Wenn Gott meinen Namen ruft

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Wenn jemand meinen Namen ruft, das macht was mit mir. Was? – Das kommt ganz auf den Tonfall an.

Da gibt es diesen „schön, dass du da bist“-Tonfall. Den hatte meine Mutter immer drauf, wenn ich zu Besuch kam, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war [Uuuuwe]. Dann gibt es da diesen „Ich-will-was-von-dir“-Tonfall, mit dem die Kollegen durch den Flur rufen [UwE]. Wohl zu unterscheiden von dem „Ich-brauche-deine-Hilfe“-Tonfall [Uuwe]. Dann gibt es den „Was-hast-du-ausgefressen"-Tonfall [UWE!]. Und es gibt den lauten „Wo-bist-du“-Ruf, der durchs ganze Haus geht [UUWEE]. Der Ton macht die Musik.

„Aaadaaam, Wo bist du“- Das erste Mal, das in der Bibel erwähnt wird, dass Gott zum Menschen spricht. Das war dieser „Wo-bist-du“-Ruf, vielleicht schon kombiniert mit dem „Was-hast-du-getan“-Tonfall. In den lauen Abendstunden geht Gott durch den Garten Eden und ruft den Menschen, weil er ihn nicht mehr finden kann. „Adam, wo bist du?“ Indem Gott so ruft, nimmt er Adam – und uns – als Mensch, als Personen, ernst. Er erachtet ihn – und uns – für würdig, Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst. Sogar für seine ganze Schöpfung.

Dass Adam sich vor Gott versteckt, dokumentiert den Erkenntnisgewinn, den ihm der Sündenfall gebracht hatte: Er hatte nämlich plötzlich gemerkt, dass der nackt war. Gott und der Umwelt schutzlos ausgeliefert. Er hatte gemerkt, dass er mit dem heiligen, gerechten Gott keine Gemeinschaft mehr haben konnte. Die Angst vor Gott saß ihm nun im Nacken. Wenn Sie sich vorstellen, dass Gott Ihren Namen ruft – was ist Ihre erste Reaktion?

Adams Reaktion ist uns heute fremd geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es Gottes Aufgabe ist, gnädig zu sein, zu vergeben, der „liebe Gott“ zu sein. Wenn Gott den Menschen in der Bibel nahekommt, ist die Reaktion oft zuerst: Erschrecken! Ich sündiger Mensch passe doch nicht zu diesem heiligen Gott! Vielleicht können wir hier sogar von Adam noch was lernen.

Szenenwechsel: Der Prophet Jesaja hat eine Vision von der Zukunft – konkret der Zukunft seines Volkes Israel. Wieder ruft Gott die Menschen, die sich von ihm abgewandt haben, beim Namen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“, heißt es in Jes 43,1.

Ein ganz anderer Tonfall! Weil die Menschen damals aber noch wussten: Wenn Gott beim Namen ruft, dann ruft er zu Verantwortung, dann muss man sich stellen. Deswegen ruft Gott zuerst „Fürchte dich nicht“! Dieser Satz steht ungefähr 70 mal in der Bibel. Ganz oft von Gott oder Engeln gesagt. Mal eher in dem Sinn „Fürchte dich nicht vor deinen Feinden, ich bin bei dir!“ – mal eher „Fürchte dich nicht – vor mir“. Der Engel Gabriel zu Maria – „Fürchte dich nicht!“ - nicht vor mir, vor der Nähe oder Gegenwart Gottes, in der ich lebe, Maria. Gott ist dir gut!

„Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen“, sagt Jesaja zum Volk Israel. Stopp! Ein kleiner Satz fehlt: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. du bist mein!“

Was löst es in mir aus, wenn Gott meinen Namen ruft? Erschrecken – „So weit bin ich noch nicht!“? Schlechtes Gewissen – „Ooh, ertappt!“? Oder einfach nur Freude? – Letzteres geht nur, wenn ich erlöst bin, wenn ich nicht mehr „Adam“ bin. Wenn Jesus mich erlöst, befreit, geheilt, reingewaschen hat. Aber: Genau dadurch, dass Jesus meinen Namen auf der Liste hat und dem Vater weitersagt, und der Vater mich beim Namen ruft, bin ich ja erlöst.

Versuchen Sie mal, sich den Tonfall vorzustellen, in dem der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn den Namen seines Sohnes gerufen hat, als der er ihn am Horizont erkannte. Und dann stellen Sie sich vor, dass Gott so Ihren Namen ruft. Und horchen Sie doch heute mal, ob Sie Gott nicht rufen hören!

Autor: Uwe Bertelmann


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