Notfallpsychiatrie - mit Dr. Heribert Kirchner * Psychiatrie

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Versorgung von psychiatrischen Notfällen in interdisziplinären Notfallambulanzen: ist das die Zukunft?

Psychiatrischer Notfall

Herzlich Willkommen zu einem neuen Podcast von Klinisch Relevant! Heute sprechen wir mit Dr. Heribert Kirchner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, über psychiatrische Notfälle. Wir haben für euch nachgefragt, was ein psychiatrischer Notfall überhaupt ist, welche Patienten am häufigsten betroffen sind und was man unter dem Begriff Medical Clearance versteht.

Wie definiert man den psychiatrischen Notfall?

Ein psychiatrischer Notfall liegt vor, wenn ein akutes Auftreten oder die Exazerbation einer bestehenden psychiatrischen Störung zu einer unmittelbaren Gefährdung der Gesundheit und des Lebens des Betroffenen bzw. seiner Mitmenschen führt. Daraus resultiert die Notwendigkeit einer unmittelbaren Diagnostik und Einleitung einer Therapie.

Wo ist es am wahrscheinlichsten, auf einen psychiatrischen Notfall zu treffen?

Der psychiatrische Notfall ist meistens nicht in der psychiatrischen Abteilung bzw. Klinik vorzufinden, sondern eher im Bereich der Notfallversorgung im präklinischen Setting, in den Notaufnahmen oder in der Hausarztpraxis.

Was sind häufige Krankheitsbilder, die zu einem psychiatrischen Notfall führen können?

Die häufigen Krankheitsbilder, die zu einem psychiatrischen Notfall führen sind vor allem:

  • Intoxikationen: Alkoholintoxikation, Mischintoxikation
  • Suizidalität
  • Erregungszustand, bedingt durch eine psychische Störung bzw. Erkrankung

Der psychiatrische Notfall scheint in den letzten zehn Jahren zugenommen zu haben. Allerdings ist zurzeit noch nicht klar, ob es sich tatsächlich um Fälle handelt, die definitionsgemäß die Kriterien eines psychiatrischen Notfalls erfüllen. In ersten Untersuchungen scheint es Hinweise dafür zu geben, dass Patienten, analog zur häufig beschriebenen Situation in internistischen Notaufnahmen, vermehrt mit nicht dringlichen Zustandsbildern vorstellig werden.

Epidemiologie

  • Durchschnittliches Alter der Patienten: 40 Jahre
  • Geschlechterverteilung: Keine großen Unterschiede.
  • Unterschiede gibt es hinsichtlich der Diagnosen und der Häufigkeit der Wiedervorstellung (high utilizer): • Intoxikation: Männer > Frauen • Häufige Wiedervorstellung: Männer > Frauen. Fast ausschließlich Männer mit bestimmten Diagnosen wie Persönlichkeitsstörungen oder alkoholassoziierten Notfallvorstellungen.
  • Häufigkeit der Diagnosen hängt vom Alter ab (Datenlage aktuell noch sehr dünn): • Bei jüngeren Patienten liegt der Anteil der Frauen um ca. 20 – 25 % höher. • Patienten > 60 J. haben ein anderes Diagnosespektrum. Die Patienten haben vor allem Hirnorganische Diagnosen wie z.B. ein Delir bzw. eine Demenz. • Bei den jüngeren Patienten liegt, außer im Fall der Suizidalität, meist kein klassischer psychiatrischer Notfall vor, sondern eine Lebensveränderungskrise, mit der sie vorstellig werden.

Welche Faktoren spielen in der Versorgungsstruktur in Deutschland eine Rolle?

  • Es gibt verschiedene Faktoren, die für den Trend der zunehmenden Vorstellungen in den allgemeinen Notaufnahmen ursächlich sein können.
  • Pull (institutionelle Angebote) - und Push (gesellschaftliche Veränderungen) -Faktoren: • Notaufnahme steht 24/7 zur Verfügung und bietet viele Möglichkeiten zur Diagnostik und wird daher vermehrt als erste Anlaufstelle genutzt • Hohe Akzeptanz der Notaufnahmen bei den jüngeren Generationen • Gesellschaftliche Änderungen: Mehrgenerationenhaus vs. Single-Haushalte. Patienten mit Lebensveränderungskrisen (Auszug aus dem Elternhaus, Berufsstart usw.) wurden früher durch ein größeres soziales Gefüge (Mehrgenerationenhaus, Großfamilie) aufgefangen. In den letzten 40-50 Jahren hat sich dies deutlich verändert. Dadurch wird vermehrt institutionelle Hilfe in Anspruch genommen.

Wie grenzt man den psychiatrischen Notfall von der psychosozialen Krise ab?

  • Die Lebensveränderungskrise (z.B. Ablösung vom Elternhaus, Eintritt in das Berufsleben) entsteht, wenn jemand das Gefühl hat, mit den gelernten sozialen Fertigkeiten die Krise bzw. die Situation nicht bewältigen zu können. Die Patienten haben Anpassungsstörungen mit einem depressiven Syndrom und/oder haben Angst.
  • Traumatische Krisen sind z.B. die Erfahrung körperlicher Gewalt oder ein Verkehrsunfall mit Toten. Es handelt sich um Situationen, die über das normale Maß einer Lebensveränderungskrise hinaus gehen. Aus dieser traumatischen Krise können posttraumatische Belastungsstörungen entstehen. Meist resultiert daraus die akute Belastungsreaktion.

Medical Clearance

Der Begriff Medical Clearance beschreibt, dass im Notfall der Patient mit psychiatrischen Symptomen solange als nicht-psychiatrisch geführt wird, bis eine organische Ursache mittels Basisdiagnostik ausgeschlossen wurde. Klassischerweise gehört zum Begriff Medical Clearance im Kontext der Psychiatrie die Erhebung des psychopathologischen Befundes, die Verhaltensbeobachtung, Laborbasisdiagnostik, EKG, körperliche Untersuchung und die Erhebung des neurologischen Status. Sollte die Basisdiagnostik nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen, kann die apparative Diagnostik (z.B. kranielle Bildgebung) hinzugezogen werden.

Was sind die wichtigsten bzw. häufigsten psychiatrischen Notfälle?

  • Suizidalität: Versuch, Planung
  • Hochgradige Erregungszustand im Rahmen einer psychischen Erkrankung
  • Schwere Intoxikation: Schnittstelle zwischen der somatischen und psychiatrischen Versorgung
  • Delir
  • Alkoholentzugsdelir
  • Aggressivität und Gewalttätigkeit im Rahmen von psychischen Erkrankungen

Der psychiatrische Notfall offenbart beispielsweise bei einem Patienten, der aufgrund eines suizidalen Syndroms in Behandlung ist, dass die Suizidalität sich als Akutphase einer psychiatrischen Erkrankung (z.B. Depression) äußert. Daher ist wichtig daran zu denken, dass unter einem Notfall-Syndrom häufig nur die Akutphase einer psychiatrischen Erkrankung liegt.

Wie häufig sind psychiatrische Notfälle?

  • Es wird geschätzt, dass Notärzte jährlich 500.000-mal allein aufgrund eines psychiatrischen Notfalls ausrücken müssen. Diese stellen die dritt- oder vierthäufigste Indikation für einen Notarzteinsatz dar.
  • In der Notaufnahme werden jährlich schätzungsweise 1,5 Millionen psychiatrische Notfälle, bei insgesamt ca. 20 Millionen Fällen in den Notaufnahmen, behandelt.
  • Die psychiatrischen Notfälle machen 5 – 10 % aller Behandlungen aus.

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