Belgiens deutschsprachige Minderheit: am Rand und doch mittendrin

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Die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe ist nur sehr klein und lebt ganz im Osten Belgiens in einem schmalen Landstreifen. Politisch ist sie aber mittendrin, wenn Flamen und Wallonen über mehr Föderalismus in Belgien streiten. Geschickt hat sie für sich das Beste aus dieser Lage herausgeholt. Nur rund 80'000 Personen zählt die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Das ist weniger als 1% der Gesamtbevölkerung. Nach dem ersten Weltkrieg kam das kleine Gebiet im Osten des Landes gegen den Willen seiner Bevölkerung zu Belgien und lange begegnete die Mehrheit der Belgier der deutschen Minderheit mit Misstrauen. Heute aber hat die deutschsprachige Gemeinschaft ihren Platz in Belgien gefunden, ist zum Stabilitätsfaktor und zum Pionier geworden. Anna Stuers ist die weltweit einzige Sekretärin einer ständigen Bürgerversammlung. Einmalig ist dies, weil das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft das bisher erste und einzige Parlament der Welt ist, das sich per Gesetz eine beratenden Bürgerversammlung an die Seite gestellt hat. Maximal 50 Bürgerinnen und Bürger, per Los ausgewählt, bilden diese. Ihre Aufgabe ist es, das Parlament in bestimmten Sachfragen zu beraten. Die Empfehlungen muss das Parlament in seiner Arbeit berücksichtigen. Über die schwierige Geschichte der deutschsprachigen Belgier vom ersten Weltkrieg bis heute weiss Oswald Schröder Bescheid. Er ist Chefredaktor der Zeitung «Grenzecho», der heute einzigen deutschsprachigen Tageszeitung Belgiens. Als das deutschsprachige Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg zu Belgien stiess, wünschte sich eine Mehrheit der Bevölkerung die rasche «Heimkehr ins Reich». Nicht wenige Menschen schwenkten Hakenkreuz-Fahnen als Hitlers Truppen 1940 Belgien eroberten. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war entsprechend kompliziert. Weite Teile der Bevölkerung standen unter General-Verdacht, Kollaborateure gewesen zu sein. Sie waren Gefangene der eigenen Geschichte. Wegen des Sprachenstreits zwischen dem nördlichen Flandern und dem frankophonen Wallonien in Süden fand die deutschsprachige Bevölkerung dann aber einen Weg, sich mit Belgien zu versöhnen. Das Land wurde Schritt für Schritt von einem Zentralstaat in einen föderalen Bundesstaat umgebaut. Jedes Mal profitierte die deutschsprachige Gemeinschaft, erhielt mehr politische Kompetenzen. Jetzt reist Oliver Paasch, der Ministerpräsident der deutschsprachigen Gemeinschaft wöchentlich nach Brüssel und sitzt mit den Regierungschefs der anderen Landesteile am Tisch. Anders als in Flandern hegt in Ostbelgien niemand separatistische Gefühle und bei der nächsten Verfassungsrevision hofft der Landesteil vollauf gleichgestellt zu werden mit Flandern, Wallonien und der Hauptstadtregion Brüssel.

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