Garant für Glücksmomente

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Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 5/2021

Obwohl Baseball in Deutschland eher eine unbekannte Sportart ist, hat Blindenbaseball mich sofort in seinen Bann geschlagen. Vor allem loszurennen, wenn es heißt „Play Ball!“ und der von mir geschlagene Klingelball der verteidigenden Mannschaft zufliegt, ist ein befreiendes Gefühl. Ich spiele nun schon etwas mehr als vier Jahre für die Bavarian Bats, dem blinden Team der Freising Grizzlies. Unsere Spielerinnen und Spieler sind zwischen 25 und 45 Jahre alt. Frauen und Männer spielen in gemischten Teams. Da alle während des Spiels eine Augenbinde tragen, sind zwischen den blinden und sehbehinderten Spielern die Voraussetzungen angeglichen. Wir treffen uns normalerweise etwa jeden zweiten Sonntag und reisen dafür aus ganz Bayern nach Freising oder Regensburg. Im Winter trainieren wir einzelne Spielzüge in einer Halle. Aber das Training war wegen des Lockdowns im letzten Winter leider nicht möglich. Bevor ich mit Baseball angefangen habe, hatte ich mich schon in ein paar anderen Sportarten versucht. Aber die vielfältige Kombination aus Koordination und Bewegung und auch der Mannschaftsaspekt beim Baseball gefallen mir besonders.

Schnupper-Workshops für Neulinge Die Spielregeln klingen komplizierter, als sie es in Wirklichkeit sind. Das werden alle merken, wenn sie Baseball erst einmal ausprobieren. Bei meinem Verein bekommen Neugierige dazu auch Gelegenheit, da wir in Freising und Regensburg auch Schnupper-Workshops veranstalten. Ich versuche einmal, die Spielregeln ein wenig zu erläutern: Ein Team besteht aus fünf Spielern, die mit Augenbinde spielen, und einem sehenden Fänger. Wenn ich nun als Teil der angreifenden Mannschaft den Ball weit genug mit dem Baseballschläger aus meiner anderen Hand geschlagen habe, versucht die verteidigende, also die gegnerische Mannschaft, ihn zu fangen und zu ihrem sehenden Fänger zu werfen. Währenddessen renne ich um die erste piepende Base. Dann versuche ich, die rettende zweite Base zu erreichen, bevor der Klingelball den sehenden Fänger der verteidigenden Mannschaft erreicht. Denn nur, wenn ich die zweite Base berührt habe, bevor der Fänger den Ball gefangen hat, bleibe ich im Spiel. Eine Base ist eine Station auf dem Teil des Spielfeldes, den der Läufer umrunden muss. An der zweiten und dritten Base steht jeweils ein Trainer, der mit Klappern die Position der Base und meine Entfernung dazu zeigt. Ebenso geht es dann, während mein Mitspieler einen Ball schlägt und selbst zur zweiten Base läuft, für mich zur dritten. Einen Punkt für das Team gibt es aber erst dann, wenn man es geschafft hat, ohne dauerndes akustisches Signal von der dritten Base nach Hause, also wieder zum Startpunkt zu laufen. Einige Meter blind einfach nur geradeaus zu laufen, ist manchmal schwieriger, als man sich das vorstellt. Nach einem Inning (Spielabschnitt) tauschen die angreifenden und verteidigenden Mannschaften ihre Positionen. In der Verteidigung kommt es nicht mehr auf gezieltes Schlagen des Balles und schnelles Laufen an, sondern das Gehör ist entscheidend, da man den Ball, den die angreifende Mannschaft geschlagen hat, genau orten, fangen und aufnehmen muss. Und das auch, wenn der Ball liegengeblieben ist und kein Geräusch mehr von sich gibt.

Geringes Verletzungsrisiko Der größte Unterschied zum Baseball für Sehende besteht darin, dass der Schlagmann oder die Schlagfrau den Ball mit einem Baseballschläger aus der eigenen Hand schlägt und nicht einen ihm zugeworfenen Ball treffen muss. Beim Baseball besteht nur ein geringes Verletzungspotenzial. Das Spielfeld und die Regeln sind so gestaltet, dass Kollisionen weitgehend ausgeschlossen sind und das Verletzungsrisiko vermindert wird. Als mich mein Freundeskreis überredet hat, doch einmal in Blindenbaseball reinzuschnuppern, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es mir so viel Spaß machen würde, dass ich bereit bin, eine beinahe zweieinhalbstündige Anreise dafür in Kauf zu nehmen. Ich wohne nämlich in Nürnberg und trainiere in Freising. Aber der Zusammenhalt des Teams und das gemeinsame Sport-Treiben an der frischen Luft sind ein Garant für Glücksmomente. Und wenn es einmal im Training nicht so läuft und ich den Baseballschläger am liebsten von mir werfen würde, gibt es immer einen Mitspieler oder Coach, der Tipps auf Lager hat und mich aufmuntert. Nicht zu vergessen sind natürlich die interessanten Begegnungen mit den Spielern anderer Länder. Beispielsweise waren die Bats 2018 in Kuba, wo Baseball allgemein und auch Blindenbaseball viel beliebter sind als hierzulande. In Italien gibt es sogar eine Blindenbaseball-Liga.

Hoffnung auf Turniere 2022 2020 hätte zum zehnten Mal der Mole Cup, ein internationales Turnier blinder Baseballer und Baseballerinnen, in Freising stattfinden sollen. Aber Corona hat nicht nur die Trainingsmöglichkeiten eingeschränkt, sondern auch die Spiele verhindert oder aufgeschoben. Gern hätten wir gegen Mannschaften aus Italien, Frankreich, England, Kuba, Pakistan oder den USA gespielt. Wir hoffen, dass das 2022 wieder möglich sein wird. Momentan sind die Bavarian Bats das einzige Blindenbaseball-Team in Deutschland. Ein zweites Team in Regensburg befindet sich im Aufbau. Auch Kontakte nach Stuttgart und Berlin wurden schon geknüpft. Ich würde mich natürlich über mehr Teams in Deutschland freuen, um öfter zu spielen. Aber momentan freue ich mich einfach nur auf die Außensaison, wenn wir das Training wieder aufnehmen können und es heißt: „Play Ball!“

Gabi Eichenseer (33) lebt in Nürnberg.

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