Brauchen wir die Viertagewoche? Und können wir sie uns leisten?

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Ein Streitgespräch mit Oliver Picek vom sozialliberalen Thinktank Momentum Institut und der Direktorin des wirtschaftsliberalen Thinktanks Eco Austria Monica Köppl-Turyna

Jede Woche langes Wochenende und trotzdem gleich viel verdienen. Für manche ist es eine unfinanzierbare Utopie, eine Mehrbelastung für Betriebe, die speziell in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg etliche Unternehmen in den Ruin treiben würde. Für andere ist es die logische und überfällige Konsequenz aus gesteigerter Produktivität und nicht im selben Ausmaß gestiegenen Löhnen – eine Forderung die in einer gewerkschaftlich organisierten Gesellschaft beinahe schon zwingend aufkommen müsse.

Die Viertagewoche polarisiert. Das hat allerdings jede Wochenstundenreduktion vorher auch schon getan und dennoch wurden sie auf gesellschaftlichen Druck hin umgesetzt und dennoch ist die Wirtschaft weiterhin gewachsen, argumentiert etwa der Ökonom Oliver Picek vom sozialliberalen Thinktank Momentum Institut im Edition-Zukunft-Podcast. "Allein seit 2000 sind wir um ein Viertel produktiver geworden", sagt Picek. Es gebe zudem einen finanziellen Spielraum, denn die gesteigerte Produktivität wurde nicht an die arbeitende Bevölkerung weitergegeben, sondern resultierte in höheren Gewinnen für die Arbeitgeber. Diese müssten halt auch einmal dazu bereit sein, hin und wieder auf ein paar Prozent Gewinn zu verzichten und dafür ließe sich etwa auch ein Arbeitstag einsparen. "Bei all jenen, die es freiwillig probiert haben, sieht man eigentlich nur positive Aspekte", sagt Picek.

Die Ökonomin Monika Köppl-Turyna vom wirtschaftsliberalen Thinktank Eco Austria ist anderer Ansicht. "Wäre das Modell so erfolgreich, würden es doch viel mehr Unternehmen längst tun", sagt sie. Sie erkennt in vereinzelten Studien durchaus auch die gesteigerte Produktivität, die eine Arbeitsverkürzung mit sich bringen kann. Das beschränke sich aber lediglich auf ein paar Branchen, die es sich nunmal leisten könnten auf Gewinne zu verzichten. Grundsätzlich sähe sie aber lieber bessere Kinderbetreuungsmöglichkekiten und andere Steueranpassungen, die ein flexibleres und produktiveres Arbeiten erlauben. Picek glaubt auch dank Viertagewoche "wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie viel besser möglich sein". Beide sind sich jedoch einig, dass in Österreich generell eine Unternehmenskultur fehle, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Vordergrund stellt.

Befürworter der Wochenstundenreduktion bringen vor allem aber auch immer wieder gesundheitliche Aspekte ins Spiel. So würden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer deutlich seltener krank, seien deutlich besser erholt und könnten in weniger Zeit mehr wertvolle Arbeit leisten. Spanien wagt jetzt jedenfalls den landesweiten Versuch und testet die Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich. Einen vergleichbaren Test in Österreich würde Picek sehr gerne sehen. Köppl-Turyna ist dafür, dass man dem Steuerzahler über die Risiken aufklärt und dann auch die Frage stellt "Bist du bereit dieses Experiment zu finanzieren?". Wenn diese das wollen, spreche nichts dagegen.

Ein Streitpunkt, wo sich auch die Experten uneins sind, ist die Frage der Beschäftigung: Sprich: Werden die Unternehmen einfach mehr Leute einstellen, um die entgangene Arbeitszeit zu kompensieren? Picek nennt Studien, die für Österreich bis zu 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze errechnen. Köppl-Turyna sieht aufgrund internationaler Vergleiche diese Zahlen nicht für haltbar. Für Picek ist es letzten Endes ein "Entdeckungsprozess für viele Firmen, die auch einmal Dinge ausprobieren müssen". Vor zehn Jahren hätte niemand gedacht wie weit die Tests jetzt schon sind. Bleibt zu sehen, was sich in zehn Jahren getan haben wird.

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