www.deutschlandfunkkultur.de: Berichten über Corona: "False Balance" ist ein fataler Fehler

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Die Wissenschaft hat viel erreicht. 2021 können sich fast alle Menschen darauf einigen, dass wir auf einer (etwas unrunden) Kugel leben, die um die Sonne kreist. Ein paar Flacherdler gibt es immer noch, aber immerhin kommen Medien nicht auf die Idee, Fakt und Fiktion als unterschiedliche Positionen auf einem breiten Meinungsspektrum darzustellen.

Leider funktioniert Wissenschaftsjournalismus nicht immer so rational. Es gibt nur wenige Forscherïnnen, die die menschengemachte Klimakrise als natürliche Warmzeit bezeichnen. Trotzdem erhält diese Minderheitenmeinung unverhältnismäßig viel mediale Aufmerksamkeit.

Auf ein ähnlich gefährliches Beispiel von "False Balance" weist die Kommunikationswissenschaftlerin Maren Urner hin. Sie glaubt, dass sich Journalistïnnen vom Anspruch verabschieden müssen, immer auch die Gegenseite darzustellen: "Auch in der Wissenschaft ist es wichtig, verschiedene Positionen darzustellen. Aber eben nicht, wenn die sich nicht an den wissenschaftlichen Prozess halten."

Dieses Zitat stammt aus dem knapp einstündigen Breitband-Talk, den ich hier piqe. Philip Banse spricht mit Urner, dem Wissenschaftsjournalisten Lars Dittrich und der Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess über "Wissenschaft in den Medien". Der Fokus liegt dabei auf der Berichterstattung über das Coronavirus.

Die Kritik an der False Balance ist nur einer von vielen interessanten Denkanstößen. Dittrich wünscht sich etwa, dass Medien weniger über Ergebnisse und mehr über Prozesse berichten sollten:

Wenn ich verstehe, was in der Wissenschaft gemacht wurde, habe ich einen besseren Zugang dazu, was man damit sagen kann und was nicht. Dann bin ich auch weniger überrascht, wenn demnächst ein scheinbar gegensätzliches Ergebnis verkündet wird.

Tatsächlich fördert Wissenschaft selten endgültige Wahrheiten zutage. Das gilt auch für das Coronavirus, sagt Gess:

Das Problem ist, dass in vielen Köpfen eine falsche Vorstellung von Naturwissenschaft herumspukt: dass "die Wissenschaft" "die Wahrheit" über Corona liefern könne. Und dass das Bewusstsein, dass wissenschaftliche Ergebnisse überholbar sind, zu fehlen scheint.

Deshalb sei es wichtig, dass Medien die Forschungsprozesse und die Komplexität thematisieren. Während Klimaforscherïnnen seit Jahrzehnten die globale Erhitzung untersuchen und sich ein gewisser Konsens herausgebildet hat, ist die Forschung zum Coronavirus Wissenschaft auf Speed: brutaler Druck, gewaltige Geschwindigkeit, jede Aussage wird massenhaft rezipiert und dient als Grundlage für politische Entscheidungen.

Das ist verständlich. Seit mehr als einem Jahr prägt das Coronavirus unseren Alltag. Menschen hängen an den Lippen von Christian Drosten, Medien berichten über jede neue Studie. Trotzdem glaube ich, dass Journalistïnnen aufhören müssen, über Wissenschaft zu berichten wie über Sport oder Politik. Dieser Podcast liefert viele kluge Ideen, was sich ändern müsste.

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