Die Sonne geht auf

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Freude leuchtet immer dann im Leben besonders hell auf, wenn sie vor einem dunklen Hintergrund erscheint. Sie gleicht den Sonnenstrahlen, die hinter einer dunklen Gewitterwolke hervorbrechen: „Ich freue mich und bin fröhlich in dir und lobe deinen Namen, du Allerhöchster.“ Genauso bricht die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine übersprudelnd aus dem Herzen unseres Psalmbeters heraus (Psalm 9,3). Sie strahlt vor dem Dunkel des nächsten Verses so hell auf: „Dass meine Feinde zurückweichen mussten; sie sind gestürzt und umgekommen vor dir.“ Deshalb hat die Lutherbibel den neunten Psalm überschrieben: „Danklied für Rettung aus Bedrängnis“.

Von Bedrängnissen könnte ich viele Lieder singen: bedrückende, düstere, traurige: von einer zerbrochenen Freundschaft, von einer unheilbaren Krankheit, von einem Scheitern im Beruf. Oder manche könnten ein Lied von ihren Sorgen über die steigende Schuldenlast singen, über die bedrückende Pandemie und ihre Folgen, über das gefährdete Weltklima. Düstere Stimmung beherrscht dann unsere Herzen, unsere Sinne, unseren Verstand!

Wie kann der Beter angesichts dieser Düsternisse und Gefährdungen seiner Freude so einfach freien Lauf lassen? Der Vers zuvor (9,2) verrät es: „Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder.“ Also will ich es machen wie er: Ich will meinen Blick vom Betrüblichen und Düsteren losreißen und im Glauben aufsehen auf den, der Herz und Sinne fröhlich machen kann. Dann müssten mir wie dem Psalmbeter seine Wunder scheinen wie die strahlende Sonne, die mein Leben erhellt.

Wunder sind ja gerade das, was ich nicht voraussehen kann. Sie lassen mich ausrufen: „Das hätte ich niemals erwartet! Damit hätte ich nie gerechnet! Was für eine freudige Überraschung!“ Wie ein Wunder, ja, nicht nur wie! Ein wirkliches Wunder! Davon gibt es, wenn wir dem Psalmbeter glauben, nicht nur einige, wenige, seltene, sondern viele! Wie könnte er sonst über „alle deine Wunder“ erzählen?

Alle deine Wunder: Mir reicht gerade ein kleines, das mich in seinen stillen Lobgesang einstimmen lässt. Beim Erwachen schimmerte die aufgehende Sonne durch die Vorhänge meines Fensters, nicht lange, dann zogen sich Wolken zusammen. Aber in dem Moment dachte ich: Was für ein Tag, mein Gott, ein neuer Tag! Für mich! Oder kürzlich rief mich meine Tochter an: Die Prüfung endlich geschafft! Und das glänzend! Was für eine Leistung, die sie nach so vielen Jahren bewältigt hat. Voller Dankbarkeit bin ich! Oder, auch wenn es eine Weile zurückliegt. Mein Arzt rief mich an: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Deine Blutwerte sind in Ordnung!“ Ich atmete tief durch und, nachdem ich das Handy beiseitegelegt hatte, dankte ich Gott von Herzen!

Gut und schön, könnte mir jemand erwidern: „Schön und gut, wenn du mit dem Psalmbeter so fröhlich singen kannst! Aber mir sind Singen und Beten vergangen und alle Freude geschwunden! Was soll mir dann diese Losung?“ – „Sie will Ihnen helfen, Ihre Augen aufzuheben zu dem, der damals das Dunkel des Psalmbeters gewendet hat. Er wird auch Ihre Nacht erhellen, wenn die Liebe Gottes wieder aufleuchtet.

Aber wie kann sie aufleuchten dort, wo sich trotz fröhlicher Losung mein Leben verdüstert hat? – Ich will mich meinem Jesus zuwenden: Denn an ihn kann ich mich halten, wenn Schweres und Leidvolles mein Leben verdüstert. Er hat das vermocht, was mir als Mensch unmöglich ist: Inmitten des Leidens an Gott als seinem liebenden und geliebten Vater festzuhalten. Mit ihm, durch ihn und in ihm will ich – blind noch und doch voller Vertrauen – auf das Wunder meines Lebens warten, damit ich mit dem Psalmbeter aufs Neue singen kann: „Ich freue mich und bin fröhlich in dir“! Ja, ich „lobe deinen Namen“.

Autor: Pastor Dr. Georg Gremels


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