtes Volksgut. Immerhin: ein Johannes Brahms nimmt Zuccalmaglio in Schutz, er lobt den romantischen Gehalt von dessen Werken.

Textdichter Friedrich Spee - Jesuitenpater zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Spee ist der Textdichter von "Zu Bethlehem geboren". Er ist zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs Jesuitenpater, Professor für Philosophie, Domprediger – und er ist vor allem eines: Seelsorger. Hier setzt er sich mitfühlend und mutig für Frauen ein, die als Hexen gebrandmarkt werden, kritisiert öffentlich die Hexenprozesse und ihre grausamen Foltermethoden, pflegt pestkranke Soldaten und steckt sich dabei selbst an. Neben all seiner Arbeit findet er noch Zeit zum Dichten.  Spees Weihnachtslied ist eine zärtliche Liebeserklärung an den neugeborenen Gottessohn. Und was wäre auch angemessener zum Fest der Liebe? Dieses Ich möchte dem Christkind sein Herz schenken "und alles was ich hab", sich uneingeschränkt hingeben an den Heiland - in Freuden und in Schmerzen. Das Kind in der Krippe rührt an die edelsten Gefühle der Gläubigen. Und genau darum geht es Friedrich Spee, dem mitfühlenden und liebevollen Menschenfreund. In seinem Güldenen Tugend-Buch legt er unter den drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung den größten Wert auf die Liebe. Viele Jahre später schreibt der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm von Leibniz über Spees Güldenes Tugend-Buch :
"Wunderbar ergriffen wurde ich, so oft ich seine Ausführung über die Natur und Wirksamkeit der göttlichen Liebe las. Ich weiß nicht, ob je ein Schriftsteller, der für das Volk geschrieben, diese so wichtige Materie nach ihrem Wert behandelt hat mit Ausnahme dieses einen Autors."
Und Leibniz ist es auch, der Friedrich Spee dem Vergessen entreißt, noch vor den Romantikern. Denn in der Zeit der Romantik wird Spee in großem Stil wiederentdeckt, fortan gilt er als bedeutendster katholischer Dichter des deutschen Barock. Spee hat sich nicht nur als Lyriker, Schriftsteller oder Moraltheologe einen guten Namen gemacht, sondern auch als Kirchenlieddichter. Längst haben seine Texte auch Einzug in die Gesangsbücher gehalten. Auch "Zu Bethlehem geboren". Während der Weihnachtszeit wird dieses Lied sowohl von evangelischen als auch von katholischen Christen gesungen.
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Einst ein frivoles französisches Chanson

Es ist kaum zu glauben: noch im 16. Jahrhundert hat diese Melodie zu einem frivolen französischen Chanson gehört; "Une petite feste" ist der Titel. Es geht darin um zwei junge Menschen, die vor einem wilden Wolf fliehen – das ist allerdings nur eine notdürftige Tarnung für ein kleines erotisches Techtelmechtel. Ein Jahrhundert später durchdringt eine ganz andere Art von Liebe die dazugehörigen Melodie: jetzt wird zärtlich das Christkind in der Krippe besungen. In früheren Jahrhunderten ist es völlig üblich und keineswegs anrüchig, dass populäre, auch schon mal erotische weltliche Lieder zu geistlichen Gesängen mutieren. Auf diese Weise möchte auch ein Friedrich Spee deren, wie er es formuliert, "Pestilentzisch Gifft" entschärfen. Es ist nämlich eben dieser deutsche Jesuitenpater Friedrich Spee, der den neuen Text zur alten Melodie beigesteuert hat: "Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein". Erstmals erscheint dieses Lied 1637, anonym, im Geistlichen Psälterlein in Köln. Nebenbei bemerkt: Köln ist die deutsche Partnerstadt von Bethlehem. Es ist durchaus möglich, dass Friedrich Spee sich ein älteres Weihnachtslied als Vorbild für seine Strophen ausgeguckt hat. Zu dieser Melodie wurde nämlich damals auch ein anderes Lied gesungen:"Nun wiegen wir das Kindlein".

Wiegenlied oder Weihnachtslied?

Vielleicht verbinden Sie mit dieser Musik ja auch eher dieses Wiegenlied als ein Weihnachtslied. Das hat mit der abenteuerlichen Geschichte dieser Melodie zu tun. Sie legt einen Zickzackweg zurück: zuerst ist da das frivole Chanson aus Frankreich, dann gibt‘s die Verwandlung in gleich zwei verschiedene Weihnachtslied-Varianten, und nochmal 200 Jahre später, im 19. Jahrhundert, wird dann wieder ein weltliches Lied draus: in leichter Abänderung übernimmt Anton Wilhelm von Zuccalmaglio die Melodie von "Zu Bethlehem geboren" für sein eigenes Wiegenlied: "Die Blümelein sie schlafen". Der Volksliedforscher Zuccalmaglio steckt allerdings nicht selten herbe Kritik ein für solche selbstgetexteten Fundstücke in seinen Volksliedsammlungen. Man wirft ihm Text- und Melodieverfälschungen vor: er präsentiere Machwerke, kein echtes Volksgut. Immerhin: ein Johannes Brahms nimmt Zuccalmaglio in Schutz, er lobt den romantischen Gehalt von dessen Werken.

Textdichter Friedrich Spee - Jesuitenpater zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Spee ist der Textdichter von "Zu Bethlehem geboren". Er ist zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs Jesuitenpater, Professor für Philosophie, Domprediger – und er ist vor allem eines: Seelsorger. Hier setzt er sich mitfühlend und mutig für Frauen ein, die als Hexen gebrandmarkt werden, kritisiert öffentlich die Hexenprozesse und ihre grausamen Foltermethoden, pflegt pestkranke Soldaten und steckt sich dabei selbst an. Neben all seiner Arbeit findet er noch Zeit zum Dichten.  Spees Weihnachtslied ist eine zärtliche Liebeserklärung an den neugeborenen Gottessohn. Und was wäre auch angemessener zum Fest der Liebe? Dieses Ich möchte dem Christkind sein Herz schenken "und alles was ich hab", sich uneingeschränkt hingeben an den Heiland - in Freuden und in Schmerzen. Das Kind in der Krippe rührt an die edelsten Gefühle der Gläubigen. Und genau darum geht es Friedrich Spee, dem mitfühlenden und liebevollen Menschenfreund. In seinem Güldenen Tugend-Buch legt er unter den drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung den größten Wert auf die Liebe. Viele Jahre später schreibt der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm von Leibniz über Spees Güldenes Tugend-Buch :
"Wunderbar ergriffen wurde ich, so oft ich seine Ausführung über die Natur und Wirksamkeit der göttlichen Liebe las. Ich weiß nicht, ob je ein Schriftsteller, der für das Volk geschrieben, diese so wichtige Materie nach ihrem Wert behandelt hat mit Ausnahme dieses einen Autors."
Und Leibniz ist es auch, der Friedrich Spee dem Vergessen entreißt, noch vor den Romantikern. Denn in der Zeit der Romantik wird Spee in großem Stil wiederentdeckt, fortan gilt er als bedeutendster katholischer Dichter des deutschen Barock. Spee hat sich nicht nur als Lyriker, Schriftsteller oder Moraltheologe einen guten Namen gemacht, sondern auch als Kirchenlieddichter. Längst haben seine Texte auch Einzug in die Gesangsbücher gehalten. Auch "Zu Bethlehem geboren". Während der Weihnachtszeit wird dieses Lied sowohl von evangelischen als auch von katholischen Christen gesungen.
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