Silvia Federici: „Die Migrant*innen suchen den Reichtum, den wir ihnen gestohlen haben“

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Silvia Federici ist Aktivistin, feministisch-marxistische Autorin und Professorin. Im Jänner diesen Jahres war sie für eine Lesung über die “unvollendete feministische Revolution” in Wien. Die mosaik-Redakteur*innen Franziska Wallner, Paul Herbinger und Barbara Stefan haben Federici zum Interview getroffen und mit ihr über weibliche Ausbeutung im Kapitalismus, die Transformation von Arbeit sowie globale Widerstandsmomente gesprochen.

Das gesamte Gespräch gibt es hier nachzuhören:

Silvia Federici, als feministische Marxistin hast du einen beträchtlichen Teil deiner Arbeit der „Reproduktionsarbeit“ gewidmet. Was ist für dich der Unterschied zwischen „produktiver“ und „reproduktiver“ Arbeit und wie wurde das Thema so zentral in deinem Denken?

Federici: Das ganze Thema war in der feministischen Bewegung in den 1970er Jahren sehr wichtig. Die Frage war, welche spezifischen Formen von Ausbeutung Frauen erleben. Sehr bald konzentrierte sich die Analyse auf Familie, Sexualität und Hausarbeit – wobei ein Großteil der Arbeit, die Frauen zu Hause verrichten, gar nicht als Arbeit (an)erkannt war. Es wurde ein völlig neues Territorium der Ausbeutung entdeckt, das bis dahin vernachlässigt worden war.

Das Spezifische an der Ausbeutung von Frauen ist, dass sie zu dieser speziellen Art von Arbeit verdammt werden und diese Arbeit gleichzeitig so organisiert ist, dass sie unsichtbar, nicht anerkannt und unbezahlt ist.

Auf dieser unbezahlten Arbeit von Frauen wurde historisch eine ungeheure Menge an kapitalistischer Akkumulation aufgebaut. Der Kapitalismus hätte nicht so stark von der Ausbeutung der Arbeiter*innen profitiert, wenn er nicht so minimal für die Kosten der Reproduktion bezahlen hätte müssen. Er profitiert also von sehr viel mehr Arbeit als „nur“ von jener des offiziellen Arbeitstags.

Daher wurde die Frage nach Reproduktionsarbeit so wichtig. Wir verschoben den Fokus von der Fabrik auf das Zuhause und haben verstanden: Es gibt zwei Arten von Produktion im Kapitalismus, die Produktion von Waren und die Produktion von Arbeiter*innen. Wir können Kapitalismus und den Kampf dagegen nur dann verstehen, wenn wir beide Arten sehen.

Wie siehst du den Einfluss der globalen Wirtschaft auf Reproduktionsarbeit und Geschlechterverhältnisse – vor allem wenn man die Änderungen seit den 1970ern berücksichtigt? Welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus?

Es gab große Veränderungen. Die Basis hat die kapitalistische Expansion gelegt, die mit einem Krieg gegen die Reproduktion begann. Also massive Kürzungen im Sozialwesen und im Gesundheitsbereich, die Enteignung von Millionen Menschen von ihrem Land. Dann kam die Privatisierung durch die sogenannte „Strukturanpassung“. All diese makroökonomischen Entwicklungen, die mit dem Neoliberalismus verbunden sind, sind im Wesentlichen Angriffe auf die Reproduktion.

Das ist die Basis, auf der alles andere aufgebaut hat. Auf der einen Seite wurde Reproduktionsarbeit aus dem Zuhause heraus genommen und kommerzialisiert. Auf der anderen Seite machen migrantischen Frauen viel Hausarbeit. Dadurch werden sie aus dem sogenannten „globalen Süden“ vertrieben.

„Die bezahlte Hausarbeit existiert. Das heißt die Frage lautet nicht, ob wir jemanden anstellen oder nicht, sondern: Wie organisieren wir gemeinsam Kämpfe?“

Das sind die zwei großen Entwicklungen. Die Konsequenzen sind riesig, viele untersuchen wir noch und versuchen zu verstehen, was sie bedeuten. Die Tatsache, dass so viel Arbeit daheim heutzutage von migrantischen Frauen gemacht wird, hat die feministische Bewegung vor große Probleme gestellt. Es gibt keine Einigkeit darüber, wie man dieser Entwicklung begegnen soll. Viele Feministinnen beziehen sich darauf in einer sehr verkürzten Art und Weise, also: Wir können domestic workers nicht anstellen, weil wir dann Teil der Ausbeutung sind. Es gibt aber auch einen anderen Teil in der feministischen Bewegung, der sich politisch dazu verortet und zu dem ich mich auch zähle. Diese bezahlte Hausarbeit existiert, das heißt es geht nicht um die Frage, ob wir jemanden anstellen oder nicht, sondern: Wie organisieren wir gemeinsam Kämpfe?

Sind die denn erfolgreich?

In den letzten 15 bis 20 Jahre ist eine breite Bewegung von domestic workers entstanden. In den USA und auch in Asien sind sie riesig. Es war ein langer mühsamer Weg, aber mittlerweile gibt es multinationale Bewegungen aus Bangladesch, wo die Frauen extrem viel Expertise haben.

Aber ich möchte noch einmal zu den Veränderungen zurückkommen. Die dritte Veränderung, die sich vollzieht, ist die massive Zurücknahme von Staatsinvestition in die Reproduktion der Arbeitskräfte. Geförderte Kinderbetreuung, mobile Pflegedienste für ältere Menschen, Tageszentren für SeniorInnen – alles gekürzt. Gleichzeitig werden viele reproduktive Aktivitäten, die früher außerhalb gemacht wurden, nach Hause gedrängt, vor allem im medizinischen Bereich. Wir müssen für unsere Gesundheit immer mehr Verantwortung übernehmen. Diese Idee, dass wir uns an einen gütigen Staat wenden können, der sich um uns kümmert – vergiss es! Bleib lieber fit. Das ist Teil einer ganzen Ideologie, die wir verinnerlicht haben. Dass wir selbst für eine ganze Reihe an Dingen verantwortlich sind. Auch für unsere Gesundheit.

Beim Interview

Viele sagen ja, dass der technische Fortschritt und die Automatisierung das Potenzial hat, uns viel Arbeit abzunehmen – einschließlich reproduktiver Arbeit. Wie siehst du das?

Es ist ganz einfach: Ja, es gibt viele Dinge, die technologisiert werden können, aber es gibt auch viele Dinge, die nicht technologisiert werden können. Ich sehe zwei Probleme, über die nie gesprochen wird.

Da ist erstens die Produktion dieser Technologie. Die Produktion digitaler Technologie, aber auch anderer, frisst die Erde auf. Alle reden über die Eliminierung fossiler Brennstoffe – aber das ist nicht alles. Was ist mit der Produktion digitaler Technologie?

Und zweitens?

Und zweitens stellt sich die Frage, was es überhaupt bedeutet, die ganze Arbeit zu technologisieren? Okay, du bekommst ein Kind und dann? Dann hast du eine Maschine, um dein Kind zu waschen? Um auf es aufzupassen? Es gibt Studien, die zeigen, dass die Fürsorge für Kleinkinder und Babys den größten Teil der weltweiten Arbeit ausmacht. Und dann die Pflege von alten oder kranken Menschen. Ich habe meine Mutter gepflegt, als sie krank war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Maschine tun könnte, was ich und meine Schwester für unsere Mutter getan haben. Oder die meisten Frauen, wenn sie ein Kind bekommen. All die Zuneigung, der Austausch, die mentale und emotionale Entwicklung eines Kindes.

Ja, die Verhältnisse, in denen wir heutzutage Reproduktionsarbeit leisten, sind furchtbar – alleine, ohne Hilfe – aber ich stelle mir lieber eine Welt vor, in der nicht alles an Maschinen abgegeben wird.

In meinen Augen ist nicht Reproduktionsarbeit an sich unterdrückend. Sie wird unterdrückend, wenn sie unter kapitalistischen oder ausbeuterischen Verhältnissen passiert. Für mich geht es also auch um die Frage, Reproduktionsarbeit neu zu denken. Darüber schreibe ich auch in meinem Buch „Re-enchanting the world“ – den kollektiven Kampf um die Reproduktion wieder zu eröffnen.

Dieser Kampf hat für mich zwei Komponenten: Erstens die Wiederaneignung von Reichtum. Du kannst Reproduktionsarbeit nicht neu denken, wenn du nicht auch die Reproduktionsmittel wieder aneignest. Die zweite Komponente ist, den Kampf an sich kooperativer zu machen – also das Verhältnis der Menschen zueinander in der Reproduktionsarbeit. Das Prinzip der Commons ist nicht nur, den Reichtum zu teilen, sondern auch Verantwortung zu übernehmen, und zwar nicht nur für einen kleinen Kreis an Leuten, sondern für die Gemeinschaft.

Stichwort „Wiederaneignung von Reichtum“: Du identifizierst Migration als ein zentrales Symptom der „permanenten Krise der Reproduktion“, die im Kapitalismus gestärkt wird und zahllose Menschen in Elend und Isolation zurücklässt. Gleichzeitig schreibst du: „Migration ist sicherlich nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein Mittel, sich den gestohlenen Reichtum wieder anzueignen.“ Würdest du also sagen, dass Migration auch ein progressives Potenzial hat?

In gewisser Weise denke ich, dass der Krieg, der zur Zeit gegen migrantische ArbeiterInnen stattfindet, und zwar überall – also, es gibt eigentlich keinen „Grund“ für diesen Krieg! Kapitalismus will Migration. Überall sinkt die Geburtenrate, in den USA, in Europa. Sie wollen also MigrantInnen, aber sie wollen sie als SklavInnen, als völlig entbehrliche, „wegwerfbare“ Menschen. Dabei führen MigrantInnen die Kämpfe, die es gibt, seit zwei, drei Jahrzehnten an. In den USA waren sie es, die sich mobilisiert haben – zuletzt landesweit für die Erhöhung des Mindestlohns, welcher sehr niedrig war. Das war erfolgreich, vielerorts ist der Mindestlohn von durchschnittlich 7 auf 15 Dollar pro Stunde angehoben worden.

Und dann kommt dieser große Angriff auf MigrantInnen, der die Migration in eine verborgene, illegalisierte Form zwingt. Nichtsdestotrotz migrieren Menschen nicht nur aus einer absoluten Notwendigkeit, sondern auch aus einer Verweigerung der Armut. Sie suchen den Reichtum, der ihnen gestohlen wurde. Wir haben sie bestohlen und sie werden kommen, um ihn sich wieder anzueignen. So müssen wir meiner Meinung nach politisch über Migration sprechen.

Im Jahr 2019 sahen wir eine Unzahl von Protesten und Aufständen auf der ganzen Welt, etwa im Irak, Libanon, Algerien, Sudan, Frankreich, Hongkong, Ecuador… und wir wurden auch Zeuge von großangelegten feministischen Widerständen, die anscheinend den Globus überschwemmt haben. Sie singen: „El violador eres tu!“

Ah, das war fantastisch! In Richtung Staat: „Du bist der Vergewaltiger!“ Ich glaube, gerade in Lateinamerika gibt es eine sehr mächtige linke, feministische Bewegung. Sie ist über viele Jahrzehnte gewachsen und hat aus einer langen Geschichte gelernt, auch aus der Geschichte der Junta in Chile und Argentinien. Es ist das, was sie die Geschichte des „populären Feminismus“ nennen. Es ist ein Feminismus, der im Laufe der Jahre immer mit den Kämpfen der Menschen verbunden war. Er entwickelt immer mehr antikapitalistische und antikoloniale Perspektiven. Das macht ihn sehr kraftvoll.

In Argentinien ist die Frauenbewegung das Ergebnis der Schaffung von Netzwerken – und zwar von Frauen, die in unterschiedliche Kämpfe involviert sind. Da entstehen überall Räume, wo verschiedene Gruppen zusammen kommen und sich verbinden. Das steckt auch hinter den riesigen Demonstrationen, die wir gesehen haben.

Außerdem haben sich in den letzten Jahren in Argentinien immer mehr Frauen der feministischen Bewegung mit den indigenen Frauen, mit den Mapuche, verbunden. Und in Chile gibt es einen tiefgreifenden Austausch zwischen einem Teil der feministischen Bewegung und den Menschen in Amazonien, die gegen die Ölgesellschaften kämpfen. Es gibt eine andere Welt, die gerade geschaffen wird. Die Macht der Bewegung liegt darin, dass es eine Verbindung der Kräfte gibt.

Siehst du eine Verbindung zwischen den Aufständen 2019 auf der ganzen Welt – also beispielsweise zwischen Hong Kong und den Gelbwesten? Und – noch interessanter – siehst du eine Verbindung zwischen den feministischen Kämpfen?

Das ist die große Frage, die mir sehr am Herzen liegt. Ich habe mit verschiedenen Leuten in Hong Kong gesprochen, und das ist eine ganz andere Situation als in Argentinien. Dort geht mittlerweile die Gewerkschaft zu ihnen und fragt: „Wie können wir helfen, den 8. März zu organisieren?“ Vor zehn Jahren war das noch genau umgekehrt, aber jetzt ist es die Frauenbewegung, die den Kampf vorantreibt. Auch in Chile. In Hongkong ist das noch nicht der Fall, die Leute dort haben mir zum Beispiel gesagt, dass es immer noch viel Machismus gibt. Gleichzeitig sind die Frauen überall präsent und machen einen Großteil der Organisationsarbeit.

Ich denke also, dass die Präsenz der Frauen im Kampf überall auf der Welt wächst. Ich sehe einen Zusammenhang, jeder Ort hat seine eigene lokale Sache, aber es gibt etwas Internationales. Die Art der Einschränkung des Lebens der Menschen, die Art der Verarmung, die Art der Überwachung, die Militarisierung des Lebens. Das ist jetzt universell. Und ich glaube, es gibt eine Bruchstelle. Es gibt wirklich einen Punkt, an dem die Menschen es nicht mehr aushalten… und das ist ein globales Phänomen. Es gibt winzig kleine Spalten, in denen es scheint, als wäre die Welt lebenswert. Aber sie sind winzig und man muss die Augen fast komplett verschließen um nicht zu sehen, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Zuletzt erschien von Federici im Mandelbaum-Verlag „Die Welt wieder verzaubern. Feminismus, Marxismus & Commons”

Übersetzung und Bearbeitung: Franziska Wallner

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