Warum unser System sehr viele ins Auto zwingt: Eine Episode über das sexistische, ableistische, rassistische Verkehrssystem

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Diese Folge habe ich mal alleine gestaltet. Auslöser war dieser Tweet von mir:

Willkommen! Mein Name ist Katja, ich wende den Verkehr. Das ist hochpolitisch, weil ich nicht nur auf Technik schaue, sondern auch auf das ableistische, rassistische, sexistische und patriarchale Verkehrssystem. Bleibst du nach diesem Post? Und: Wer bist du?

Nicht ganz unerwartet, sorgte diese Aussage für viel Wirbel – entweder, weil Menschen so gar nicht oder mit einer der Aussagen etwas anfangen konnten – oder weil sie sich belustigten, was die grünversiffte Katja da nun schon wieder fabuliert. Daher habe ich mich 35 Minuten vor mein Mikro gesetzt und mir die Zeit genommen, zu erläutern, was ich mit dieser Aussage meine. Daher steckt meine Befürchtung, dass wir sehr viel mehr als nur das Mobilitätsangebot verändern müssen, um Menschen von ihren Autos zu befreien.

Stelle den Menschen in deiner Umgebung, die Auto fahren, mal die Frage:

Muss du oder willst du Auto fahren?

Viele werden den Kopf erstaunt auf die Seite legen, manche die Frage gar nicht auf Anhieb verstehen, einige werden sagen: „Krass! Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber es stimmt. Ich MUSS Auto fahren, weil

  • mir Alternativen fehlen
  • ich mich im öffentlichen Raum nicht sicher fühle
  • mir zu viele Hindernisse im Weg stehen
  • meine Bedürfnisse in der Mobilität nicht berücksichtigt werden.“

Daher – und das ist ein Markenkern von „She Drives Mobility“, braucht es eine bestimmte Grundhaltung um Verkehrswende zu machen. Es braucht vor allem die Anerkennung, nicht alles zu wissen – schon gar nicht über die Mobilitätsbedürfnisse aller Menschen, die „anders“ sind als ich.

„Ich bin Katja. Ich wende den Verkehr. Ich bin in den siebziger Jahren geboren und in einem sexistischem, rassistischem, ableistischem und patriarchalem System groß geworden. Ich versuche mich und das Verkehrssystem weniger ableistisch, weniger sexistisch, weniger rassistisch und weniger patriarchal zu gestalten.“

Ableistisch bedeutet, dass Menschen mit Behinderung ihre Mobilität nicht frei gestalten können.

Sexistisch bedeutet, dass bestimmte Personengruppen aus bestimmten Gründen Auto fahren und nicht, weil sie das toll finden. 90 Prozent aller Frauen haben bereits sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum, also auch in Verkehrsmitteln erlebt.

Bei rassistisch müssen wir lediglich bestimmte Überfälle an Bahnhöfen oder in Bussen betrachten, um zu begreifen.

Patriarchal ist das System, aus dem wir kommen. Dieses zeigt sich auch in der Verkehrsplanung, dem Bau von Autos, dem Nicht-Berücksichtigen der Bedürfnisse an weiblicher Mobilität, die immer mehr hoffentlich auch männliche Mobilität wird, weil Carework gerecht aufgeteilt wird.

Damit ist klar: Nicht die Technik bringt die Verkehrswende voran, sondern der Faktor Mensch.
Warum gehen Menschen in das Auto?
Vor dem Auto waren Städte gleichberechtigt. Durch die Geschwindigkeit und dem Gewicht des Autos sind Städte in ein Ungleichgewicht gekommen. Es wird keine Mobilitätswende geben,wenn wir die Bedarfe der Menschen nicht endlich sehen, die momentan noch in unseren blinden Flecken liegen. Die Städte in denen Mobilität bereits funktioniert, kommen über das Mindset. Es braucht eine innere Grundhaltung und einen neuen gesellschaftlichen Vertrag. Es muss darum gehen, allen Menschen eine gute Zukunft zu gewährleisten, allen Menschen zuzusichern, dass man gut und sicher und ökologisch attraktiv unterwegs sein kann, ohne viel Komfort einbüßen zu müssen.
Raul Krauthausen sagt zu Recht: „Wenn wir die heutige Stadt smart machen, also digitalisieren, dann bleibt diese Stadt dumm.“ Denn die heutige Stadt ist nicht darauf ausgerichtet, alle Bedürfnisse zu decken. Die heutige Stadt ist darauf ausgerichtet, dass wir möglichst schnell mit dem Auto durch sie durchfahren. Die heutige Stadt ist umgebaut worden nach dem ersten und zweiten Weltkrieg – in der aufkommenden Blütezeit des Automobils. Und das hat viel dazu beigetragen, dass Städte außerhalb der Funktion, die sie mal hatten, zu einem Transitort wurden in dem man sich gar nicht aufhalten möchte und das möglichst schnell und ohne Probleme im Auto sitzend.

Corona hat vielen Leuten gezeigt, wenn sie viel zu Hause sind wie furchtbar, wie laut und verschmutzt die Stadt eigentlich geworden ist, mit wenig Aufenthaltsqualität vor der eigenen Haustüre. Für eine autobefreite Zukunft brauchen wir nicht mehr Autostraßen, sondern Radstraßen und gute Gehwege. Hier müssen wir investieren – denn diese Wege, die du baust, ernten diesen Verkehr.

Natürlich sind wir im Pandemiezeitalter angekommen, weil wir Lebensgrundlagen verändern, Räume verkleinern und Tier und Mensch immer näher zusammenkommen. Vor Covid hat der durchschnittliche deutsche Mensch 400m zu Fuß zurückgelegt. Das bedeutet: Automobilität ist eine ‚Mobilität, die krank macht‘. Nicht nur für die Menschen außerhalb des Autos, die sowohl Abgase einatmen als auch Lärm und Stress ertragen müssen, sondern auch durch das Nichtbewegen beim Fahren. Selbst Menschen, die den ÖPNV nutzen, sind aktiver, da diese wenigstens zu den Haltestellen gehen.

Gendertrend: Lange Zeit wurde der weibliche Körper für Autos nicht berücksichtigt. Das menschliche Maß war oft das männliche Maß. Was ist das Sicherheitsbedürfnis von unterschiedlichen Menschen? Was ist der Anspruch an Mobilität von unterschiedlichen Menschen.

Dem aktuellen sexistischen, ableistischen, rassistischen und patriarchalem System können wir nur mit Diversität begegnen. Denn Antriebswende ist keine Verkehrswende. Wir müssen den Autobestand deutlich reduzieren! Es nützt uns nichts, wenn wir 49 Millionen PKW elektrifizieren. Es geht immer um die Kombination: Treibstoff, Emission, Lärm und Platzbedarf. Ein durchschnittliches deutsches Auto bewegt sich maximal 3% am Tag mit einer Person darin. Das ist absolut ineffizienter Platzbedarf. Ein einzelner PKW benötigt 100m² pro PKW. Das PKW hat i.d.R. zwei bis drei Parkplätze (Arbeit, Zuhause, Einkaufen) und exklusive Wege. Beim Bus sind wir bereits bei 20m², das Fahrrad bei 12m², die Bahn 7m²und der Fußgänger 2m². Wenn das Auto mit vier Menschen besetzt wäre, hätten wir nur noch ein Viertel des heutigen Autoverkehrs. Momentan bewegen sich laut ‚Studie Mobilität in Deutschland‘ nur maximal 10% der Autos gleichzeitig. Obwohl wir so oft im Stau stehen oder beim Stop & Go.

Was ist gut fürs Klima: laufen, Rad nutzen, dann der Bus, Tram, Zug und erst dann kommt das Auto, da wir Emission und Platzbedarf betrachten. Wir müssen an den Narrativen arbeiten. Verkehr ist nicht gleich Auto. Mobilität ist nicht gleich Auto. Es ist der Wunsch einen Weg zurückzulegen.

Die erste Regel der Verkehrswende ist: Wege nicht zurückzulegen.

Von 1990 bis 2019 hat der Verkehr -0,2% die Emission senken können. In der Landwirtschaft -24%, in der Industrie -34%, Haushalte -34%, die Energie -45%. Das Zielim Verkehr ist für 2030 ist -50% Emission zu erreichen. Während andere Länder schon aus dem Verbrenner aussteigen, versuchen wir immer noch Wasserstoff und synthetische Fuels bei privaten PKW zu etablieren. Der private PKW muss vollelektrisch werden. Da viele Autos mittlerweile auch gewerblich angemeldet sind würde ein Umstellen der Dienstwagenflotten auf 100% E-Mobilität massiv die Emissionen reduzieren. Warum gibt es hier noch keine klimapositiven Restriktionen? Das enge Band der Autolobby zu unserer Mobilität muss endlich zerschnitten und der Blick für klima- und menschenfreundliche Mobilität geweitet werden.

1890 gab es ein feministisches Verkehrsmittel: das Fahrrad. Es war nicht schicklich, dass Frauen Fahrrad fahren, es gab spezielle Kleider damit es schicklich wurde. Man konnte selbstbestimmt unterwegs sein. Den Männern machte diese Selbstbestimmtheit Angst. Die Nazis riefen dann die Automobilisierung von Deutschland aus. Die war rein männlich und weiß und führte dann dazu, dass der Ernährer mit dem Familienauto zur Arbeit und zurück unterwegs war und die Frau multimodal alle Erledigungen zu Fuß, mit dem Nahverkehr gemacht hat. Beim Wiederaufbau und auch in den 60ern und 70ern lag die Fokussierung auf der ‚autogerechten Stadt‘.

Dies bedeutet:
Abkehr vom Menschen, Straßenplanung, Verkehrsplanungund kaum noch Stadtplanung. Die Stadt dient aktuell dem Verkehr und nicht den Menschen, die darin leben. Durch das Auto sind die Wege pro Tag zu früher nicht mehr geworden – jedoch die Strecken pro Weg. Denn Arbeit, Wohnung, Kultur, Erholung und viel mehr wurde auseinandergezogen. Auch gesunde Dörfer mit Nahversorgung, Tante-Emma-Läden usw. wurden durch das Auto kaputt gemacht. Es gab immer mehr Verödung durch Supermärkte, die sich auf der grünen Wiese niedergesetzt haben. Wir haben uns selbst vom Auto abhängig gemacht.

Wir müssen uns in der Verkehrswende für weniger Homogenität und mehr Diversität einsetzen. Mit dem Safespace Auto beginnt ein Teufelskreis. Es ist nicht auf Erlebnis und Begegnung ausgelegt,sondern nur auf ‚Ich, als einzelner Mensch lege einen Weg zurück‘ mit immer längeren Wegen und Verdrängung öffentlicher Räume. Bei der Verkehrswende geht es auch um die Wiederbelebung des Raums zwischen den Häusern.

Weibliche Mobilität muss mehr in den Fokus. Die Branche ist nicht durch Frauen geprägt, es fehlen weibliche Sichtweisen. Frauen fahren Auto, weil sie nicht sicher sind im öffentlichen Raum. Wem gehört die Stadt? Dem Parkenden, der irgendwoein Auto hinstellt oder der Person, die sich in der Stadt bewegt und dadurch dazu beiträgt, dass es sicherer wird? So wie bei den sexistischen Übergriffen ist es auch bei den rassistischen Taten. Menschen fahren nicht Auto, weil sie wollen, sondern müssen. Intersektionalität ist nur möglich,wenn der Raum zwischen den Häusern ein belebter Raum ist, die Community vor Ort aufeinander achtgibt und füreinander einsteht und Jede:r sich sicher fühlen kann.

Wir sind eine überalternde Gesellschaft. Viele heute Geborene werden über 100 Jahre alt. Sollen die alle Auto fahren müssen? Im zunehmenden Alter schwindende Reaktionsfähigkeit, mangelnde Konzentration bei eingenommenen Medikamenten und Erkrankungen sollten einen nicht mehr hinters Steuer zwingen. Doch die Menschen tun das, weil es sonst keine andere Möglichkeit der sozialen Teilhabe gibt. Ein Mensch im Rollstuhl oder mit Rollator kann sich auf dem Gehweg schlecht fortbewegen, da dieser zugeparkt oder zu eng beparkt ist. Ein Vorbeikommen auf der Breite eines Handtuchs ist unmöglich.

Nochmal: Sollen alle Auto fahren müssen? Oder wollen wir eine Gesellschaft bauen, die eine Möglichkeit eröffnet, anders unterwegs zu sein. Ich bin für Wahlfreiheit. Wer Auto fahren will, soll das tun. Allen anderen müssen Angebote unterbreitet werden, die soziale Teilhabe ermöglichen. Wenn eine Infrastruktur gesund ist, erkennt ihr das daran, dass Kinder auf Rädern oder zu Fuß unterwegs sind, dass ältere Menschen spazierengehen und Rollstuhlfahrer:innen auf den Gehwegen zu sehen sind. Wir haben das Geschenk, dass unsere Strukturen vor dem Auto da waren und gewachsen sind. Wenn wir das wiederbeleben, werden unsere Städte und Dörfer auch wieder gesund.

Alle Alternativen und Lösungen sind schon da. Wir müssen diese nur noch neu denken und zusammenfügen. Nachhaltige Community-Mobilität braucht kurze Wege, sichere Räume, inklusive Wahlfreiheitund Verlässlichkeit durch Digitalisierung in Richtung on-demand-Mobilität. Es macht total Sinn auf Minderheiten zu schauen,um der Mehrheit Mehrwerte zu generieren. Das ist Autokorrektur.

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