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Kling, Glöckchen, klingelingeling

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"Bring euch viele Gaben!"

Ein gutes Stichwort, um das Brauchtum des weihnachtlichen Schenkens unter die Lupe zu nehmen. "Der teuerste Gegenstand ist ein Geschenk", sagt Balthasar Gracián in seinem "Handorakel" von 1653. Ein bitterer Satz. Mit dem "teuersten Gegenstand" meint Gracián nämlich nicht das Geschenk, das man selbst wählt und überreicht, sondern dasjenige, das man geschenkt bekommen hat. Geschenke bleiben bekanntlich selten allein, sie provozieren meistens Gegengeschenke. Geschenk Nr. 1 ist womöglich der Auslöser einer Kettenreaktion von Erwartungshaltungen und Erfüllungs-Versuchen – im schlechtesten Fall schafft das dann eine Verbindlichkeit, die auf anderem Weg nicht zustande gekommen wäre. Die Geschichte des Schenkens "Do ut des" nennen das die alten Römer – "Ich gebe, damit Du gibst". Und ganz ohne Scham gestehen sie, dass darin die Antriebskraft für ihre rituellen Opferkulte liegt: Wer Jupiter oder Dionysos mit einem üppigen Ziegenbock aufwartet, darf umgekehrt mit der Gunst der Götter rechnen: mit gutem Wetter zum Beispiel oder einer reichen Ernte. Wofür der Mensch dann beim nächsten Tempelbesuch entsprechend dankt und weiteropfert. Schenken kann etwas Wunderbares sein – wenn es freiwillig geschieht und keine Kette von Verpflichtungen und Dankbarkeitsbeweisen nach sich zieht. Die frühesten Weihnachtsgeschenke fallen eher unter die Kategorie "Verpflichtung". Jedenfalls sind es keine Herzensgeschenke, sondern sie entstehen aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus: im Mittelalter ist es üblich, dass Knechte und Mägde von ihrem Dienstherren zu Weihnachten spezielle Naturalien bekommen: ein paar Schuhe, eine Schürze, Hemd und Hose oder Stoff für ein Kleid, außerdem einen Weihnachtstaler. Noch in den Gesinde-Ordnungen des 19. Jahrhundert sind diese Schenkverpflichtungen genau geregelt. Im Gegenzug erwartet man vom Dienstpersonal, dass es das Jahr über gut und gewissenhaft arbeitet und sich der Herrschaft gegenüber loyal verhält. Geschenke für alle Auch für die Armen und Alten gibt es zu Weihnachten Geschenke: Eine Woche vor Heilig Abend läuten nachmittags um drei die Kirchenglocken – das sogenannte "Christkindl-Einläuten". Es erinnert die Wohlhabenden daran, etwas aus ihrer Vorratskammer abzugeben, damit wirklich alle an Weihnachten genug zu Essen und zu Trinken haben. Davon abgesehen machen sich die Erwachsenen untereinander keine Geschenke. Nur die Kinder bekommen etwas zu Weihnachten – und zwar Kleinigkeiten wie Äpfel, Nüsse, einen Lebkuchen, ein Kleidungsstück oder ein kleines Spielzeug. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es in den Städten dafür Weihnachtsmärkte: den Nürnberger Christkindlesmarkt, den Dresdner Striezelmarkt oder – am ältesten von allen, wahrscheinlich seit 1310 – den Münchner Christkindlmarkt. Nikolaus oder Christkind? Ansonsten ist der Nikolaus für die Geschenke zuständig – und der bringt sie bekanntlich am Nikolaustag, fast drei Wochen vor Weihnachten. Das ändert sich erst mit der Reformation. Luther überträgt die Geschenk-Verteilung dem "heiligen Christ". In der Volksfantasie wird daraus schon bald das "Christkind" – eine engelsgleiche Figur mit langen Locken und angeklebten Flügeln. Im Lauf der Jahrhunderte gehört dann die Bescherung der Kinder selbstverständlich zum Weihnachtsfest: "Bescherung" heißt soviel wie Zuteilung; Zuteilung der Geschenke. Und die bestehen vor allem aus Spielsachen. Im 19. Jahrhundert entsteht dafür eine regelrechte Spielzeug-Industrie: im Thüringer Wald, im Erzgebirge, in Oberbayern wird Spielzeug in Serie gefertigt.

Weihnachtsgeschenk - auch ein Spiegel des sozialen Status

Ein ganzer Katalog von Spielsachen ist in dem Lied "Morgen kommt der Weihnachtsmann" aufgelistet. Der ursprüngliche Text stammt von Heinrich Hoffmann von Fallersleben aus der Zeit um 1835. Weil da aber für die Jungen fast ausschließlich Kriegsspielzeug unterm Baum liegt, hat sich später eine friedlichere Variante durchgesetzt. Seit dem 19. Jahrhundert sind Weihnachtsgeschenke auch ein Spiegel des sozialen Status – dessen, der gibt, und dessen, der bekommt. Luxuriöses und Exquisites ist durchaus erwünscht. Weihnachten ist das Fest, in dem die bürgerliche Kleinfamilie sich selbst und ihre wirtschaftliche Stärke mit großer Geste feiern darf. Und allmählich wird es auch üblich, dass sich die Erwachsenen gegenseitig mit Geschenken erfreuen.

Die Geschenke bereiten die Kinder auf ihre späteren Rollen vor

Bei den Geschenken für die Kinder wird jetzt ganz klar zwischen den Geschlechtern unterschieden: für Jungen gibt’s alles, was die Tapferkeit und Durchsetzungskraft befördert: Mädchengeschenke bereiten auf die spätere Rolle als Hausfrau und Mutter vor: Puppen und Puppenbettchen, Spiegel, Kamm und Bürste. Das bürgerliche Wohnzimmer verwandelt sich nach der Bescherung in ein Wirrwarr von zerknülltem Geschenkpapier, Spielsachen, Schachteln und bunten Bändern. Von wem die Geschenke stammen, verraten die Eltern nicht. Man weicht aus auf das "Christkind" oder den "Weihnachtsmann". Die Kinder haben also keine konkrete Person, der sie für den neuen Bauernhof, die Puppe oder das Pantertier danken können. Wobei ein Danke sagen sicher vielen lieber gewesen wäre, als die stille Erwartung, die jetzt für das ganze nächste Jahr über ihnen liegt – und die da heißt "artig sein bis zum nächsten Weihnachtsfest". Auch dann wird wieder zur Bescherung geklingelt. Ob Christkind oder Weihnachtsmann: Wunschzettel kann man an beide schicken. "Kling, Glöckchen, Klingelingeling" Der Frankfurter Lehrer Karl Enslin ist der Textdichter dieses Liedes, er hat es um 1850 geschrieben; und dabei offengelassen, wer hier genau mit dem Geschenkkorb vor der Tür steht: Christkind oder Weihnachtsmann. Das ist sicher ein Grund dafür, warum das Lied in allen Regionen Deutschlands populär wurde – im Christkind-Gebiet, das seit dem 20. Jahrhundert eher in Süddeutschland liegt, oder in den überwiegend mittel- und norddeutschen Weihnachtsmann-Regionen. Es gibt dafür sogar entsprechende Postämter, die die weihnachtliche Kinderpost bearbeiten: In Himmelpfort, Himmelsthür, Engelskirchen und Nikolausdorf. Die Orte gibt es wirklich, und sie haben alle eine gültige Postleitzahl. Ob sich die Wünsche erfüllen, die auf diesen Wunschzetteln notiert sind, ist natürlich nicht garantiert. Der Einzelhandel hofft es jedenfalls – das Weihnachtsgeschäft bringt den größten Umsatz: 2011 waren es 78 Milliarden Euro! Gekauft und verschenkt wurden vor allem Uhren und Schmuck, Tablet-Computer und Smartphones. Außerdem natürlich Spielsachen; bevorzugt multimediale. Jeder Deutsche gab durchschnittlich 213 Euro für seine Weihnachtsgeschenke aus. Obwohl viele Menschen eine Kleinigkeit, die von Herzen kommt, viel mehr schätzen, als das teuerste Luxusgeschenk – Weihnachten ist längst zum Konsumfest geworden, und man muss aufpassen, dass die ursprüngliche Botschaft dabei nicht verloren geht – denn die hat ja überhaupt nichts mit Materiellem zu tun!
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Ein gutes Stichwort, um das Brauchtum des weihnachtlichen Schenkens unter die Lupe zu nehmen. "Der teuerste Gegenstand ist ein Geschenk", sagt Balthasar Gracián in seinem "Handorakel" von 1653. Ein bitterer Satz. Mit dem "teuersten Gegenstand" meint Gracián nämlich nicht das Geschenk, das man selbst wählt und überreicht, sondern dasjenige, das man geschenkt bekommen hat. Geschenke bleiben bekanntlich selten allein, sie provozieren meistens Gegengeschenke. Geschenk Nr. 1 ist womöglich der Auslöser einer Kettenreaktion von Erwartungshaltungen und Erfüllungs-Versuchen – im schlechtesten Fall schafft das dann eine Verbindlichkeit, die auf anderem Weg nicht zustande gekommen wäre. Die Geschichte des Schenkens "Do ut des" nennen das die alten Römer – "Ich gebe, damit Du gibst". Und ganz ohne Scham gestehen sie, dass darin die Antriebskraft für ihre rituellen Opferkulte liegt: Wer Jupiter oder Dionysos mit einem üppigen Ziegenbock aufwartet, darf umgekehrt mit der Gunst der Götter rechnen: mit gutem Wetter zum Beispiel oder einer reichen Ernte. Wofür der Mensch dann beim nächsten Tempelbesuch entsprechend dankt und weiteropfert. Schenken kann etwas Wunderbares sein – wenn es freiwillig geschieht und keine Kette von Verpflichtungen und Dankbarkeitsbeweisen nach sich zieht. Die frühesten Weihnachtsgeschenke fallen eher unter die Kategorie "Verpflichtung". Jedenfalls sind es keine Herzensgeschenke, sondern sie entstehen aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus: im Mittelalter ist es üblich, dass Knechte und Mägde von ihrem Dienstherren zu Weihnachten spezielle Naturalien bekommen: ein paar Schuhe, eine Schürze, Hemd und Hose oder Stoff für ein Kleid, außerdem einen Weihnachtstaler. Noch in den Gesinde-Ordnungen des 19. Jahrhundert sind diese Schenkverpflichtungen genau geregelt. Im Gegenzug erwartet man vom Dienstpersonal, dass es das Jahr über gut und gewissenhaft arbeitet und sich der Herrschaft gegenüber loyal verhält. Geschenke für alle Auch für die Armen und Alten gibt es zu Weihnachten Geschenke: Eine Woche vor Heilig Abend läuten nachmittags um drei die Kirchenglocken – das sogenannte "Christkindl-Einläuten". Es erinnert die Wohlhabenden daran, etwas aus ihrer Vorratskammer abzugeben, damit wirklich alle an Weihnachten genug zu Essen und zu Trinken haben. Davon abgesehen machen sich die Erwachsenen untereinander keine Geschenke. Nur die Kinder bekommen etwas zu Weihnachten – und zwar Kleinigkeiten wie Äpfel, Nüsse, einen Lebkuchen, ein Kleidungsstück oder ein kleines Spielzeug. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es in den Städten dafür Weihnachtsmärkte: den Nürnberger Christkindlesmarkt, den Dresdner Striezelmarkt oder – am ältesten von allen, wahrscheinlich seit 1310 – den Münchner Christkindlmarkt. Nikolaus oder Christkind? Ansonsten ist der Nikolaus für die Geschenke zuständig – und der bringt sie bekanntlich am Nikolaustag, fast drei Wochen vor Weihnachten. Das ändert sich erst mit der Reformation. Luther überträgt die Geschenk-Verteilung dem "heiligen Christ". In der Volksfantasie wird daraus schon bald das "Christkind" – eine engelsgleiche Figur mit langen Locken und angeklebten Flügeln. Im Lauf der Jahrhunderte gehört dann die Bescherung der Kinder selbstverständlich zum Weihnachtsfest: "Bescherung" heißt soviel wie Zuteilung; Zuteilung der Geschenke. Und die bestehen vor allem aus Spielsachen. Im 19. Jahrhundert entsteht dafür eine regelrechte Spielzeug-Industrie: im Thüringer Wald, im Erzgebirge, in Oberbayern wird Spielzeug in Serie gefertigt.

Weihnachtsgeschenk - auch ein Spiegel des sozialen Status

Ein ganzer Katalog von Spielsachen ist in dem Lied "Morgen kommt der Weihnachtsmann" aufgelistet. Der ursprüngliche Text stammt von Heinrich Hoffmann von Fallersleben aus der Zeit um 1835. Weil da aber für die Jungen fast ausschließlich Kriegsspielzeug unterm Baum liegt, hat sich später eine friedlichere Variante durchgesetzt. Seit dem 19. Jahrhundert sind Weihnachtsgeschenke auch ein Spiegel des sozialen Status – dessen, der gibt, und dessen, der bekommt. Luxuriöses und Exquisites ist durchaus erwünscht. Weihnachten ist das Fest, in dem die bürgerliche Kleinfamilie sich selbst und ihre wirtschaftliche Stärke mit großer Geste feiern darf. Und allmählich wird es auch üblich, dass sich die Erwachsenen gegenseitig mit Geschenken erfreuen.

Die Geschenke bereiten die Kinder auf ihre späteren Rollen vor

Bei den Geschenken für die Kinder wird jetzt ganz klar zwischen den Geschlechtern unterschieden: für Jungen gibt’s alles, was die Tapferkeit und Durchsetzungskraft befördert: Mädchengeschenke bereiten auf die spätere Rolle als Hausfrau und Mutter vor: Puppen und Puppenbettchen, Spiegel, Kamm und Bürste. Das bürgerliche Wohnzimmer verwandelt sich nach der Bescherung in ein Wirrwarr von zerknülltem Geschenkpapier, Spielsachen, Schachteln und bunten Bändern. Von wem die Geschenke stammen, verraten die Eltern nicht. Man weicht aus auf das "Christkind" oder den "Weihnachtsmann". Die Kinder haben also keine konkrete Person, der sie für den neuen Bauernhof, die Puppe oder das Pantertier danken können. Wobei ein Danke sagen sicher vielen lieber gewesen wäre, als die stille Erwartung, die jetzt für das ganze nächste Jahr über ihnen liegt – und die da heißt "artig sein bis zum nächsten Weihnachtsfest". Auch dann wird wieder zur Bescherung geklingelt. Ob Christkind oder Weihnachtsmann: Wunschzettel kann man an beide schicken. "Kling, Glöckchen, Klingelingeling" Der Frankfurter Lehrer Karl Enslin ist der Textdichter dieses Liedes, er hat es um 1850 geschrieben; und dabei offengelassen, wer hier genau mit dem Geschenkkorb vor der Tür steht: Christkind oder Weihnachtsmann. Das ist sicher ein Grund dafür, warum das Lied in allen Regionen Deutschlands populär wurde – im Christkind-Gebiet, das seit dem 20. Jahrhundert eher in Süddeutschland liegt, oder in den überwiegend mittel- und norddeutschen Weihnachtsmann-Regionen. Es gibt dafür sogar entsprechende Postämter, die die weihnachtliche Kinderpost bearbeiten: In Himmelpfort, Himmelsthür, Engelskirchen und Nikolausdorf. Die Orte gibt es wirklich, und sie haben alle eine gültige Postleitzahl. Ob sich die Wünsche erfüllen, die auf diesen Wunschzetteln notiert sind, ist natürlich nicht garantiert. Der Einzelhandel hofft es jedenfalls – das Weihnachtsgeschäft bringt den größten Umsatz: 2011 waren es 78 Milliarden Euro! Gekauft und verschenkt wurden vor allem Uhren und Schmuck, Tablet-Computer und Smartphones. Außerdem natürlich Spielsachen; bevorzugt multimediale. Jeder Deutsche gab durchschnittlich 213 Euro für seine Weihnachtsgeschenke aus. Obwohl viele Menschen eine Kleinigkeit, die von Herzen kommt, viel mehr schätzen, als das teuerste Luxusgeschenk – Weihnachten ist längst zum Konsumfest geworden, und man muss aufpassen, dass die ursprüngliche Botschaft dabei nicht verloren geht – denn die hat ja überhaupt nichts mit Materiellem zu tun!
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